Ein Student im Praktischen Jahr am Universitätsklinikum Heidelberg untersucht in der Chirurgie einen Patienten mit einem Stetoskop.  | Bildquelle: dpa

Reizdarm-Syndrom Viele Betroffene, mangelhafte Versorgung

Stand: 28.02.2019 15:26 Uhr

Das Reizdarm-Syndrom ist oft ein Tabuthema. Es ist unangenehm - und gar nicht so selten. Laut der Krankenkasse Barmer gibt es Schwierigkeiten bei der Erkennung und Behandlung.

Von Vera Wolfskämpf, ARD-Haupstadtstudio Berlin

Zur besten Sendezeit im Fernsehen läuft diese Werbung:

"Früher habe ich mich so geschämt - unsicher gefühlt. Ich hatte immer wieder Durchfall und Blähungen - ein gereizter Darm. Ich war unglücklich!"

Solche Werbung irritiert den Vorstandschef der Barmer, Christoph Straub: "Da wird den Zuschauern suggeriert: Einfach eine Tablette oder ein paar Tropfen eines wahrscheinlich rein pflanzlichen Mittels einnehmen und schon lösen sich dann quälende Durchfälle, Verstopfungen, Bauchschmerzen, Krämpfe in Wohlgefallen auf. So einfach ist es aber leider nicht."

Viele Symptome, viele Ursachen

Denn das Reizdarm-Syndrom zeigt sich nicht nur in vielen Symptomen, sondern hat meist auch mehrere Ursachen. Die Barmer hat für ihren Arztreport Daten von mehr als zehn Prozent der Bevölkerung erfasst. Hochgerechnet hätten demnach eine Million Menschen in Deutschland 2017 die Diagnose Reizdarm erhalten. Dabei geht längst nicht jeder zum Arzt. Insgesamt könnte es bis zu elf Millionen Betroffene geben.

Der Report zeigt auch, dass der Reizdarm oft erst nach unzähligen Untersuchungen und Arztbesuchen festgestellt wird. Das liegt zum einen daran, dass erst alle anderen körperlichen Ursachen ausgeschlossen werden müssen.

Zum anderen würden Ärzte viel zu oft bildgebende Verfahren wie CT oder MRT anwenden, anstatt den Patienten zu seinem Lebensstil zu befragen. Das kritisiert der Allgemeinmediziner Joachim Szecsenyi. Er forscht zum Gesundheitswesen am aQua-Institut Göttingen, das auch den Barmer-Arztreport erstellt hat.

"Das ist ja unser Grundproblem, dass Gesprächsleistungen eher schlechter vergütet werden als diagnostische Leistungen", so der Mediziner.

Häufig folgt der Griff zu Schmerzmitteln

Auch bei der Behandlung übt der Arztreport Kritik. Viel zu oft würden einfach Schmerzmittel verschrieben, die auch abhängig machen können.

"Es gibt jetzt nicht die eine Therapie für Patienten mit Reizdarmsyndrom", so der Allgemeinmediziner und Versorgungsforscher Szecsenyi. "Aber was man vermeiden sollte, ist, bei Schmerzen Opioide zu geben, oder weil es eben auch Bauchgrummeln gibt, auf einen Protonenpumpenhemmer zu gehen."

Letzteres sind Magensäureblocker, die fast 40 Prozent der Betroffenen bekommen. Das Reizdarmsyndrom habe aber nicht nur körperliche Ursachen. Oft spiele die Psyche eine Rolle. Und so zeigt sich bei dieser wie bei vielen psychosomatischen Krankheiten: Zunehmend sind junge Menschen betroffen. 68.000 Mal wurde der Reizdarm bei 23- bis 27-Jährigen festgestellt. Damit haben die Fälle mehr als in anderen Altersgruppen zugenommen, von 2005 bis 2017 um 70 Prozent.

Reflexion des Essverhaltens nötig

"Ob sie wirklich häufiger das Problem haben oder damit häufiger ärztliche Versorgung in Anspruch nehmen, das können wir gar nicht sicher sagen", so Barmer-Vorstandschef Straub. "Aber wir sehen, dass wir - sei es Reizdarm oder Kopfschmerzen - einen deutlichen Anstieg sehen bei jungen Menschen. Sie sind belastet."

Über die Gründe wird viel gemutmaßt. Ob es am beschleunigten Alltag, an der ständigen digitalen Verfügbarkeit liegt? Jedenfalls scheint es an Strategien zu fehlen, mit diesem Stress umzugehen. Und gerade bei einer Krankheit wie Reizdarm können die Betroffenen selbst viel tun, so Barmer-Chef Straub: "Dazu gehört eine Reflexion des Essverhaltens, der Ernährung, aber auch Sport und Entspannungstechniken können helfen. Ganz wichtig ist, dass die Betroffenen lernen mit den psychosozialen Stressfaktoren umzugehen."

Nur eine Tablette oder ein paar Tropfen gegen Reizdarm, das sei jedenfalls zu kurz gegriffen.

Barmer-Report zu Reizdarm: Viele Betroffene, mangelhafte Versorgung
Vera Wolfskämpf, ARD Berlin
28.02.2019 14:28 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. Februar 2019 um 15:20 Uhr.

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