Screenshot: Bericht aus Berlin | Bildquelle: ARD Berlin

GroKo gegen Kinderarmut Mehr Geld für Familien - reicht das?

Stand: 11.03.2018 03:49 Uhr

Das Thema Kinderarmut steht im Koalitionsvertrag. Insgesamt will die Große Koalition für Familie und Soziales zwölf Milliarden Euro zusätzlich ausgeben. Experten reicht das nicht aus. Sie fordern mehr.

Von Volker Schwenck, ARD-Hauptstadtstudio

Döner, Pommes und Bananenmilch. Genau das hatte der zehnjährige Alex sich gewünscht, als kleinen besonderen Programmpunkt, weil unser Team bei ihm zuhause filmt. Bei Alex ist Geld immer extrem knapp. Nach Abzug aller Fixkosten bleiben der vierköpfigen Familie 300 Euro pro Monat zum Einkaufen.

Alex ist ein typisches Beispiel für Kinderarmut in Deutschland. Er, sein Bruder Max und die Schwester Lea leben mit der alleinerziehenden Mutter Jessica von Hartz IV. Darum sitzen wir in einem türkischen Imbiss in Berlin. Der Döner kostet hier drei Euro, Pommes 1,80. Dazu Bananenmilch - so etwas gibt es sonst nicht einfach so.

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Jessica ist erzieht ihre drei Kinder alleine und bekommt Hartz IV. Ihr bleiben monatlich für Einkäufe 300 Euro.

Viele nehmen nicht alle Leistungen in Anspruch

Jessica, die 37-jährige Mutter, muss jeden Euro umdrehen. "Es gibt Leute, die bekommen kein Hartz IV", sagt sie. "Die haben noch weniger Geld als wir." Viele nutzen offenbar nicht, was sie eigentlich nutzen könnten - die Gründe dafür sind vielfältig.

Scham spielt eine Rolle, oder die Tatsache, dass verschiedene Leistungen bei unterschiedlichen Stellen beantragt werden müssen. Kinderzuschlag, Wohngeld, Unterhalt, Hartz IV - der Weg durch die Bürokratie ist kompliziert und mühsam.

So fordert die Diakonie seit langem mehr Transparenz, einfachere Anträge und eine schnellere Bearbeitung. Am besten wäre ein sogenannter "Globalantrag" - alle Ansprüche auf Unterstützung würden dann in einem einzigen Antrag geltend gemacht.

Kein Geld für die kleinen, selbstverständlichen Dinge

Kinderarmut in Deutschland heißt nicht, dass Kinder verhungern oder arbeiten müssen, damit die Familie überleben kann, wie es anderswo auf der Welt der Fall ist. Kinderarmut heißt auch nicht, in Lumpen zu gehen und nur Wasser und Brot zu sich nehmen.

Kinderarmut bedeutet, dass Familien sich nichts von den kleinen Dingen leisten können, die für andere so selbstverständlich sind: Zum Beispiel Kino, Jahrmarkt, kleine Ausflüge, neue Bücher oder den Beitrag für den Sportverein.

Alex ist Mitglied im Judoclub. Er wäre auch gerne noch in den Fußballverein eingetreten, aber das ging nicht. Zehn Euro pro Monat stehen ihm für Freizeitaktivitäten im Verein zu. So viel kostet aber schon das Judo. Und selbst das ist ein Sonderpreis.

Bis zu 3,5 Millionen Kinder gelten als arm

Nur wenige Kinder in Deutschland litten unter "erheblichen materiellen Entbehrungen", heißt es im fünften Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2017. Aber immerhin zwei Millionen Kinder und Jugendliche beziehen Hartz IV. Experten gehen davon aus, dass 3 bis 3,5 Millionen Kinder in Familien leben, die weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung haben, also als arm gelten.

Das Problem der Kinderarmut im reichen Deutschland ist seit Jahren bekannt. Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung ist ein gewisser Lichtblick, weil er das Problem klar benennt und konkrete Verbesserungen enthält.

Zwölf Milliarden Euro für die Familienpolitik

Insgesamt zwölf Milliarden Euro sollen in familienpolitische Leistungen investiert werden: 3,5 Milliarden davon kostet den Bund die Erhöhung des Kindergelds und des Kinderfreibetrags. Nochmal 3,5 Milliarden gibt es für Ausbau und Verbesserung des Angebots in Kindertagesstätten, sowie eine Milliarde für die Erhöhung des Kinderzuschlags.

"Die Erhöhung des Kinderzuschlags und die Abschaffung der Abbruchkante sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung", sagt Michael David, Sozialexperte der Diakonie. Den Kinderzuschlag bekommen Eltern, deren Einkommen nicht ausreicht, auch den Lebensbedarf ihrer Kinder zu decken.

Unter "Abbruchkante" versteht man, dass zum Beispiel Geringverdiener Ansprüche auf Leistungen sofort vollständig verlieren, wenn ihr Einkommen nur ein paar Euro über die Grenze steigt. In Zukunft sollen Leistungen bei steigendem Einkommen langsam auslaufen.

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"Von der Kindergelderhöhung habe ich nichts", sagt die dreifache Mutter Jessica.

Kindergelderhöhung kommt bei Hartz-IV-Empfängern nicht an

Die Diakonie fordert aber weitergehende Ideen, etwa die Einführung eines einheitlichen Existenzminimums für Kinder und Jugendliche. Ein Problem bleibt allerdings: Auch weiterhin haben Hartz-IV-Empfänger nichts von der Erhöhung des staatlichen Kindergelds oder des Kinderfreibetrags.

"Erhöhung des Kindergelds um 25 Euro - das ist eine tolle Idee", sagt Jessica mit ihren drei Kindern. "Das Problem ist nur, dass dieses Kindergeld auf Hartz IV angerechnet wird. Davon habe ich nichts." Eine bessere Lösung sei, wenn manches kostenlos angeboten werden würde - Schulbücher etwa, Förderunterricht, der Besuch einer Kindertagesstätte.

Bildung ist Jessica wichtig, denn sie weiß, dass ihre Kinder später ohne ordentlichen Schulabschluss kaum eine Chance auf einen guten Job haben werden. Wenn zum Schuljahresbeginn neue Schulbücher gekauft werden müssen, reißt das jedes Mal ein riesiges Loch in ihr schmales Budget.

Verbesserung der Bildungschancen

Der Koalitionsvertrag sieht auch hier Verbesserungen vor: beim sogenannten "Bildungs- und Teilhabepaket". Die Eigenbeteiligung beim Schulmittagessen für Geringverdiener soll wegfallen, Förderunterricht sollen auch solche Kinder bekommen können, die nicht unmittelbar versetzungsgefährdet sind, und auch der Zuschuss von derzeit 100 Euro pro Jahr für Schulbücher, Hefte, Füller oder Ranzen soll erhöht werden.

Alles Pläne, die Jessica und ihren drei Kindern das Leben leichter machen würden: "Dann hätten wir eine Chance, dass Kinder aus ärmeren Familien nicht auch in Armut enden."

Mehr zum Thema sehen Sie heute im Bericht aus Berlin, 18.30 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Februar 2018 um 17:10 Uhr.

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