Blumen am Tatort in Kandel | Bildquelle: Nele Pasch, SWR

Gedenken an getötete 15-Jährige Hass und Widersprüche in Kandel

Stand: 10.01.2018 12:20 Uhr

Ein mutmaßlich 15-jähriger Flüchtling ersticht seine gleichaltrige Ex-Freundin. Die Beziehungstat löst eine politische Debatte aus, die auch von Rechten instrumentalisiert wird. Außerdem streiten sich Jugendamt und Polizei. Über einen Ort, in dem es immer unübersichtlicher wird.

Von Nele Pasch, SWR

Mit der Schweigeminute, mit der Schüler und Klassenkameraden des getöteten Mädchens in Kandel gedachten, kehrte heute Mittag für einen kurzen Moment Ruhe ein. Ruhe in einen festgefahrenen Streit. Ruhe in einen Ort, der gar nicht will, dass die Welt so genau auf ihn schaut und mitbekommt, wie sich Streit, Hass und Verwirrung ausbreiten.

Der Ort heißt Kandel, er liegt im Süden von Rheinland-Pfalz und zählt etwa 9000 Einwohner. Laut Bundesamt für Bauwesen ist Kandel eine kleine Kleinstadt. Eine schöne deutsche Kleinstadt, in der ein Bofrost-Lkw seine Runden zieht. Viele Fachwerkhäuser säumen die Straßen, bunte Fassaden, kaum ein Hochhaus. Unaufgeregt geht es hier zu. Normalerweise.

Einkaufsstraße in Kandel | Bildquelle: Nele Pasch, SWR
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Fachwerk, Kunst und kleine Geschäfte: Kandel in Rheinland-Pfalz

Dieser Tage ist es anders. Am 27. Dezember ist Kandel Schauplatz eines tragischen Verbrechens: Ein afghanischer Flüchtling ersticht seine deutsche Ex-Freundin in einem Drogeriemarkt. Mit einem Küchenmesser. Beide sollen 15 Jahre alt sein. Das Alter des Jungen wird später angezweifelt, unter anderem vom Vater des Mädchens.

Die Fakten

Im April 2016 ist der Beschuldigte Abdul D. ohne Ausweispapiere nach Deutschland gekommen. In Frankfurt am Main wurde er registriert und im Mai 2016 als unbegleiteter minderjähriger Schutzsuchender dem Landkreis Germersheim in Rheinland-Pfalz zugewiesen. Im Februar 2017 lehnt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge seinen Asylantrag ab. Dennoch liegt ein Abschiebeverbot vor.

Er lebte zunächst mehr als ein Jahr in einer Einrichtung im Landkreis Germersheim mit 24-Stunden-Betreuung. In dieser Zeit besuchte er in Kandel die Schule und lernte dort Mia kennen. Sie waren ein paar Monate lang ein Paar. Im September 2017 veranlasste das Jugendamt, dass der Junge in eine Wohngemeinschaft mit einem niedrigeren Betreuungsschlüssel zieht. "Wenn die Jugendlichen sich integrieren und ordentlich verhalten, ist es normal, dass sie nicht mehr intensiv rund um die Uhr betreut werden", erklärt eine Jugendamt-Mitarbeiterin. Hierbei gehe es schließlich auch um eine Kostenfrage.

Nach Mord in Kandel: Die Bewohner haben Angst
tagesthemen 22:15 Uhr, 10.01.2018

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Der Bürgermeister schweigt

Es ist nicht leicht, in diesen Tagen an mehr Informationen zu gelangen. Der Bürgermeister will nicht mehr öffentlich reden, seine Internetseite ist seit ein paar Tagen offline. Er bekam zahlreiche Morddrohungen per E-Mail. Bei den öffentlichen Behörden geht kaum jemand ans Telefon, Anfragen per E-Mail werden nur sporadisch beantwortet.

Die wenigen, die sich zu der Tat äußern oder gar den Beschuldigten kennen, wollen nicht genannt werden. Ein ehemaliger Betreuer erzählt, dass Abdul D. sich nicht auffällig verhalten habe. Er sei zwar emotional gewesen, habe aber durchaus eingesehen, wenn er einen Fehler gemacht habe. Ein anderer afghanischer Flüchtling hat Abdul zweimal am Bahnhof getroffen. Er kann sich an den Beschuldigten erinnern und sagt dem SWR, dass Abdul D. nicht zufrieden war mit seinem Leben in Deutschland und davon sprach, nach Afghanistan zurückzukehren.

Kandel | Bildquelle: Nele Pasch, SWR
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Die Tat bewegt die Menschen in Kandel.

