Andreas Kalbitz | Bildquelle: dpa

Rücktritt von AfD-Politiker Kalbitz "Kleiner Boxhieb in die Seite"

Stand: 18.08.2020 18:47 Uhr

War es eine handfeste Prügelei oder doch nur ein Knuff zur Begrüßung? Fakt ist: Brandenburgs AfD-Fraktionschef Kalbitz tritt zurück, sein Parteikollege wird im Krankenhaus behandelt - und viele Fragen bleiben.

Von Martin Schmidt, ARD-Hauptstadtstudio

"Naja, Fraktionsmitglied ist er ja noch", kommentiert ein AfD-Abgeordneter aus Brandenburg in einem vertraulichen Telefonat. Die Sitzung der Fraktion ist da gerade vorbei. Andreas Kalbitz hat eben erst seinen Rücktritt vom Posten des Fraktionsvorsitzenden erklärt. "Aber das ist erstmal ok so", sagt der Abgeordnete, "Chef von uns wird der definitiv nicht mehr."

Es gibt in Brandenburg einige, die schon länger darauf hingearbeitet haben, Kalbitz loszuwerden. Zwei Stunden hatte die Fraktion am Morgen darüber beraten, ob Kalbitz den Posten, den er schon ruhen ließ, nun ganz abgeben sollte. Nach anderen Tagesordnungspunkten dauerte es nochmal zwei Stunden am frühen Nachmittag, dann trat Kalbitz zurück. Selbst seine bisherigen Fürsprecher hatten ihm die Unterstützung verweigert, heißt es. Sogar seine enge Vertraute Birgit Bessin habe ihren Stellvertreterposten in Frage gestellt. Kalbitz sei klar geworden, dass ihm die Fraktion nicht mehr folgen will.

Prügelei oder Kabbelei?

Seit gestern gibt es in AfD-internen Foren nur noch ein Thema - der Auslöser für die erneute Personaldebatte in Brandenburg: Es geht um einen Begrüßungsschlag, einen Milzriss und die Frage, was da eigentlich vorgefallen ist vor gut einer Woche in den Fraktionsräumen der brandenburgischen AfD.

Die Versionen klingen erst einmal sehr unterschiedlich: Kalbitz soll den Parlamentarischen Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion, Dennis Hohloch, "krankenhausreif geprügelt" haben. Das verbreiten die, die Kalbitz nicht leiden können. Hohloch liege mit einem Milzriss im Krankenhaus, sei sogar auf der Intensivstation gewesen.

Archivbild: Andreas Kalbitz (l), ehem. Fraktionsvorsitzender der Brandenburger AfD, und Dennis Hohloch, Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD Brandenburg, kommen nach einer Sitzung der Brandenburger Fraktion zu einer Pressekonferenz. (Quelle: dpa/S. Stache)
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Die Brandenburger AfD-Politiker Kalbitz und Hohloch stehen im Mittelpunkt einer heftigen Parteidebatte.

"Freundschaftlicher Knuff"

Das Kalbitz-Lager widerspricht: Mal ist von einem "freundschaftlichen Knuff" die Rede, mal von einer "Kabbelei unter Männern", vielleicht "ein kleiner Boxhieb in die Seite". Alles sei aber in bester Stimmung gewesen. Man habe auch ganz normal weitergearbeitet.

Erst als Hohloch doch Schmerzen bekommen habe, sei Kalbitz selbst gleich mit ihm zum Arzt gefahren. Dort sei eine "Zyste auf der Milz" festgestellt worden. In mancher Erzählung klingt es gar so, als habe Kalbitz Hohloch damit quasi einen Gefallen getan, weil die Zyste sonst unentdeckt geblieben wäre.

Hohloch selbst spricht von Milzriss

Mittlerweile hat Hohloch selbst bestätigt, dass die Begebenheit seiner Meinung nach in einem Bericht des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) sehr gut dargestellt sei. Demnach waren die Abgeordneten gerade zurück vom Mittagessen und Hohloch saß im Büro eines Fraktionskollegen. Kalbitz habe die Tür geöffnet und Hohloch statt einer Begrüßung unkontrolliert heftig in die Seite geboxt.

Schon kurze Zeit später klagte Hohloch über heftige Magenschmerzen. Ärzte stellten am folgenden Tag innere Verletzungen fest. Aber auch das schreibt Hohloch bei Facebook: "Ja, ich liege aktuell noch im Krankenhaus mit einem Milzriss (keine Zyste o.ä.)." Also, keine Prügelei (wie es Kalbitz-Gegner behauptet hatten), aber schon ein Milzriss (was das Kalbitz-Umfeld abgestritten hatte). Soweit so unklar. Die Geschichte ist damit wohl noch lange nicht auserzählt.

