Krisengespräch im Kanzleramt Kleinbauern gegen Handelsriesen
Stand: 03.02.2020 04:58 Uhr
Es kriselt auf dem Lebensmittelmarkt: Landwirte protestieren, der Handel verbittet sich Einmischung. Inmitten des festgefahrenen Streits bittet Kanzlerin Merkel die Spitzenvertreter der Branche zu Tisch.
Von Vera Schmidberger, SWR
Nein, seinen Namen will der Obstbauer hier nicht lesen. Denn er sei zornig, erklärt er im Gespräch mit tagesschau.de. Zornig - und hilflos.
Die großen Handelsketten hätten eine gigantische Einkaufsmacht und brächten damit Lieferanten wie ihn gezielt in die Abhängigkeit. Und "das Perverse sind die Rückvergütungen", klagt er. Gemeint sind jährliche Boni- und Konditionsvereinbarungen, also vertraglich fixierte Anteile seines Jahresumsatzes, die er als Lieferant zusätzlich der jeweiligen Handelskette zahlen müsse. Gängige Praxis sei das. Wer nicht spurt, dem drohe die Auslistung. "Wir sind manipulierbar in jede Richtung", sagt der Obstbauer. "Das Geschäft ist gnadenlos."
Auch sein Kollege aus dem Gemüseanbau möchte lieber anonym bleiben. Die Landwirte seien zum "Bittsteller am Telefon" verkommen. Ob REWE, Edeka, Lidl oder Aldi - der Landwirt erlebt sie als anonyme Einkäufer oder Vermittlungsgesellschaften. "Was juckt es einen Einkäufer in Hamburg oder München, wenn es bei uns in der Region gehagelt hat?", fragt der Gemüsebauer erbost.
Man ahnt die Antwort: Er muss liefern - oder hat ein Problem. Denn der Gemüsebauer ist so austauschbar wie seine Ware. Kartoffeln haben eben kein Markenzeichen.
Ein Oligopol, ausgeklügelt zugunsten weniger Handelsgiganten?
So erleben viele Landwirte oder ihre Genossenschaften den Handel: als System weniger mächtiger Partner, anonymisierter Gängelung und auf Marge getrimmter Betriebswirtschaft. Das sind die Folgen einer ausgeklügelten Logistik, komplexer Strukturen, hartem Wettbewerb und einer extrem konzentrierten Marktsituation.
Renate Künast, Bündnis 90/Die Grünen, erläutert den Lebensmittelpreis-Kampf in Deutschland
Morgenmagazin, 03.02.2020
Den deutschen Lebensmitteleinzelhandel machen die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland, der Discounter Aldi sowie REWE und Edeka weitgehend unter sich aus. Der Präsident des Bundeskartellamts, Andreas Mundt, bestätigt tagesschau.de: "Der Lebensmitteleinzelhandel ist in Deutschland stark konzentriert. Vier Unternehmen haben mehr als 85 Prozent Marktanteil."
Die Kartellwächter haben im Blick, dass die führenden Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels ihre starke Verhandlungsposition gegenüber ihren Lieferanten einsetzen. Dass hart verhandelt werde, sei für sich genommen nicht verboten. Aber: "Die Unternehmen dürfen ihre Macht nicht dazu missbrauchen, die Konditionen einseitig zulasten der Erzeuger und Produzenten festzusetzen", warnt Mundt.
"Man hatte gehofft, dass sich durch den Onlinehandel neue Anbieter finden. Aber das ist fast illusorisch", meint Handelsexperte Jörg Funder von der Hochschule Worms. Und Wettbewerbsökonom Thomas Duso vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin ergänzt: "Selbst wenn ein neuer Player wie Amazon Fresh sich etablieren könnte, wäre das wiederum ein riesiger Akteur mit enormer Verhandlungsstärke. Das heißt nicht, dass es dann für die Erzeuger besser würde."
Niedrigpreise, Lockangebote, Sonderaktionen
Haben die Handelspreise sich zu Lasten der Bauern von den reellen Erzeugerkosten entkoppelt? Und wie groß ist überhaupt dieser Zusammenhang?
Während Landwirte gegen Dumpingpreise protestieren, unterliegt die Preisfindung im Handel ihren eigenen Gesetzen. Sonderangebote gelten hier als klassisches Instrument der Marktwirtschaft. Entsprechend verbittet sich der Handel eine Einmischung in die Preispolitik.
Bereits im Vorfeld des Spitzengesprächs im Kanzleramt betont der Präsident des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Josef Sanktjohanser, die Preishoheit des Handels: "Wir werden nicht über Preise reden", stellt er in der aktuellen Ausgabe der "Lebensmittelzeitung" klar. Der Handel lehne "staatliche Eingriffe in die Ordnungsprinzipien von Angebot und Nachfrage strikt ab". In Frankreich etwa würden Mindest- und Höchstpreise staatlich definiert. "Das nutzt niemandem, schon gar nicht den Landwirten", so der HDE-Präsident.
Landwirte spezialisieren sich
Die Landwirte ziehen ihre eigenen Konsequenzen: Eine Folge des von ihnen wahrgenommenen Preisdrucks ist oft, dass auch kleinere Betriebe sich spezialisieren. So berichtet der Gemüsebauer, mittlerweile auf den Anbau besonders wetterfühliger Sorten und arbeitsintensivem Wintergemüse zu verzichten.
Auch für Obstbauern mit verderblicher Ware sind die Marktmechanismen ein Problem. Passiert das in großem Stil, entstehen schädlingsanfällige Monokulturen, eine Bedrohung für die Artenvielfalt. Spätestens hier wird deutlich, dass die Bauern von vielen Seiten unter Druck stehen.
Es braucht einen Konsens
Kanzlerin Angela Merkel setzt mit dem hochrangigen Treffen ein Zeichen. Es brauche, meint Experte Jörg Funder, einen Konsens zwischen Agrarpolitik, Wirtschaftspolitik und sozialen Fragen, wie etwa der Versorgungssicherheit. Dafür müsse man "gemeinsame Lösungsansätze diskutieren, die keine dieser Parteien alleine lösen kann".
Der Obstbauer jedenfalls zeigt sich von der Symbolik des Treffens wenig beeindruckt: "Da sitzen 300 Milliarden Euro Umsatz am Tisch. Glauben Sie, dass die sich von der Kanzlerin etwas sagen lassen?"
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