Tim Herden
Interview

Einschätzungen zun Rededuell "Merkel staatsmännisch, Steinbrück angriffslustig"

Stand: 18.10.2012 13:19 Uhr

Wie haben sich Merkel und Steinbrück bei ihrem ersten Rededuell geschlagen? Tim Herden hat die Debatte für die ARD beobachtet und kommentiert. "Unentschieden", so sein Fazit. Im tagesschau.de-Gespräch erklärt er, warum es für den Herausforderer Steinbrück trotz dessen "Angriffslust" schwer werden könnte.

tagesschau.de: Wer hat denn Ihrer Meinung nach das Rededuell gewonnen?

Tim Herden: Es ist unentschieden ausgegangen. Merkel ist das Duell ganz bewusst sehr sachlich und staatsmännisch angegangen und hat nicht versucht, bereits den Wahlkampf zu eröffnen. Das war sicher von Vorteil für sie. Auch Steinbrück ist nicht der Versuchung erlegen, aus dieser Europa-Debatte ein Wahlkampfduell zu machen. Aber er war angriffslustiger als Merkel. Trotzdem wird er wohl den Wahlkampf aus einer staatsmännischen Position führen wollen. Da ist er ganz anders als Gerhard Schröder, der gerade im Wahlkampf sehr emotional auftrat und mit den Mitteln der Rhetorik und Gestik die Wähler angesprochen hat.

tagesschau.de: Was waren die stärksten Momente in Angela Merkels Regierungserklärung?

Herden: Ich fand sehr bemerkenswert, dass sie klar gesagt hat, dass Griechenland im Euro bleiben soll. Das wird ja sicher nicht bei allen in der Regierungskoalition auf Wohlwollen treffen. Sie hat auch Verständnis dafür gezeigt, dass der Reformprozess in Griechenland außerordentlich schwer ist.

Ich fand auch sehr interessant, wie sie zum Schluss vehement für Europa geworben hat. Viele haben sich ja gewünscht, dass sie mal ein klares und kämpferisches Bekenntnis zu Europa ablegt. Nun liegt es nicht ganz in ihrer Persönlichkeit, kämpferische Reden zu halten, aber im Rahmen dessen fand ich das schon sehr stark. Ein gutes Beispiel dafür war, klar zu machen, dass Europa Demokratie, Pressefreiheit und Demonstrationsrecht bedeutet, also mehr ist, also nur eine ökonomische Größe.

"Steinbrück hat gute Analyse der Regierungspolitik geliefert"

tagesschau.de: Und womit hat Steinbrück am meisten überzeugt?

Herden: Er hat gut analysiert, wie sich die Positionen der Regierungskoalition in den letzten Monaten immer wieder verändert haben. Zum Beispiel beim Thema Griechenland. Im Sommer gab es gerade von CSU und FDP vehemente Drohungen, Griechenland aus der Euro-Zone zu drängen. Dazu heute dann das Bekenntnis Merkels, Griechenland solle unbedingt im Euro bleiben. Ich habe allerdings bei Steinbrück vermisst, dass er klarer die SPD-Position herausstellt und sagt, wo eine SPD-Regierung denn in Europa hin wolle. Da hat er nur wenige Stellen seines Finanzkonzepts zitiert. Und das wird sicher auch die Schwierigkeit für die SPD im Wahlkampf - sich deutlicher gegenüber Merkels Krisen-Politik abzugrenzen.

Angela Merkel

Merkel gibt sich in ihrer Regierungserklärung staatsmännisch ...

Peer Steinbrück

... ihr Herausforderer Steinbrück ist da schon angriffslustiger.

tagesschau.de: Wie haben die beiden ihren Auftritt angelegt?

Herden: Steinbrücks Stärke liegt in seiner lakonischen Vortragsart, er ist süffisant und ironisch und das hat er heute auch ausgespielt, um damit Effekte zu erhaschen. Und Merkel hat überzeugt, indem sie sich selbst treu bleibt. Sie setzt nicht auf Emotionen, sondern versucht immer sachlich die Probleme und ihre Positionen darzustellen. Ihr Ziel ist es, die Leute durch Argumente zu überzeugen.

"Der Wahlkampf wird sachlich, nicht emotional"

tagesschau.de: Lässt dieser Auftritt bereits Rückschlüsse darauf zu, wie der Wahlkampf geführt werden wird?

Herden: Ja, wir haben davon schon einen Eindruck bekommen. Dieser Wahlkampf wird sich auf einer sehr sachlichen, politischen Ebene abspielen. Es wird wohl kein emotionaler Wahlkampf werden. Beide werden ihn aus einer staatsmännischen Position heraus führen.

tagesschau.de: Und welche Prognosen lässt der heutige Tag auf Steinbrücks Rolle als Herausforderer zu?

Herden: Ich glaube, dass es für ihn sehr schwer wird. Einfach deshalb, weil er es schwer haben wird, die Alternative aufzuzeigen. Warum soll man Steinbrück wählen, wenn er gar nicht so anders als Merkel ist? Hier liegt die Schwäche des Kandidaten Steinbrück. Hinzu kommt, dass er mit seinem Wahlkampfstil nur schwer die Herzen der Menschen erreicht. Da fehlt ihm vielleicht - das sagt er ja auch selbst - das Gen, um den offenen Kampf zu suchen.

"SPD muss glaubwürdige Alternative liefern"

tagesschau.de: Ist nicht seine finanzpolitische Kompetenz gerade jetzt ein starker Trumpf?

Herden: Das ist natürlich von Vorteil für ihn, und mit Blick auf die anderen möglichen SPD-Kandidaten ist er schon der richtige Mann für einen Euro-Wahlkampf. Aber wenn es der SPD und Steinbrück nicht gelingt, eine glaubwürdige und auch bezahlbare Alternative zur Regierungspolitik anzubieten, wird es ihnen auch nicht gelingen, eine Wechselstimmung in der Bevölkerung hervorzurufen. Steinbrück hat das zwar mit seinem Finanzmarktkonzept versucht, aber ob das allein reichen wird, ist fraglich.

tagesschau.de: Wie stehen Steinbrücks Chancen ins Kanzleramt einzuziehen?

Herden: Ich würde sagen fifty-fifty.

Das Gespräch führte Sandra Stalinski, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Oktober 2012 um 12:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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wzms00 18.10.2012 • 19:52 Uhr

Da es keinen klaren Unterschied gibt zwischen CDU und SPD

plädiere ich für eine Neuauflage der Großen Koalition. Dann brauchen wir diese gelbe, eindimensionale Steuersenkungspartei nicht mehr, und nach den Wahlen in Bayern kehrt auch bei der CSU hoffentlich wieder Ruhe ein. Kleine Parteien, die ums Überleben kämpfen, lenken nur von den wichtigen Aufgaben ab. Ich hatte schon bei der ersten Auflage der Großen Koalition den Eindruck, daß viele SPD Minister eigentlich stärker waren. Nur wurde die SPD für ihre Arbeit bei den letzten Wahlen nicht belohnt.