Wut auf die Behörden

Wer aber genau wissen will, wie es soweit kommen konnte, dass ein minderjähriger Flüchtling seine Ex-Freundin tötete, stößt auf Widersprüche. Sicherheitsbehörden und das Jugendamt, für das die Kreisverwaltung Germersheim zuständig ist, widersprechen sich in ihren Aussagen, wenn es um die Frage geht, ob die Polizei das Jugendamt korrekt über das Gefahrenpotenzial des Flüchtlings informiert hat oder nicht.

Einen Monat vor der Bluttat war es zu einer Prügelei zwischen dem Beschuldigten und einem Mitschüler auf dem Schulhof gekommen, der daraufhin Anzeige erstattete. Am 15. Dezember kam es zu einer zweiten Anzeige, diesmal von den Eltern des Mädchens wegen Beleidigung, Bedrohung und Nötigung. Der Junge habe ehrverletzende Bilder seiner Ex-Freundin öffentlich gemacht, ihr gedroht, sie am Bahnhof Kandel "abzupassen" und dass sie in Zukunft "aufpassen" müsse. Am 27. Dezember war das Mädchen tot. Die Frage ist, ob die Gefahr, die von Abdul D. ausging, unterschätzt wurde.

Aussage gegen Aussage

Laut Kreisverwaltung Germersheim hat die Polizei weder den Vormund des Beschuldigten noch das Jugendamt oder die Betreuerinnen der Wohngruppe darüber informiert, dass der Afghane seine Ex-Freundin mehrfach direkt bedroht hatte. Man habe lediglich von dem Vorfall auf dem Schulhof und den Handy-Bildern erfahren, nicht aber von der direkten Bedrohung des Mädchens. "Zu keiner Zeit gab es für die Mitarbeiter des Jugendamts (...) Indizien, die dafür sprechen, dass man um Leib und Leben des Mädchens fürchten müsse", heißt es seitens der Kreisverwaltung.

Diese Sicht der Dinge weist die Polizei scharf zurück. Detailliert listet sie auf, dass es zwei Telefonate gab, in der die Polizei den Vormund des Täters beim Jugendamt explizit über alle Vorwürfe informiert habe - insbesondere über die vom Beschuldigten ausgesprochenen Drohungen bezüglich "abpassen" und "aufpassen". Laut Polizei wurden diese Gespräche als "Maßnahme im polizeilichen Vorgangsbearbeitungssystem dokumentiert". Nach SWR-Recherchen hat die Polizei ihren schriftlichen Bericht allerdings erst rund zwei Wochen nach der Anzeige dem Jugendamt zugeschickt. Es steht also Aussage gegen Aussage.

Rechter Hass

Dass Jugendamt und Polizei sich nicht einig sind, ist das Eine. Das Andere: wie viel Hass diese Tat provoziert hat. Verbandsbürgermeister Volker Poß mahnte kurz danach zur Zurückhaltung. Man solle die Ermittlungen abwarten und nicht gleich Konsequenzen fordern. Darauf folgte eine Welle des blanken Hasses in unzähligen E-Mails und Anrufen. Die Absender wünschten ihm einen "langsamen, qualvollen Tod" und nannten ihn "Mittäter". Die Mitarbeiter des Sozialamts schließen ihre Türen ab, aus Angst. Auch sie werden bedroht.

Wohnstraße in Kandel
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9000 Menschen wohnen in Kandel.


Rechtsradikale und NPD-Anhänger organisieren "Gedenkveranstaltungen" und Kundgebungen in Kandel. Sie fordern lautstark, diesen "Asylwahnsinn" zu stoppen. Menschen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, wollen ihren Namen nicht in der Presse lesen - aus Angst vor Übergriffen. Eine Anwohnerin, die ebenfalls nicht genannt werden will, sagt: "Es ist unmöglich, wie die Rechten das Geschehen instrumentalisieren. Da fehlt jeder Respekt vor der Familie." Aber sie sagt auch: Noch mehr Asylbewerber schaffe Kandel nicht, schon jetzt sei die Politik überfordert. Sie fordert strenge, konsequentere Abschiebungen von straffälligen Schutzsuchenden - wie viele andere dieser Tage in Kandel. Oft fällt der Satz "Ich habe nichts gegen Ausländer, aber …"

Kandel ist zum Symbol von Debatten geworden. Zum einen über die Frage, ob das Alter von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen künftig routinemäßig medizinisch festgestellt werden soll. Zum anderen darüber, wie die Flüchtlingspolitik der Zukunft gestaltet und ob konsequenter abgeschoben werden soll. Der Fall zeigt aber auch, wie schnell politische Lager Profit aus einem Verbrechen schlagen wollen.

Aber um 12 Uhr herrschte erst einmal Ruhe in der Stadt. Für einen Moment. Es geht um den Verlust eines 15 Jahre jungen Mädchens.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Dezember 2017 um 12:35 Uhr.

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