Mini-MeToo-Bewegung gegen Kalbitz

Die Staatsanwaltschaft Potsdam hat schon Ermittlungen gegen Kalbitz eingeleitet - wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Körperverletzung. Es muss bei einem Anfangsverdacht keine Anzeige vorliegen, ermittelt wird auch aufgrund von Presseberichten.

Und auch in der Partei kehrt keine Ruhe ein. Aus dem Umfeld der Parteispitze heißt es, es scheine jetzt so eine Art Mini-MeToo-Bewegung gegen Kalbitz zu geben. Einige rechnen damit, dass noch mehr Ausfälle von Kalbitz öffentlich werden könnten. Denn plötzlich gibt es viele AfD-Mitglieder, die ausführlich über die Eigenarten ihres Parteifreundes reden wollen - fast alle wollen sich dabei noch zusichern lassen, absolut anonym bleiben zu dürfen. Es geht um Alkoholkonsum und Kalbitz' aggressive Art - er habe schon einmal zugeschlagen.

"Du bist Parteikrebs, Junge"

Vergangenes Jahr auf einer Fraktionsklausur soll das gewesen sein, mitten in der Nacht, erzählen Landtagskollegen von Kalbitz. Auf Facebook schreibt das auch der Mitarbeiter der AfD-Landtagsfraktion Kai Laubach: Auf der Klausur habe der damalige Fraktionschef "Kevin in die Fresse geschlagen", weil er "beim Saufen wichtige Reden in der Hotellobby schwingen" wollte.

Noch brisanter aber ist der Teil seines Statements über den "Begrüßungs-Boxschlag" gegen Hohloch: "Du hättest beinahe Dennis Hohloch fahrlässig getötet", schreibt Laubach. Anschließend hätte Kalbitz ihm gegenüber Hohloch sogar noch als "zerbrechliches Weichei" bezeichnet, statt zu seiner Verantwortung zu stehen. Laubach endet seine heftig formulierte Abrechnung mit Kalbitz mit den Worten: "Du bist Parteikrebs, Junge." Er solle bitte gehen.

Eilverfahren vor dem Landgericht Berlin

Gehen, das bezieht sich wohl auf die Fraktion. Denn Parteimitglied ist Kalbitz zur Zeit gar nicht mehr. Das Bundesschiedsgericht bestätigte Ende Juli einen Beschluss des Bundesvorstands: Kalbitz habe bei seinem Eintritt in die AfD vorherige Mitgliedschaften in rechtsextremen Vereinigungen nicht angegeben. Daher annullierte die AfD-Spitze seine Mitgliedschaft.

Juristisch ist dieser Streit aber noch nicht vorbei. Am Freitag will Kalbitz per Eilverfahren wieder zurück in die AfD, verhandelt wird vor dem Landgericht Berlin. Parteienrechtler rechnen Kalbitz dabei gute Chancen aus - daher kommt der Vorfall mit Hohloch zur Unzeit. Am Ende könnte er seine Mitgliedschaft zurück bekommen, aber den Rückhalt in seiner Partei nicht mehr.

Am Ende profitiert Meuthen

Jörg Meuthen, der den Rauswurf von Kalbitz im Frühjahr mit anstieß, frohlockt bereits: "Die heute schließlich getroffene Entscheidung von Herrn Kalbitz, von seiner Position als Fraktionsvorsitzender der Brandenburger Landtagsfraktion endgültig zurückzutreten, ist im Lichte der Geschehnisse unvermeidbar und überfällig", sagt der AfD-Chef dem ARD-Hauptstadtstudio. Sein Co-Chef Tino Chrupalla gibt sich da verhaltener: "Der Schritt ist in dieser Situation konsequent und richtig." Chrupalla hatte Kalbitz im parteiinternen Machtkampf bis zuletzt unterstützt.

Doch es ist Meuthens Lager, das nun wieder einen Etappensieg einfährt. "Jetzt schwitzen sie sich gegenseitig aus", kommentiert ein ranghohes AfD-Mitglied in einer ihrer Chatgruppen. Es ist eine Anspielung auf ein umstrittenes Zitat von Kalbitz' engstem Vertrauten Björn Höcke. Auch dessen Zukunft in der AfD ist ohne Kalbitz völlig offen - betonen selbst die, die beiden wohlgesonnen sind. Und so sollen die Chefs des rechtsextremen Flügels in der AfD morgen in Schnellroda in Sachsen-Anhalt zusammenkommen, um über ihre nächsten Schritte zu beraten, heißt es aus ihrem Umfeld.

"Unvermeidbar" - Reax AfD Chef Meuthen auf Kalbitz Rückzug von Fraktionsspitze
Kilian Pfeffer, ARD Berlin
19.08.2020 06:24 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. August 2020 um 20:00 Uhr.

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Martin Schmidt, SWR | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo SWR

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