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Ein Kind legt seinen Kopf auf Arme und Knie | Bildquelle: picture alliance / Bildagentur-o

Bilanzbericht sexueller Missbrauch Vertuschen hilft nur den Tätern

Stand: 03.04.2019 17:49 Uhr

Seit drei Jahren sammelt die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs Berichte von Betroffenen. tagesschau.de erklärt, zu welchen Schlüssen sie kommt - und warum die jetzige Zwischenbilanz erst der Anfang ist.

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Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Warum wurde die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs geschaffen?

Die Komission wurde Anfang 2016 vom Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, für zunächst drei Jahre berufen. Nach zahlreichen aufgedeckten Missbrauchsskandalen in Kirchen, Schulen und anderen Einrichtungen sollte sie als erstes Gremium weltweit auch Missbrauch im familiären Umfeld in den Blick nehmen.

Es geht darum, Betroffenen und ihren Geschichten Raum zu geben. "Wir zielen darauf, dass die Gesellschaft sensibilisiert wird", sagt die Vorsitzende der Kommission, Sabine Andresen. Vertuschung und Bagatellisierung von Taten dienten den Tätern, warnt die Forscherin. Es gehe um Macht, Machtverhältnisse und Machtmissbrauch. Dies aufzudecken und daraus Konsequenzen zu ziehen ist Teil der Arbeit der Kommission.

Zudem könne gerade bei Fällen, die strafrechtlich verjährt sind, das Reden darüber und das Gehört-Werden zu einer gewissen Befreiung führen, meint der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker im Gespräch mit tagesschau.de.

Wie viele Fälle hat die Kommission erfasst?

In einem Zwischenbericht zog die Kommission nun Bilanz über die ersten drei Jahre ihrer Arbeit. Bisher haben sich knapp 1700 Menschen an sie gewendet. Knapp 900 Betroffene konnten in vertraulichem Rahmen angehört werden, außerdem wurden fast 300 schriftliche Zeugnisse ausgewertet.

Mehr als die Hälfte der Betroffenen hat sexuelle Gewalt in der Familie erlitten (56 Prozent). Zwölf Prozent kannten den Täter aus ihrem sozialen Umfeld, 17 Prozent erlitten die Übergriffe in einer Institution wie Schule oder Kirche. Weit mehr als die Hälfte (63 Prozent) waren jünger als zehn Jahre, als der Missbrauch begann. Von 524 Betroffenen, die den Missbrauch in der Familie erlebt haben, nannten 225 den Vater als Täter, gefolgt vom Stiefvater oder Partner der Mutter (79). Die nächsthäufigen Täter waren Onkel, Brüder und Großväter.

Angestoßen wurde und werde Aufarbeitung und Aufdeckung von Missbrauch in aller Regel durch Betroffene selbst. Dabei stießen sie jedoch als Kinder und auch als Erwachsene auf Widerstände. Vielfach gehöre "das Schweigen der Anderen" dazu.

Wie weit ist die Kommission gekommen?

Die Kommission nahm im Mai 2016 ihre Arbeit auf und stellte jetzt ihren ersten Bilanzbericht vor. Dass die Arbeit der Kommission um weitere fünf Jahre verlängert wurde, ist nicht sehr überraschend. Denn bei ihr haben sich in den vergangenen drei Jahren sehr viel mehr Betroffene für eine vertrauliche Anhörung gemeldet, als die Kommission durchführen konnte.

"Wir haben alle Anfragen aufgenommen, mussten aber den Betroffenen ab einem bestimmten Zeitpunkt sagen, dass wir ihre Anhörung innerhalb der ersten Laufzeit der Kommission nicht mehr durchführen können", sagt Andresen gegenüber tagesschau.de. Daraufhin sei eine Warteliste eingerichtet worden, die jetzt mit Beginn der neuen Laufzeit bearbeitet werden könne.

Wie ist die Zahl von 1700 Betroffenen zu bewerten?

Die Zahl von etwa 1700 Betroffenen sei wohl nur ein erster Anfang, meint Andresen. "Wir hatten in der ersten Laufzeit der Kommission nur begrenzte finanzielle Mittel von 1,4 Millionen Euro jährlich zur Verfügung. Damit konnten wir nicht alle Anmeldungen bewältigen, aber auch keine umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit starten, um die Kommission bekannter zu machen."

Da die Resonanz schon bei der relativ geringen Bekanntheit der Kommission so groß war, geht Andresen davon aus, dass sich durch gezielte Aufrufe und mehr Öffentlichkeitsarbeit noch deutlich mehr Betroffene melden werden. Durch die Aufstockung der finanziellen Mittel auf 2,2 Millionen Euro jährlich sei das nun möglich. Zudem könne mehr Personal für die Anhörungen eingeplant werden.

Dass sich so viele Menschen gemeldet haben, findet Becker von der Deutschen Kinderhilfe beachtlich. "Von sexueller Gewalt Betroffene haben meist große Probleme über ihr Schicksal zu reden." Er geht deshalb von einer enormen Dunkelziffer aus.

Wie geht es weiter?

Als nächstes will sich die Aufarbeitskommission verstärkt dem Missbrauch im Sport, an Menschen mit Behinderungen und im Rahmen der sogenannten Pädosexuellenbewegung zuwenden. Zudem sollen im Herbst Eckpunkte zur Aufarbeitung in Institutionen vorgelegt werden.

Hjördis E. Wirth vom Betroffenenrat verlangte, dass Aufarbeitung so lange geleistet werden müsse, wie es Missbrauch gebe. Die Kommission erhebt ebenfalls Forderungen: So sollten zum Beispiel Fachberatungsstellen dauerhaft und flächendeckend finanziert werden. Auch Therapien und Hilfen zur Wiedereingliederung in die Arbeitswelt mahnen die Experten an, ebenso wie Schutzkonzepte für alle Einrichtungen, denen Kinder und Jugendliche anvertraut werden. Und Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz sollten leichter zugänglich sein.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. April 2019 um 15:00 Uhr.

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Sandra Stalinski  Logo tagesschau.de

Sandra Stalinski, tagesschau.de

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