Eine Hinweistafel steht auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg | Bildquelle: picture alliance / dpa

Beratung zu NS-Opfergruppen Endlich Anerkennung für enormes Leid

Stand: 13.02.2020 08:41 Uhr

Wer sich nicht anpasste, wurde von den Nazis als "asozial" gebrandmarkt, verfolgt und gequält. Heute will der Bundestag beschließen, dass auch diese Menschen als NS-Opfergruppe anerkannt werden.

Von Barbara Kostolnik, ARD-Hauptstadtstudio


"Asoziale", "Berufsverbrecher": Bis heute haben diese Worte keinen guten Klang. Und genau genommen dürfte es sie auch gar nicht geben, erläutert die Linken-Politikerin Simone Barrientos. "Es gibt keine 'Asozialen', es gibt keine 'Berufsverbrecher', denn das ist ein Erb-Narrativ, ein Nazi-Narrativ".

In Nazi-Deutschland war man schnell als "asozial" gebrandmarkt: Es reichte schon, sich nicht anzupassen, unangenehm aufzufallen.

"Die Nationalsozialisten haben zum Beispiel unter 'Asoziale' alle versammelt, die nicht konform zu ihrem System waren, von Arbeitslosen über Obdachlose bis hin zu Hamburger Swing-Kids wurden alle darunter gefasst. Sie mussten ins KZ, Arbeitsdienst verrichten, wurden dort gequält, viele wurden ermordet", erklärt der Grünen Politiker Erhard Grundl, der sich sehr für die Anerkennung der "Grün- und Schwarzwinkler" einsetzt.

Essensausgabe im Steinbruch an Insassen des Konzentrationslagers Flossenbürg | Bildquelle: imago/ITAR-TASS
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Im KZ Flossenbürg soll es viele Betroffene gegeben haben, die die Nazis als "Asoziale" gebrandmarkt hatten.

Grüne und schwarze Winkel auf der Kleidung

In den Konzentrationslagern, allen voran im bayerischen Flossenbürg, mussten "Asoziale" und "Berufsverbrecher" grüne und schwarze Winkel auf der Häftlingskleidung tragen. Bis zu 70.000 Betroffene soll es gegeben haben. Genaue Zahlen gibt es nicht.

Um zum so genannten Berufsverbrecher zu werden, genügte es nach der Machtübernahme durch die Nazis 1933, in Vorbeugungshaft genommen zu werden, ohne Richterbeschluss und ohne diesen Freiheitsentzug anfechten zu können.

Wer überlebte, schämte sich oft

Der Sozialwissenschaftler Frank Nonnenmacher nennt ein Beispiel, wie schnell man stigmatisiert und entrechtet werden konnte: "Emil B. wurde denunziert, weil er ein Bajonett nicht abgeliefert und unter dem Bett versteckt hatte. Im Oktober 1940 wurde er wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt". Wenig später wurde der Mann nach Mauthausen deportiert und dort umgebracht.

Blick auf das eingezäunte KZ-Lager Flossenbürg nach der Befreiung durch die US-amerikanischen Truppen am 24. April 1945 | Bildquelle: picture-alliance / dpa
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Das KZ Flossenbürg wurde im April 1945 von US-amerikanischen Truppen befreit.

Wer überlebte, schämte sich oft - "Asoziale" und "Berufsverbrecher" hatten keine Lobby. Das ist bis heute der Fall. Da einige auch als Kapos - Häftlinge mit sogenannten Funktionsaufgaben - im KZ für die SS arbeiteten, könne man sie nicht pauschal als Opfergruppe anerkennen, ist ein Kritikpunkt. Er kommt vor allem von der AfD. Nonnenmacher widerspricht vehement:

"Es wird gesagt, dass diese bevorzugt als willige Helfer der SS gedient hätten. Als Kapo hat man sich nicht beworben, zum Kapo wurde man von der SS bestimmt, und deren Weisungen hatte man zu befolgen und zwar unter dem ständigen Risiko bei mangelnder Pflichterfüllung selbst gequält oder vernichtet zu werden."

Auch nach dem Krieg hörte die Stigmatisierung nicht auf, erklärt die Historikerin Julia Hörath. Polizei und Justiz, aber auch Heime und Behörden hatten bereits während der Nazi-Zeit kooperiert. "Wir haben in vielen Bereichen der Verwaltung, der Justiz und der Polizei starke personelle Kontinuitäten, und diese Beteiligung an der Verfolgung ist überhaupt nicht aufbereitet worden, weil kein Unrechtsbewusstsein bestand", so Hörath.

Wenige meldeten Anspruch auf Entschädigung

Nur wenige meldeten später Ansprüche auf Entschädigung an. Seit 1988 gingen etwa 330 Anträge ein. Und da auch die Betroffenen immer weniger werden, appelliert der FDP-Politiker Thomas Hacker an seine Bundestagskollegen, sich zu beeilen: "Die tatsächlichen finanziellen Auswirkungen dürften nicht mehr allzu groß sein, deswegen müssen wir vorankommen und müssen dann natürlich die Forschung intensivieren."

Der Plenarsaal im deutschen Bundestag. | Bildquelle: dpa
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Bundestag berät heute über eine Anerkennung weiterer NS-Opfergruppen.

Die Forschung hat diese Opfergruppe lange ignoriert. Und auch im Bundestag sah lange niemand die Notwendigkeit, für eine Rehabilitation zu sorgen. Nun aber hat sich die Große Koalition auf einen Antrag geeinigt, allerdings gibt es zum Leidwesen der SPD-Abgeordnete Marianne Schieder keinen fraktionsübergreifenden Antrag:

"Die Union ist nicht bereit, mit den Linken auch nur irgendetwas gemeinsam zu unternehmen, und sei es ein solcher Antrag, wo es inhaltlich überhaupt keine großen Differenzen gibt".

Eine kleine Lösung

Es wird also eine kleine Lösung geben: eine Wanderausstellung, die in Gedenkstätten gezeigt wird, mehr Aufklärung, mehr Forschung. Und endlich Anerkennung für enormes Leid.

"Niemand saß zurecht im KZ", sagt Schieder mit großem Nachdruck. Und FDP-Politiker Thomas Hacker von der FDP ergänzt. "Verbrechen, auch begangen an Verbrechern, sind Verbrechen."


Grüne Winkel, schwarze Winkel - vergessene Opfer der NS-Diktatur
Barbara Kostolnik, ARD Berlin
13.02.2020 06:59 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 13. Februar 2020 um 10:20 Uhr.

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