Wundversorgung durch einen ambulanten Pflegedienst in der Wohnung eines Patienten | Bildquelle: picture alliance / Hans Wiedl/dp

Pflegende Angehörige An der Grenze der Belastbarkeit

Stand: 08.11.2018 14:20 Uhr

Die Pflege eines Angehörigen ist emotional und körperlich für viele Menschen so belastend, dass sie kurz davor stehen, aufzugeben. Die Barmer Krankenkasse nennt die Ergebnisse ihrer Umfrage "besorgniserregend".

Waschen, Anziehen, Füttern, Medikamente geben - und einfach da sein: Einen Angehörigen zu pflegen, gleicht oft einem Vollzeitjob. Rund 2,5 Millionen Menschen hierzulande leisten diese Aufgabe und betreuen ihre Angehörigen zuhause. Wie belastend das sein kann, macht der neue "Pflegereport" der Barmer Krankenkasse deutlich: Rund sieben Prozent der pflegenden Angehörigen, 185.000 Frauen und Männer, haben demnach die Grenzen der Belastbarkeit erreicht und stehen kurz davor, aufzugeben. Rund 87 Prozent gaben an, gut oder meistens gut mit der Pflege zurecht zu kommen.

Die Betreuung bestimmt den Alltag

Die Kasse befragte nach eigenen Angaben 1900 pflegende Angehörige. 85 Prozent von ihnen gaben an, die Betreuung bestimme ihren Alltag. Die Hälfte der Befragten kümmert sich mehr als zwölf Stunden um den Pflegebedürftigen, jeder vierte Pflegende hat seinen Beruf deswegen reduziert oder ganz aufgegeben. Fast 40 Prozent von ihnen fehlt Schlaf, 30 Prozent fühlen sich in ihrer Rolle gefangen, und jedem fünften ist die Aufgabe eigentlich zu anstrengend. Häusliche Pflege wird zudem überwiegend von Frauen übernommen: 1,65 Millionen der 2,5 Millionen pflegenden Angehörigen sind weiblich.

Pflegende Familienangehörige sind nach den Angaben der Barmer zudem relativ häufig krank. So leiden 54,9 Prozent von ihnen unter Rückenbeschwerden und 48,7 Prozent unter psychischen Störungen. Bei Personen, die niemanden pflegen, trifft dies nur auf 51,3 Prozent beziehungsweise 42,5 Prozent zu.

Dabei gibt es zahlreiche Unterstützungsangebote wie Kurzzeit- oder Verhinderungspflege sowie Haushaltshilfen, die auch überwiegend positiv bewertet werden. Sie werden aber zu wenig genutzt, wie die Umfrage zeigt. Als Begründung werde oft genannt, es bestehe kein Bedarf oder die Leistung sei unbekannt.

"Ohne Angehörige geht es nicht"

Barmer-Vorstandschef Christoph Straub nannte die Ergebnisse "besorgniserregend" und mahnte bessere Unterstützung der Angehörigen an. "Ohne pflegende Angehörige geht es nicht", sagte der Vorstandsvorsitzende der Barmer, Christoph Straub. "Es ist höchste Zeit, dass sie schon frühzeitig besser unterstützt, umfassend beraten und von überflüssiger Bürokratie entlastet werden."

Der Patientenschützer Eugen Brysch forderte in einer Reaktion auf die Barmer-Studie eine staatlich finanzierte Lohnersatzleistung ähnlich dem Elterngeld. Dies könne zur Entlastung von pflegenden Angehörigen beitragen.

Mehre als doppelt so viele Pflegebedürftige seit 1999

Dem "Pflegereport" zufolge sind die Ausgaben der Pflegeversicherung 2017 um 7,25 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, die Einnahmen lagen um vier Milliarden Euro höher. Die Zahl der Pflegebedürftigen wuchs von 1999 bis 2015 bundesweit um mehr als 50 Prozent auf 3,04 Millionen Frauen und Männer.

Die Große Koalition will am Freitag ein umfassendes Pflegepaket im Bundestag verabschieden, das unter anderem ein Sofortprogramm für 13.000 neue Pflegestellen in der stationären Altenpflege beinhaltet.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 08. November 2018 um 13:00 Uhr.

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