Eine Pflegerin läuft Seite an Seite mit einer älteren Bewohnerin durch den Flur eines Altenpflegeheims. | dpa

Pflege in Corona-Zeiten Die Pandemie legt die Schwachstellen offen

Stand: 11.11.2020 16:49 Uhr

Auf dem Deutschen Pflegetag berät die Branche über die eigene Zukunft. Gerade durch die Corona-Pandemie werden Mängel in Pflegeeinrichtungen nur allzu deutlich: zu wenig Schutz, zu wenig Personal.

Von Angela Tesch, ARD-Hauptstadtstudio

Trotz hoher Pandemie-Zahlen will die Bundeskanzlerin im Herbst und Winter eines vermeiden: dass Menschen in Heimen isoliert werden und einsam sind. Der Schutz der Gesundheit von Pflegebedürftigen habe höchste Priorität, sagte Angela Merkel zum Auftakt des Deutschen Pflegetages:

Aber Schutz allein kann nicht die ganze Antwort sein. Pflegebedürftige Menschen brauchen neben Schutz auch Zuwendung, allen voran von ihren Angehörigen. Daher ist es wichtig, alle Spielräume für Besuche und soziale Kontakte auszuschöpfen.
Angela Tesch ARD-Hauptstadtstudio

Bundespflegekammer fordert besseren Schutz für Personal

Bundesweit geltende Besuchsempfehlungen für Einrichtungen der Langzeitpflege - das ist auch eine der Forderungen der Bundespflegekammer. Sie hatte sich im vergangenen Jahr gegründet, um die Interessen der 1,6 Millionen Beschäftigten in der Pflege zu vertreten.

Präsident Franz Wagner bekräftigte die Aussage der Bundeskanzlerin, dass gute Pflege auch gute Rahmenbedingungen brauche. Die müssten in zentralen Punkten verbessert werden. Das gelte auch für den Gesundheitsschutz der Mitarbeiter. Nötig sei ausreichend pandemietaugliche Schutzbekleidung. PCR-Tests müssten vorrangig ausgewertet werden und es dürfe nicht wieder dazu kommen, dass Pflegekräfte zwölf Stunden am Tag arbeiten müssten. Die Ausstattung mit Personal müsse deutlich verbessert werden, nach einem bundeseinheitlichen Personalbemessungsverfahren, forderte Wagner weiter. Dazu gehöre auch mehr Ausbildung und Qualifizierung, um den Bedarf zu decken.

Kliniken sollen planbare Operationen streichen

Mit dem Ruf nach mehr Geld fordert die Bundespflegekammer, die Gehälter in Altenheimen und Reha-Einrichtungen an die der Krankenhauspflege anzupassen. Das Lohnniveau für alle Pflegefachpersonen solle schrittweise auf ein Einstiegsgehalt von 4000 Euro brutto angehoben werden.

"Ganz konkret auf die Pandemie bezogen, fordert die Bundespflegekammer, dass planbare Operationen - soweit das vertretbar ist - verschoben werden müssen", so Wagner. Das so freiwerdende Personal solle auf Intensivstationen unterstützen und die Krankenhäuser müssten pauschal für Verdienstausfälle entschädigt werden.

 Versorgungslücken vor allem im ländlichen Raum

"Pflegefachpersonen sind unser wichtigstes Gut im Kampf gegen die Pandemie", sagte Patricia Drube, Präsidiumsmitglied der Bundespflegekammer. Auch bei klassischen Versorgungsangeboten in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und ambulanten Diensten würden sich Lücken auftun. Eine sichere Versorgung könne nicht immer gewährleistet werden. Das treffe besonders für die hochbetagten Menschen in ländlichen Gebieten zu.

Mehr Motivation durch mehr Verantwortung

Drube sprach von "überalterten Arztstrukturen", aufgrund derer eine "effizientere Aufgabenverteilung zwischen den Gesundheitsberufen" gefunden werden müsse. "Wir verschwenden im Moment Ressourcen durch Sektorengrenzen, durch Blockaden, die wir in unseren Sozialgesetzbüchern haben: Dahingehend, wer mit welcher Qualifikation was darf", warnte Drube und erinnerte daran, dass Pflegefachkräfte den unmittelbaren Kontakt zu Pflegebedürftigen haben. Wenn sie mehr Verantwortung bekämen, würde das mehr motivieren, als täglich nur auf Tour mit Medikamenten und Stützstrümpfen gehen zu müssen.

Bis morgen werden die Teilnehmer des Deutschen Pflegetages über ihre Branche und die Zukunft der Pflege diskutieren. Zuschalten lassen sich auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, Bundesarbeitsminister Hubertus Heil und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. November 2020 um 17:00 Uhr.