Eine Frau im amerikanischen Providence zieht eine Spritze auf. | dpa

Impfschutz bei Omikron "Wir fangen nicht bei null an"

Stand: 27.11.2021 18:19 Uhr

Die neue Omikron-Variante sorgt für Unruhe. Bleiben die vorhandenen Vakzine wirksam? Experten betonen: Die Impfung sei die beste Option, einen gewissen Impfschutz gebe es auf jeden Fall. Minister Spahn deutete an, dass 2G das ganze Jahr 2022 gelten könnte.

Angesichts der Ausbreitung der neuen Virusvariante Omikron rufen Wissenschaftler und Politiker dringend zu Corona-Impfungen auf. "Alle Menschen, die sich impfen lassen, fangen nicht bei null an, wenn sie sich mit einer neuen Variante infiziert haben", sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, bei einer Digitalveranstaltung des Bundesgesundheitsministeriums in Berlin. Geimpfte hätten schon einen "gewissen Impfschutz" gegenüber neuen Corona-Varianten, auch wenn der Grad der Wirksamkeit der Impfstoffe gegenüber Omikron derzeit noch nicht klar sei. 

Wichtig sei es nun, so viele Menschen wie möglich zu impfen, sagte Wieler. "Die Ungeimpften sind nach wie vor diejenigen, die am meisten zum Infektionsgeschehen beitragen."

2G im gesamten Jahr 2022?

Auch der geschäftsführende Gesundheitsminister Jens Spahn rief bei der Veranstaltung eindringlich zur Impfung auf - und brachte lange Einschränkungen für Ungeimpfte ins Spiel. Grundsätzlich sei er beim Thema Impfpflicht skeptisch. Eine Alternative, die zu diskutieren sei, sei durchgängig 2G für alle Lebensbereiche, also Zugang nur noch für Geimpfte und Genesene. Es könnte zu einer Ansage kommen: "Stellt Euch darauf ein, 2G, geimpft oder genesen, und zwar auffrischgeimpft dann ab einem Punkt x, gilt mindestens mal das ganze Jahr 2022. Wenn du irgendwie mehr tun willst als dein Rathaus oder deinen Supermarkt besuchen, dann musst du geimpft sein." Dies wäre eine ziemlich klare Ansage. Das sei eine Option, die besprochen werden müsse.

"Wir sehen ja alle, was los ist in diesem Land, weil elf Millionen Erwachsene sich haben noch nicht überzeugen lassen. Und darunter leiden jetzt alle", sagte Spahn.

Die aktuelle Lage sei sehr schwierig, betonte der amtierende Minister. Man müsse sich einmal vorstellen, was es bedeute, dass die Luftwaffe Patienten von einer Klinik zur anderen fliege - das sorge hoffentlich bei vielen noch einmal für einen "Weckruf", sich impfen zu lassen.

"Genug Impfstoff vorhanden"

Die Versorgung mit Corona-Impfstoff sei auch dann gesichert, falls sich die Omikron-Variante in Europa ausbreitet, sagte Spahn. Die EU habe für die kommenden beiden Jahre insgesamt zwei Milliarden Impfdosen bestellt - diese Bestellmenge sei auch dann gesichert, wenn der Impfstoff nun verändert werden müsse. "Wir haben Produktionskapazitäten, falls man den Impfstoff anpassen müsste", sagte Spahn. "Das ist genug, um Europa fast fünf Mal zu impfen."

"Das Virus findet die Ungeimpften"

Der Immunologie-Professor Leif Erik Sander zeigte sich zuversichtlich, dass die vorhandenen Impfstoffe bei Bedarf rasch an die Omikron-Variante angepasst werden können. "Wir sind optimistisch, dass wir bei so einer Variante nicht bei null anfangen", sagte er bei der Veranstaltung des Bundesgesundheitsministeriums. 

Das Immunsystem des Menschen sei "so aufgebaut, dass es gegen viele Teile im Virus Immunität aufbaut" - damit könne es auch gegen Mutationen wirksam sein, sagte der Mediziner. "Also wir haben immer ein Netz und einen doppelten Boden."

Auch Sander dringt auf mehr Impfungen, auch auf Auffrischungen. "Das Virus findet die Ungeimpften. So wird es bei diesen Varianten auch sein."

Geltungsdauer des Impfzertifikats soll verkürzt werden

Spahn deutete zudem an, die Gültigkeit des digitalen Corona-Impfzertifikats verkürzen zu wollen. Da der Impfschutz nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen nach einigen Monaten nachlasse, stehe nun eine Entscheidung darüber an, "dass dieses digitale Impfzertifikat angepasst wird an die tatsächliche Schutzwirkung." Die Verkürzung solle aber "nicht über Nacht" erfolgen, beteuerte der Minister. "Wir werden das so machen, dass jeder seine Auffrischimpfung hat kriegen können, um das Zertifikat zu verlängern." Zudem strebe er eine EU-weit abgestimmte Regelung zur Geltungsdauer des Digitalnachweises an.

Die bislang ausgestellten Impfnachweise, die etwa per Handy-App gespeichert und vorgezeigt werden können, sind auf zwölf Monate befristet.

67.125 Neuinfektionen

Die Zahl der Neuinfizierten erreichte derweil erneut einen Höchstwert. Laut Robert Koch-Institut (RKI) stieg die Sieben-Tage-Inzidenz auf 444,3 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Die Gesundheitsämter meldeten dem RKI binnen eines Tages 67.125 Corona-Neuinfektionen und 303 Todesfälle.

An Fahrt aufgenommen hat die Impfkampagne in den vergangenen Tagen. Mittlerweile haben mehr als zehn Prozent (8,6 Millionen Menschen) der Bevölkerung eine Auffrischungsimpfung erhalten. 56,9 Millionen Menschen und damit 68,4 Prozent der Gesamtbevölkerung sind mittlerweile vollständig gegen das Coronavirus geimpft. 59,1 Millionen Menschen wurden mindestens einmal geimpft. Das entspricht einer Quote von 71,1 Prozent, wie aus Zahlen des RKI hervorgeht.

Aus Sicht der Nationalen Akademie der Wissenschaften ist das nicht ausreichend. Die Impfkampagne müsse massiv verstärkt und eine Impfpflicht stufenweise eingeführt werden, betonte die Leopoldina und sprach sich zugleich für Kontaktbeschränkungen aus.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. November 2021 um 18:00 Uhr.