Das You Tube Logo auf einem Monitor. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Persönlichkeitsrechte von Kindern Ein Privatleben für die Kamera

Stand: 20.11.2019 03:44 Uhr

Das Kinderhilfswerk UNICEF feiert heute 30 Jahre Kinderrechte. Dazu zählen auch Persönlichkeitsrechte. Die werden auf YouTube oftmals von Eltern ignoriert, um mit ihren Kindern Geld zu verdienen.

Von Christian Kretschmer, SWR

Die sieben Jahre alte Selin ist kurz vor einer Operation benommen von Medikamenten. Die achtjährige Ava planscht im Florida-Urlaub. Mavie Noelle, elf Jahre alt, putzt ihre Zähne kurz nach dem Aufstehen. Solche Momente bleiben eigentlich im Privaten, immer häufiger finden sie sich aber auch auf YouTube - öffentlich gemacht für ein potenzielles Millionenpublikum.

Besonders beliebt, oft mit hunderttausenden Klicks, sind Morgen- oder Abendroutinen, also wie sich die Kinder für die Schule oder fürs Zubettgehen richten. Mit dabei: die Kamera der Eltern. Auf YouTube betreiben sie Familienkanäle und geben regelmäßig Einblicke in ihren Alltag, auch in den ihrer Kinder. Ein Privatleben vor der Kamera.

Massive Verletzung der Intimsphäre

"Eltern haben keinerlei Kontrolle darüber, wo diese Filme landen", kritisiert der Deutsche Kinderschutzbund. "Zum Schutz der Kinder wünschen wir uns, dass Kinder nicht in intimen Situationen wie beim Baden, Zähneputzen oder Anziehen gefilmt werden." Die gemeinnützige Einrichtung Jugendschutz.net hat die Videos von 28 reichweitenstarken Familienkanälen auf YouTube ausgewertet. Ein Ergebnis: Fast alle Kinder, 94 Prozent, werden in sehr privaten Situationen gezeigt. "Das verletzt die Intimsphäre der Kinder massiv", sagt Katja Knierim, Mitverfasserin der Studie.

Es gebe auch Hinweise auf Rechtsverstöße, beispielsweise gegen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, wenn persönliche Daten der Kinder preisgegeben werden. Oder gegen das Recht auf Selbstbewahrung, bei dem es darum geht, sich zurückzuziehen und abschirmen zu dürfen. Zur Anzeige bringen könnten das allein die Betroffenen, in diesem Fall die filmenden Eltern als Erziehungsberechtigte. Die befinden sich laut Jugendschutz.net allerdings in einem Interessenkonflikt. Denn es geht nicht zuletzt ums Geld.

Kindheit auf dem Präsentierteller: Das Geschäft der Familienkanäle auf YouTube
tagesthemen 22:15 Uhr, 20.11.2019, Christian Kretschmer, SWR

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Vom Freizeitspaß zum Family Business

Einige Familien verdienen beispielsweise, indem sie Spielzeug testen und von den Herstellern dafür bezahlt werden. Oder sie erhalten Provision, wenn Zuschauer über sogenannte "Affiliate Links" die getesteten Spielzeuge in Onlineshops kaufen. Für den Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort ist all das eine "Ökonomisierung der Kinder": "Am Ende wird hier die Eltern-Kind-Beziehung ausgebeutet", sagt er. 

Wie viel die Influencer-Familien dadurch verdienen, lässt sich nur schwer feststellen. Nach Angaben von Jugendschutz.net gibt es jedoch Hinweise, dass ein Drittel der Familien ausschließlich mit YouTube-Videos ihr Geld verdient. "Hier liegt es dann auch an den Kindern, das Familieneinkommen zu sichern", sagt Jugendschützerin Knierim. Der Freizeitspaß werde zum "Family Business".

Risiko von sexueller Belästigung

Auffallend ist, dass viele Familien ihre Kinder halbnackt zeigen, zum Beispiel, wenn sie Badespielzeug ausprobieren. Gerade diese Videos bekommen laut Jugenschutz.net häufig die meisten Klicks, weil sie unbeabsichtigt sexuelle Fantasien bedienen. Das grundsätzliche Risiko von sexueller Belästigung und Stalking sei bei den jungen YouTube-Stars erhöht, warnt auch der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger. Die Kinder könnten zudem in der Schule häufiger zur Zielscheibe für Mobbing werden, wenn sie in den Videos besonders emotional gezeigt werden.

Beispiele hierfür gibt es einige. Eines davon ist der damals 15 Jahre alte Cihan, der sich beim Skifahren das Bein bricht, er schreit vor Schmerz, seine Familie stellt davon eine "Spezial"-Ausgabe auf YouTube. Sie hat mehr als drei Millionen Aufrufe.

YouTube selbst verweist darauf, dass es stetig Maßnahmen ergreift, um Minderjährige zu schützen. So ist meistens die Kommentarfunktion bei Videos mit Kindern deaktiviert. Außerdem hat YouTube Richtlinien und "Best Practices" für diese Videos veröffentlicht; darin heißt es, dass die Privatsphäre von Kindern zu respektieren sei. Jugendschutz.net fordert unter anderem, dass YouTube hier konkretere Tabus formuliert. Und dass sich die auch Eltern daran halten.

Über dieses Thema berichteten Bayern 2 am 19. November 2019 um 18:30 Uhr in der Sendung "radioMikro" und B5 aktuell am 20. November 2019 um 07:21 Uhr.

Korrespondent

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