Kurt Biedenkopf | picture alliance/dpa
Nachruf

Zum Tod von Kurt Biedenkopf Der "Macher" aus Sachsen

Stand: 13.08.2021 14:18 Uhr

Kurt Biedenkopf war eine der wichtigsten Symbolfiguren für das Zusammenwachsen von Ost und West. Im Alter von 91 ist er jetzt gestorben. Einem Nachruf auf "König Kurt".

Von Beate Dietze, MDR

Mehr als ein Jahrzehnt residierte der "kleine, große Mann" an der Elbe unter der goldenen Krone der Staatskanzlei. Als "König Kurt" wurde er von den Sachsen gefeiert. Wie ein Monarch nahm er diese Huldigung wohlwollend und mit einem Lächeln auf den Lippen entgegen.

Der gebürtige Ludwigshafener, der in Schkopau aufgewachsen war, kam 1990 nach Sachsen, zunächst als Gastprofessor an der damaligen Karl-Marx-Universität in Leipzig. Später kandidierte er für das Amt des Ministerpräsidenten im wiedererstandenen Freistaat.

"Lothar Späth rief an und sagte, wir sitzen hier in Chemnitz zusammen, wir beraten. Wir haben alles mögliche durchdiskutiert. Wir wollen, dass du kandidierst", erinnerte sich Biedenkopf an die Anfrage zur Kandidatur. Späth habe ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und ihm für die Entscheidung Zeit bis sieben Uhr gegeben. Aber nach einer halben Stunde seien sich beide einig gewesen. "Das kann man nicht ablehnen", so Biedenkopf.

Biedenkopf war ein Glücksfall für Sachsen

Der studierte Wirtschaftsjurist machte aus Sachsen ein kleines Wirtschaftswunderland. Seine "Leuchtturmpolitik" ermöglichte spektakuläre Großansiedlungen, wie den Versandhandel Quelle in Leipzig und die Chiphersteller AMD und Infineon in Dresden.

Sie zementierten seinen Ruf, ein "Macher" zu sein. Biedenkopf sei ein Glücksfall für Sachsen gewesen, sagt Matthias Rößler, Biedenkopfs ehemaliger Kultusminister. "Die friedliche Revolution von 1989 öffnete Kurt Biedenkopf das Fenster der Geschichte, um seine Ideen und Visionen in praktische Politik umzusetzen", so Rößler. "Und zum Glück hier bei uns."

Biedenkopf war einer der wenigen, die den Menschen offen sagten, wie steinig der Weg des Aufbaus sein wird. Aber er machte ihnen auch Mut zu kämpfen - und das schätzen die Sachsen an ihm.

Kurt Biedenkopf mit seiner Frau Ingrid bei seinem letzten größeren öffentlichen Auftritt im April 2021. | dpa

Kurt Biedenkopf - hier mit seiner Frau Ingrid - bei seinem letzten größeren öffentlichen Auftritt im April 2021. Bild: dpa

Scharfsinniger Analytiker und brillanter Vordenker

Nie versäumte es Biedenkopf, in seinen Lobeshymnen auf die Errungenschaften des Freistaats, die Sachsen zu loben. "Was sie bewiesen haben, ist die Fähigkeit, bei allen Ansprüchen, die man so an das Leben stellt und was man von anderen bekommen will, Grenzen zu kennen."

Der scharfsinnige Analytiker und brillante Vordenker bewies nicht nur im politischen Tagesgeschäft Weitsicht. Immer wieder warnte Biedenkopf auch davor, auf Kosten der Kinder und Enkel zu leben. Er warnte vor dem gigantischen Schuldenberg der öffentlichen Hand, den leeren Sozialkassen und - angesichts einer rapide alternden Gesellschaft - vor dem maroden Rentensystem.

Auf alle diese Probleme und Fragen, mit denen man sich heute permanent beschäftige, habe Biedenkopf schon vor 20 Jahren hingewiesen, sagt Stanislaw Tillich, der in Biedenkopfs Kabinett Bundes- und Europaminister war. "Du hast es viel früher erkannt und Gegenmaßnahmen angemahnt, um dieser Fragen auch Herr zu werden."

"Ich bin kein Rentner, ich bin berufstätig"

Biedenkopf war klüger und besser als die meisten anderen - und so manchen hat er das auch spüren lassen. Nach mehreren Affären und zunehmender Kritik an seinem Führungsstil trat Biedenkopf im Jahr 2002 vom Amt des Ministerpräsidenten zurück. Nach seinem Ausscheiden aus der Politik veröffentlichte Biedenkopf mehrere Bücher und ließ sich als Rechtsanwalt nieder.

Selbst mit über 80 Jahren beeindruckte er bei Vortragsreisen, in Talkshows, als Gastredner oder Autor mit seiner spritzigen Intellektualität und bemerkenswerten geistigen Frische. Auf Fragen zu seinen Ruhestand antwortete er nur kurz und knapp: "Ich bin kein Rentner, ich bin berufstätig."

Symbolfigur der Wiedervereinigung

Sein durchschnittlicher Arbeitstag war immer noch acht bis zehn Stunden lang. Immer wieder mischte sich Biedenkopf politisch ein, sei es bei der Wahl des Bundespräsidenten oder der Energiewende von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die er als ein "politisches Abenteuer" kritisierte.

Kurt Biedenkopf hat politische Geschichte geschrieben. Er ist eine der wichtigsten Symbolfiguren für das Zusammenwachsen von Ost und West.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. August 2021 um 12:00 Uhr.