Erinnerungsort zum Olympia-Attentat von 1972 in München | AFP

Olympia-Attentat von 1972 Offenbar Einigung auf Entschädigung

Stand: 31.08.2022 07:21 Uhr

Eine Einigung scheint nun doch möglich: Die Bundesregierung hat den Hinterbliebenen des Olympia-Attentats ein neues Entschädigungsangebot gemacht - rund 28 Millionen Euro. Die Einigung käme kurz vor dem 50. Jahrestag des Attentats.

Im Streit über Entschädigungen für das Olympia-Attentat 1972 steuern die Verhandlungen zwischen der Bundesregierung und Angehörigen der israelischen Opfer offenbar auf eine Einigung zu. Im Raum steht ein deutsches Angebot, den Hinterbliebenen ungefähr 28 Millionen Euro zu zahlen, wie die Nachrichtenagentur dpa aus Verhandlungskreisen erfuhr. Zuvor hatten die "Süddeutsche Zeitung" und der "Stern" darüber berichtet.

Demnach sollen mehr als 20 Millionen Euro der Summe aus Bundesmitteln kommen, fünf Millionen vom Freistaat Bayern und drei Millionen von der Stadt München. Zuvor hatte die Witwe des bei dem Attentat getöteten israelischen Fechttrainers André Spitzer, Ankie Spitzer, die Hoffnung auf einen positiven Ausgang geäußert. Die Verhandlungen seien noch im Gange, sagte Spitzer. Im Fall einer Einigung sei eine Teilnahme der Hinterbliebenen an der Gedenkfeier in München am 5. September - dem 50. Jahrestag des Attentats - noch möglich.

Die Bundesregierung hatte den Angehörigen vor einigen Wochen ein neues Angebot gemacht: insgesamt zehn Millionen Euro, abzüglich der bisher gezahlten 4,6 Millionen Euro. Die Angehörigen erachteten das als zu wenig und sagten ihre Teilnahme am offiziellen Gedenkakt ab. Sie warfen den deutschen Behörden Vertuschen und Versagen vor und forderten eine angemessene Entschädigung. Auch Israels Staatspräsident Herzog will bisher nicht teilnehmen, obwohl er am Vortag zu seinem Antrittsbesuch bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erwartet wird.

Am kommenden Montag - dem 50. Jahrestag des Attentats - soll der Ermordeten in München gedacht werden. Doch Opferfamilien haben zum Boykott der Veranstaltung aufgerufen. Sie halten den Umgang mit dem Attentat für ebenso unzureichend wie die bisher gezahlte Entschädigung. Stattdessen wollen sie an einem offiziellen Gedenken am 21. September in Israel teilnehmen - dem 50. Jahrestag des Attentats nach dem hebräischen Kalender.

Steinmeier plant laut "Süddeutscher Zeitung", anlässlich des Jahrestages eine deutsch-israelische Historikerkommission mit der vollständigen Aufarbeitung der Ereignisse zu beauftragen. Auch wolle sich Steinmeier für das deutsche Versagen entschuldigen, als erster Repräsentant der Bundesrepublik überhaupt.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hatte am Donnerstag die Wiederaufnahme der Gespräche begrüßt und betont: "50 Jahre sind vergangen, doch die Wunden, die der Mord an elf israelischen Sportlern in ihre Familien gerissen hat, sind nicht verheilt." Der Anschlag habe auch die jüdische Gemeinschaft in Deutschland erschüttert zurückgelassen.

Am 5. September 1972 hatten palästinensische Terroristen bei den Olympischen Spielen in München die israelische Mannschaft überfallen. Elf Mitglieder des Teams und ein Polizist wurden getötet. Die Sicherheitsvorkehrungen galten als mangelhaft, ein Befreiungsversuch der deutschen Einsatzkräfte endete katastrophal. Um eine angemessene Entschädigung für die Hinterbliebenen der Opfer des Attentats wird seit Jahrzehnten gerungen. Sie fordern auch eine Entschuldigung.

1972 und 2002 hatte Deutschland rund 4,6 Millionen Euro als humanitäre Geste für die Betroffenen gezahlt - dieser Betrag solle auf die jetzt geplante Entschädigung nicht angerechnet werden. Hinzu kamen rund eine halbe Million Euro des Nationalen Olympischen Komitees und Spenden des Deutschen Roten Kreuzes. 1994 forderten Opferfamilien vor Gericht 40 Millionen Mark (rund 20,45 Millionen Euro) Schadenersatz und begründeten dies mit massiven Fehlern während des Polizeieinsatzes. Die Klage scheiterte wegen Verjährung.

Spitzer betonte, entgegen Medienberichten hätten die Opferfamilien ihre Forderung nicht reduziert. Sie hätten ein ganz klares Minimum genannt. "Wenn nicht, dann gibt es eben keine Einigung", sagte Spitzer. Eine konkrete Summe wollte sie aber nicht nennen. Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, kommentierte die möglicherweise bevorstehende Einigung: "Ich hoffe, dass das nun wirklich zusammenkommt und man das durch deutsches Knausern nicht am Ende noch verstolpert", schrieb er auf Twitter.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. August 2022 um 06:00 Uhr und 08:00 Uhr in den Nachrichten.