Die Hamburger haben sich mehrheitlich gegen Olympia 2024 in ihrer Stadt ausgesprochen
Interview

Sportwissenschaftler zu Olympia-Aus "Der Spitzensport ist angezählt"

Stand: 30.11.2015 17:50 Uhr

Nach dem Hamburger Nein zu Olympia sieht Sportwissenschaftler Nieland einen Schatten auf dem Sportland Deutschland. "Die Sorgen der Bevölkerung wurden nicht ernst genommen", sagt er im tagesschau.de-Interview. Das werde auch dem Spitzensport schaden.

tagesschau.de: Nach der gescheiterten Münchner Bewerbung für die olympischen Winterspiele haben sich nun auch die Hamburger Bürger gegen eine Olympiabewerbung entschieden. Ist es mit Olympischen Spielen in Deutschland jetzt auf Jahrzehnte vorbei, wie Pessimisten befürchten?

Jörg-Uwe Nieland: Das glaube ich nicht. Wir haben ja gesehen, dass München sich zweimal beworben hat. Zwei Jahre später kamen bereits die Bewerbungen von Berlin und Hamburg. Mal davon abgesehen, dass man München und Hamburg nicht in einen Topf werfen kann. Bei München ging es um Winterspiele, das ist unter Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekten problematischer.

Jörg-Uwe Nieland
Zur Person

Jörg-Uwe Nieland ist Sozial- und Sportwissenschaftler und arbeitet am Institut für Kommunikations- und Medienforschung der Sporthochschule Köln. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Sportgroßereignisse sowie Sport in den Medien.

Aber gerade bei Sommerspielen gibt es genügend Städte, die Interesse haben und es auch theoretisch und praktisch solche Großveranstaltungen durchführen können. Das Konzept ist nicht tot, aber man wird jetzt innehalten müssen. Sportpolitik und DOSB sind jetzt gefordert und müssen überlegen, wie sie darauf reagieren.

"Die EM ist nicht in Gefahr"

tagesschau.de: Könnte das Olympia-Votum auch Konsequenzen für die deutsche Bewerbung um die Fußball-Europameisterschaft 2024 haben?

Nieland: Ich hoffe für die Beteiligten, dass sie sensibel auf diese Stimmung reagieren, die sich jetzt in Hamburg dokumentiert hat. Aber ein solches Fußballevent ist mit Olympischen Spielen gar nicht zu vergleichen. Die EM wäre über das ganze Land verteilt, es gibt genügend Städte mit bereits vorhandenen Stadien, die den Finger heben werden. Auch die Infrastruktur ist vorhanden.

Und Fußball ist die Mediensportart Nummer Eins. Jeden Tag wird im Fernsehen darüber berichtet, wir haben internationale Stars, wir sind Weltmeister und haben jetzt eine sehr gute EM-Qualifikation gespielt. Und bei allen Korruptionsvorgängen haben wir doch die Erinnerung an ein positives Sommermärchen im Hinterkopf: sportlich, organisatorisch, wettermäßig und auch finanziell. Für die EM sehe ich deshalb keine große Gefahr.

"Diffuses Unbehagen beim Thema Großveranstaltungen"

tagesschau.de: Was hat Ihrer Ansicht nach den Ausschlag für das Nein beim Hamburger Referendum gegeben?

Nieland: Ganz allgemein ist es den Bewerbungsgesellschaften nicht gelungen, die Vorteile, die ein solches Ereignis auch für das Sportland Deutschland haben würde, zu vermitteln. Ich glaube aber auch, es gibt ein diffuses Unbehagen mit Großveranstaltungen. Die Bürger sind nicht so interessiert an großen Veränderungen und befürchten jahrelange Baustellen und Dreck. Zudem war vielen die Finanzierung nicht ganz klar.

tagesschau.de: Was heißt das genau? Welche Fehler wurden gemacht?

Nieland: Wenn Hamburg sagt, wir möchten die Olympischen Spiele ausrichten, wollen dafür aber weniger als zwei Milliarden Euro bezahlen und der Bund soll knapp sieben Milliarden bezahlen, dann gibt es da eine Unwucht in der Darstellung. Vielleicht war das für die Hamburger einfach nicht überzeugend. Diese und andere Sorgen der Bevölkerung hat man nicht wirklich ernst genommen und sich stattdessen auf ein bis zwei Umfragen mit hoher Zustimmung verlassen.

"Auf Glanz der Spiele zu hoffen, reicht nicht"

tagesschau.de:  Welche Lehren müssen die Organisatoren daraus ziehen?

