RKI-Chef Lothar Wieler | AFP

RKI-Chef Wieler besorgt "Infektionsgeschehen kann schnell kippen"

Stand: 10.12.2020 11:41 Uhr

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen und Todesfälle in Deutschland erreichte zuletzt wieder neue Höchstwerte. Diese Entwicklung besorgt den RKI-Chef Wieler. Er warnte vor der Rückkehr des exponentiellen Wachstums.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hält den zuletzt wieder registrierten Anstieg bei den Corona-Neuinfektionen für "besorgniserregend". "Die Lage ist nach wie vor sehr ernst", sie habe sich seit der vergangenen Woche verschlechtert, sagte Wieler bei der RKI-Pressekonferenz. Das Plateau, auf dem man sich befinde, sei "äußerst fragil". "Das Infektionsgeschehen kann schnell wieder kippen", warnte Wieler, es könne schnell wieder zu einem exponentiellen Wachstum der Neuinfektionen in Deutschland kommen. Das müsse man verhindern.

Wieler erklärte die Situation damit, dass das Coronavirus in der Bevölkerung sehr verbreitet sei. Umso wichtiger sei es deshalb, die Schutzmaßnahmen einzuhalten. Nach Angaben des RKI ist besonders die Lage in den Alten- und Pflegeheimen schwierig. Es gebe dort aktuell fast doppelt so viele Ausbrüche wie im Frühjahr. Pro Ausbruch seien im Durchschnitt fast 20 Menschen betroffen.

Wieler für harten Lockdown

Innerhalb Deutschlands sieht das RKI große Unterschiede: In manchen Regionen gelinge es offenbar besser als in anderen, Infektionen zu verhindern. "Das zeigt, dass Infektionsschutzmaßnamen wirken, wenn sie effektiv umgesetzt werden", sagte Wieler. Die Leiterin des RKI-Lagezentrums, Ute Rexroth, ergänzte, besonders besorgniserregend sei die Lage in Thüringen und Sachsen.

Um die Situation wieder in den Griff zu bekommen, reicht nach Wielers Ansicht der Teil-Lockdown nicht aus. Die Kontakte der Bevölkerung müssten um mindestens 60 Prozent reduziert werden, die aktuellen 40 Prozent seien zu wenig. Irland und Belgien hätten mit einem harten Lockdown die Kontakte erfolgreich um mehr als 60 Prozent gesenkt und damit Ansteckungen reduziert. Zu härteren Maßnahmen gebe es auch in Deutschland keine gute Alternative, sollten die Kontakte nicht noch vorher deutlich stärker reduziert werden.

Forderungen nach härteren Maßnahmen gibt es auch aus der Politik. Für dringend erforderlich hält es CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, die Ansteckungszahlen noch vor den Feiertagen deutlich zu drücken: "Um dann auch Weihnachten näher an einer Normalität zu erleben." Dobrindt hat bei Verschärfungen vor den Festtagen vor allem die Schulen im Auge, wie er im ARD-Morgenmagazin erklärte: Diese könnten zu Fernunterricht oder geteilten Klassen übergehen.

Noch weiter gehen will der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio fordert: "Unter anderem, dass Schulen so schnell wie möglich geschlossen werden, bevorzugt zu Beginn kommender Woche." Zudem sollte der Alkoholausschank im öffentlichen Raum verboten und an die Bürger appelliert werden, nicht zu reisen. Erlaubt werden sollten nur kleine Weihnachtsfeiern, in Innenräumen bevorzugt mit Maske.

Schärfere Maßnahmen nach Weihnachten immer wahrscheinlicher

Wann das nächste Treffen der Länderchefs mit Kanzlerin Angela Merkel zu Corona-Maßnahmen stattfindet, steht noch nicht fest. Merkel hatte ebenfalls gefordert, nach Weihnachten nicht dringend benötigte Geschäfte bis zum 10. Januar zu schließen.

Dass für die Zeit ab den Weihnachtstagen das öffentliche Leben so gut wie völlig heruntergefahren wird, erscheint somit zunehmend wahrscheinlicher. Dafür, nicht nur die Schulen, sondern auch viele Geschäfte bis zum 10. Januar zu schließen, wirbt jedenfalls auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder: "Einfach mal alles runterfahren. Von den Geschäften bis hin zu den Betriebsferien in den Unternehmen. Wenn alle mitmachen, wäre das super. Eine bessere Zeit als die bis 10. Januar werden wir im ganzen Jahr gar nicht mehr finden."

23.679 Neuinfektionen

Die Zahl der Coronavirus-Neuinfektionen hatte in Deutschland zuletzt einen neuen Höchststand erreicht: Die Gesundheitsämter meldeten dem RKI bis Mitternacht 23.679 bestätigte Fälle binnen 24 Stunden. Das sind 1633 mehr Neuinfektionen, als am Donnerstag vergangener Woche hinzugekommen waren. Der bisherige Rekordwert lag am 20. November bei 23.648 Neuinfektionen.

Zudem starben in Deutschland mittlerweile insgesamt mehr als 20.000 Menschen an oder mit dem Virus. Die Zahl stieg um 440 auf 20.372. Am Vortag war mit 590 Toten ein Höchstwert gemeldet worden. In der Tendenz war die Zahl der täglichen Todesfälle zuletzt nach oben gegangen, was nach dem steilen Anstieg bei den Neuinfektionen erwartet wurde.

Mit Informationen von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. Dezember 2020 um 10:00 Uhr.