Interview

Interview zur Raumfahrtstrategie "Jeder sollte mal ins Weltall fliegen"

Stand: 30.11.2010 18:52 Uhr

Kommerzieller als früher und ohne Glanz - so bewertet Ulrich Walter, Professor für Raumfahrttechnik, die neue Raumfahrtstrategie der Bundesregierung. Im tagesschau.de-Interview plädiert der frühere Astronaut für Weltraumtourismus und kritisiert, dass darüber kein einziges Wort in dem Strategiepapier zu finden ist.

tagesschau.de: Zwar mehr Geld für Raumfahrt, aber keine spektakulären Projekte wie etwa eine Mond-Mission: Wie bewerten Sie die Raumfahrtstrategie der Bundesregierung?

Ulrich Walter: Es hat sich nichts Wesentliches an der Weltraumpolitik geändert. Die Erderkundung und die Raumstation als Ort der wissenschaftlichen Forschung stehen weiter im Mittelpunkt. Diese Strategie sagt auch, dass der Nutzen stärker in den Vordergrund treten soll, insbesondere die Nutzung von Erderkundungsdaten. Das heißt, dass private Anbieter gefördert werden sollen, die mit solchen Daten Geld verdienen. Auch kommerzielle Kommunikationssatelliten sollen gefördert werden. Kommerzieller werden - das ist der Tenor der neuen Raumfahrtstrategie. 

alt Ulrich Walter

Zur Person

Ulrich Walter, Jahrgang 1954, ist Professor für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München. Der Physiker flog 1993 an Bord der US-Raumfähre Columbia ins All.

tagesschau.de: Wie finden Sie das?

Walter: Die Strategie ist angemessen. Sie ist nichts Neues. Und es fehlt ein Glanzlicht. Ich stimme der Bundesregierung zu, dass die Raumfahrt kommerzieller werden muss. Aber es gibt auch eine Faszination. Die Leute interessiert beim Thema Auto ja auch nicht nur, welche neuen Modelle es von Audi oder BMW gibt - sondern die Formel 1. Da schalten die Zuschauer zu. In der Raumfahrtstrategie steht nichts davon.

tagesschau.de: Woran denken Sie?

Walter: Wollen sie bemannt oder unbemannt zum Mond oder zum Mars? Wenn sie zum Mars wollen - wie sieht es aus mit Leben auf anderen Planeten? Sind wir die einzigen im Universum? Können wir einer Vernichtung der Erde entgehen, indem wir ein Abwehrsystem gegen Asteroiden bauen? Das sind faszinierende Fragen der Raumfahrt, auf die überhaupt nicht eingegangen wird!

In dem Papier steht nur: "Wir werden darüber mit unseren Partnern in Europa, Amerika und Japan im Gespräch bleiben." Nach dem Motto: Wir werden mit denen sprechen, aber was wir wollen, wissen wir noch nicht. Das finde ich sehr enttäuschend.

tagesschau.de: Was würden Sie sich wünschen?

Internationale Raumstation ISS (Archivfoto vom 19.02.2010)
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Die Internationale Raumstation ISS (Archivfoto vom 19.02.2010): Kooperationspartner sind die USA, Russland, Japan, Kanada und elf Mitgliedsstaaten der ESA - darunter Deutschland.

Walter: Es ist ja richtig, dass die Nutzung der Raumfahrt sehr wichtig ist. Das sollte, würde ich sagen, 80 Prozent der Raumfahrtmittel ausmachen. Aber es bleiben immer diese 20 Prozent: Wir Deutschen sollten auch größere Ziele in der Raumfahrt verfolgen. Das könnten wir sogar alleine. Die Steinkohlesubventionen belaufen sich im Augenblick auf vier Milliarden Euro. Wenn wir das einsetzen würden, könnten wir allein eine bemannte Mondmission machen. 

tagesschau.de: Das würden Sie in die Regierungsstrategie schreiben?

Walter: Ja. Erst unbemannt, dann bemannt - das fände ich gut. Allerdings würde ich das nicht allein machen, sondern in Kooperation mit anderen europäischen Nationen oder mit Indien oder Japan.

tagesschau.de: Warum mit Indien oder Japan?

Walter: Das sind aufstrebende Nationen, die haben Biss, die wollen was Neues. Sie suchen die Herausforderung, und das ist gut. 

tagesschau.de: Wir könnten die spektakulären Missionen aber doch auch künftig getrost den anderen Raumfahrtnationen überlassen, die für die Erkundung des Weltalls brennen.

Envisat - hier eine Fotomontage
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Kein Glanzlicht? Der Umweltsatellit Envisat (Fotomontage)

Walter: Gehen sie mal auf die Straße und fragen einen Jungen: Was machen die Deutschen in der Raumfahrt? Da wird er sagen: Keine Ahnung. Fragen Sie aber nach den Amerikanern, wird er sagen: Die waren auf dem Mond, die haben eine Raumstation. Solche Briefe kriege ich ja tagtäglich. Weil das die Jugendlichen fesselt. Weiß denn einer, dass wir einen Envisat haben, der zum Beispiel den Ozon-Gehalt der Atmosphäre ganz präzise misst? Der hat 2,3 Milliarden Euro gekostet. Ich war dafür, dass er gebaut wurde. Aber das ist eben kein Glanzlicht.

Die Faszination Raumfahrt kann aber der ganzen Gesellschaft zugute kommen. Sind die jungen Leute fasziniert, engagieren sie sich auch, bringen Spitzenleistungen. Im Automobilbau gibt es das in Deutschland: Die jungen Leute sind Feuer und Flamme, strengen sich an und bauen wirklich neue, gute Autos. Wenn diese Faszination aber nicht da ist, dann wird alles Durchschnitt. Deshalb bin ich auch sehr stark für Weltraumtourismus.

tagesschau.de: Das sagen sie als ehemaliger Astronaut?

Ulrich Walter
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Ulrich Walter als Crew-Mitglied der Columbia.

Walter: Ja. Es verändert einen, wenn man ins All fliegt. Man sieht die Probleme, die Zusammenhänge auf der Erde in ganz anderem Licht. Wenn sie da oben sind und auf Deutschland blicken und sehen, dass es gar keine Grenzen gibt, sondern nur Kontinente. Dass das alles Schmarrn ist, was in den Atlanten steht. Es ist eine Frage der Selbsterkenntnis. Man blickt sozusagen in sein eigenes Spiegelbild. Warum bin ich hier, was ist der Sinn meines Seins? Deshalb ist es so wichtig, dass jeder mal da oben hinkommt. Komischerweise steht über Weltraumtourismus überhaupt nichts in der deutschen Strategie. Dabei wird das der kommerzielle Nutzen der Raumfahrt in den nächsten Jahrzehnten in Amerika werden.

Das Interview führte Claudia Witte, tagesschau.de.

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