Der Leiter des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam: Prof. Dr. Julius H. Schoeps
Interview

Interview zur Nachfolge von Paul Spiegel "Es wird ein neues deutsches Judentum geben"

Stand: 29.05.2006 05:05 Uhr

Am 7. Juni wird der Nachfolger des verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Spiegel, bestimmt. Es warten schwierige Aufgaben, so der Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums, Schoeps. Denn der Rat habe ein Problem: Er repräsentiert nicht die vielen neuen Mitglieder aus der Ex-Sowjetunion.

tagesschau.de:Welche Hauptaufgabe wird der oder die neue Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland haben?

Julius Schoeps: Die größte Herausforderung ist ganz klar die Integration der vielen neuen Mitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion in die jüdischen Gemeinden. Manche bestehen inzwischen zu mehr als 90 Prozent aus Neuankömmlingen. Da ist die Umgangssprache russisch. Hier sind viele Gemeinden völlig überfordert. Man bräuchte auch die Hilfe der Umgebungsgesellschaft.

Die Neuankömmlinge stehen vor einer doppelten Aufgabe: Einmal die Integration in die jüdischen Gemeinden, zum anderen in die bundesdeutsche Gesellschaft. Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Die Umgebungsgesellschaft geht ja immer davon aus, dass sie es mit deutschen Juden zu tun hätte – aber das ist nun überhaupt nicht der Fall. Hier vollzieht sich eine Veränderung, deren Auswirkungen überhaupt noch nicht abzusehen sind.

Der Leiter des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam: Prof. Dr. Julius H. Schoeps

Prof. Dr. Julius H. Schoeps

tagesschau.de: Wie könnte das deutsche Judentum denn künftig aussehen?

Julius Schoeps: Das alte deutsche Judentum, das es nicht mehr gibt, das sich auf Schiller, Goethe, Heinrich und Börne berufen hat – dieses Judentum wird ersetzt durch eine neue Struktur von Menschen, die vermutlich mehr interessiert sind an der russischen Kultur. Diese Menschen können mehr anfangen mit Dostojewski, Turgenjew und Gogol. Ich gehe davon aus, dass über kurz oder lang ein neues deutsches Judentum entstehen kann. Aber: Es wird ein anderes sein, als das vor 1933.

tagesschau.de: Wie reagieren die alteingesessenen Mitglieder auf diese Entwicklung?

Julius Schoeps: Die Neuzuwanderer kommen aus einem ganz anderen Kulturkreis, mit ganz anderen Erfahrungen. Und hier stoßen sie auf Alteingesessene, die zum Teil mit den Neuankömmlingen wenig anfangen können. Dies ist eine typische Entwicklung, die bei Migrationbewegungen auftreten. Es gibt zum Teil heftige Spannungen, Alteingesessene erklären, das sei eigentlich nicht mehr die Gemeinde, der sie mal angehört hätten, es gibt Austritte und Zwistigkeiten. Aber auch das ist ganz normal.

Zur Person

Prof. Dr. Julius H. Schoeps ist seit 1991 Professor für Neuere Geschichte (mit dem Schwerpunkt deutsch-jüdische Geschichte) und Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam. Gastprofessuren in New York, Oxford, Seattle, Tel Aviv und Budapest.

Schoeps kam im schwedischen Exil zur Welt. Drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs siedelte die Familie sich wieder in Deutschland an.

tagesschau.de: Welche Rolle spielt der jüdische Glauben für die Neuzuwanderer aus der Ex-Sowjetunion?

Julius Schoeps: Viele von ihnen haben keinen wirklich jüdischen Background. Die Sowjetunion hatte ja das Judentum unterdrückt. Sie müssen erst einmal an das Judentum herangeführt werden – und das ist eine nicht ganz einfache Aufgabe.

tagesschau.de: Inwieweit repräsentiert der Zentralrat die Gemeinden?

Julius Schoeps: Der Zentralrat hat ein großes Problem, da er in seiner Zusammensetzung nicht die Struktur der Gemeinden widerspiegelt. Das heißt, es müssen auch Vertreter der Neuzuwanderer in den Zentralrat nachrücken. Im Moment gibt es im Vorstand keine einzigen dieser Vertreter, im Direktorium schon. Dies wird sich aber über kurz oder lang natürlich ändern, durch Neu- und Nachwahlen.

tagesschau.de: Die Vertreter von Paul Spiegel, Charlotte Knobloch und Salomon Korn, gelten als aussichtsreichste Kandidaten für dessen Nachfolge. Wer wird es?

Julius Schoeps: Das müssen Frau Knobloch und Herr Korn unter sich ausmachen. Es ist ein schwieriger und ein politischer Job. Man muss mit den politischen Instanzen verhandeln, ausgleichend zwischen den verschiedenen Flügeln im Judentum wirken. Einiges spricht dafür, dass Frau Knobloch dieses Amt übernimmt, weil sie als Frau und als Langgediente im Zentralrat diese Fähigkeiten mitbringt. Allerdings ist auch Korn ein geeigneter Vertreter, weil er ein scharfsinniger Intellektueller ist, der weiß, sich zu bestimmten Situationen zu äußern. Denn auch dies ist eine wichtige Aufgabe, denn die Mitglieder des Zentralrats sollen öffentlich Position beziehen. Und da hat Salomon Korn ganz zweifellos seine Qualitäten.

Charlotte Knobloch

Charlotte Knobloch

tagesschau.de: Viele Experten sehen einen neuen Antisemitismus, der über den Antizionismus transportiert wird. Ist Korn geeigneter, dagegen vorzugehen?

Julius Schoeps: Ich bin der Meinung, dass ist nicht die Aufgabe des Zentralrats, sich zum Antisemitismus zu äußern, sondern es ist insbesondere die Rolle des Bundesinnenministers und der Innenminister der Länder. Es hat sich in den letzten Jahren so eingebürgert: Gibt es einen antisemitisches Ereignis, dann wird der Zentralrat angerufen und gefragt, was er davon hält und wie er sich dazu äußert. Mir wäre es sehr viel wichtiger, dass sich die zuständigen Politiker äußern.

Salomon Korn

Salomon Korn

Das Interview führte Patrick Gensing, tagesschau.de