Nieland: Ich fand die Bewerbung handwerklich gut gemacht: klein, schick, vernünftig, teilweise auch innovativ, und ein interessantes Konzept, das konkurrenzfähig gewesen wäre. Aber man hat die Bevölkerung nicht genügend mitgenommen. Man muss die Diskussion führen, wie wir den Sport fördern und wer etwas davon hat. Es reicht nicht, zu erhoffen, dass man durch den Glanz von Olympischen Spielen schon zeigen wird, dass Sport ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft ist.

Spätestens die Absage der Bewerbung in München und das nicht so gute Abschneiden der deutschen Olympiamannschaft in London hätten dazu führen sollen, grundsätzlicher über die Förderung des Spitzensports nachzudenken. Da geht es nicht nur um Geld. Man kann auch überlegen, wie man beispielsweise durch Sportgymnasien oder die Zulassung dualer Karrieren von Spitzensportlern ein Klima schaffen kann, das die Begeisterung für den Spitzensport wieder ansteigen lässt. Das wäre die Aufgabe insbesondere des DOSB und der Sportpolitik.

tagesschau.de: Reichen die Bemühungen des IOC, das wachsende Desinteresse der klassischen und demokratischen Sportnationen an der Austragung Olympischer Spiele zu bekämpfen?

Nieland: Erstmal muss man konstatieren, dass das IOC einen Reformprozess angestoßen, aus korrupten Vergabepraxen gelernt hat und versucht, das abzustellen. Die Kriterien für die Vergabe von Olympischen Spielen wurden transparenter und es gibt den Versuch, auch die  Athleten stärker einzubinden. Aber sind nur erste Schritte, es muss noch mehr passieren.

"Ein Schatten auf dem Sportland Deutschland"

tagesschau.de: Welche Konsequenzen wird die Entscheidung für den Spitzensport in Deutschland haben?

Nieland: Die wiederholte Absage an Olympiabewerbungen zeigt, dass der Spitzensport an Rückhalt in der Bevölkerung verliert und nicht mehr eine so hohe Identifikation genießt. Das wird sich mittel- bis langfristig darauf auswirken, dass die finanzielle Unterstützung für den Spitzensport zurückgeht. Denn dann wird die Legitimation für eine umfängliche finanzielle Förderung des Spitzensports immer schwieriger. Da sind wir an einem Wendepunkt. Das ist eine große Herausforderung und der Spitzensport ist angezählt.

tagesschau.de: Was genau wird Hamburg und Deutschland jetzt entgehen?

Nieland: Ich denke, dass die Effekte städtebaulich und touristisch nicht so groß gewesen wären.  Aber was Hamburg entgeht, ist ein Imagegewinn im Rennen der Second Cities. Also der Städte, die jenseits der großen Hauptstädte international um Attraktivität kämpfen. Zudem hat Hamburg eine Reihe von großen Vereinen und eine Tradition als Sportstadt. Gerade Sportarten wie Hockey oder der Pferdesport werden jetzt wohl an Bedeutung verlieren.

Und Deutschland entgeht eine Wiederholung des Sommermärchens: Zu zeigen, dass wir weltoffen sind, gut organisieren und sichere Spiele ausrichten können. Dass wir das jetzt nicht tun, wirft einen großen Schatten auf das Sportland Deutschland.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de

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KOMMENTARE

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Maikel_52 30.11.2015 • 18:56 Uhr

Kommentar Herr Nieland

Es gibt kein "diffuses Unbehagen" sondern die konkrete Erfahrung der Bürger, dass kein Großprojekt der letzten Jahrzehnte auch nur annähernd so realisiert wurde wie versprochen. Trotz einer übermächtigen Werbetrommel sind die Bürger realistisch geblieben. Das Budget wird generell um ein Vielfaches überschritten. Wenn das Projekt begonnen ist, sind alle Schleusen für weitere unbegrenzte Schulden offen. Durch die immer stärkere Verschuldung würden die Ausgaben z.B. im Sozialbereich noch weiter gekürzt. Der Nutzen von Olympia etc. besteht oft nur für wenige Reiche, korrupte Manager und die beteiligten Großkonzerne. Der Verdrängungswettbewerb auf dem Wohnungsmarkt wird weiter angeheizt und nur Wohlhabende können sich noch innerstädtisches Wohnen leisten. Und nach der Olymiade bleiben Stadien die zu groß für eine normale Nutzung sind. Man tut so als hätte Hamburg den Wettbewerb ganz sicher gewonnen, obwohl es 3 weitere Bewerber gab. Kling mir etwas überheblich.