Interview

20 Jahre vereintes Deutschland "Die Treuhand war die Zielscheibe für Frust und Zorn"

Stand: 01.10.2010 13:37 Uhr

tagesschau.de: Und die Gewerkschaften?

Seibel: Es gibt eine historische Wasserscheide, an der sich entschieden hat, ob die Gewerkschaften einen Oppositionskurs gegen die Treuhand und Bundesregierung führen würden oder nicht. Das war tragischerweise die Ermordung des damaligen Treuhandchefs Rohwedder im April 1991. Als deutlich wurde, dass die wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen dieses Umbruches so gravierend waren, dass sie auch ein erhebliches Gewaltpotenzial freisetzen konnten, haben führende Gewerkschafter sich entschlossen, den generellen Kurs der Treuhand zu stützen. Es kann sich ja kaum noch jemand daran erinnern, aber es gab damals landfriedensbruchartige Szenen, zum Beispiel in Schwerin, wo aufgebrachte Werftarbeiter im Februar 1991 den Landtag besetzt hatten.

tagesschau.de: Das heißt, die Gewerkschaften zogen mit der Treuhand an einem Strang?

Seibel: Gewerkschaftsvertreter saßen im Verwaltungsrat der Treuhand, genauso wie alle ostdeutschen Ministerpräsidenten. Diese Integration ist eine der politischen Stabilisierungsleistungen der Treuhandanstalt, die Integration der organisierten Arbeitnehmerschaft.

Rohwedder Breuel
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Die Ermordung des Vorsitzenden der Berliner Treuhandanstalt, Detlev Carsten Rohwedder (Mitte) machte laut dem Politikwissenschaftler Seibel das große Gewaltpotenzial deutlich. Hier ist Rohwedder mit Birgit Breuel, damals Mitglied im Vorstand der Treuhand (links), am 27. November 1990 in Berlin zusehen, als sie Stellung zum Streik der Eisenbahner in Ostdeutschland nehmen.

tagesschau.de: Aber auf Kosten der DDR-Arbeitnehmer ...

Seibel: Es ist völlig unbestritten, dass es in einzelnen Branchen in Westdeutschland das Interesse gab, im Osten keine Billiglohnkonkurrenz entstehen zu lassen.  Und sicher gab es generell das Interesse der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen, eine Konkurrenz zwischen Ost und West zu vermeiden. Aber die Treuhand wird man nicht dafür verantwortlich machen können, dass es in Ostdeutschland partielle De-Industrialisierung und massiven Arbeitsplatzabbau gegeben hat.

Massiver Druck aus dem Ausland auf die Kohl-Regierung

tagesschau.de: Das klingt nach einer fast lupenreinen Erfolgsbilanz. Wie passt das zu dem Bild der Treuhand als rücksichtlosem Abwickler, der noch draufgezahlt hat, um seine Aufgabe – die Privatisierung – zu erfüllen? Ist das ein von persönlichen schlechten Erfahrungen getrügtes Bild?

Seibel: In gewisser Weise ja. Es gibt so etwas wie dominierende Erzählungen, die sich festfressen und manchmal zutreffen können, manchmal aber auch irreführende Mythen begründen. Wir haben eine unglückliche Erzähltradition in Bezug auf den wirtschaftlichen Umwandlungsprozess der DDR, nämlich: Da kam der Westen, der hat alles platt gemacht, dafür brauchte er eine Institution und das war die Treuhandanstalt. Das ist mehr oder weniger das Bild im kollektiven Gedächtnis. Dabei wird aber die geopolitische Situation und die Rolle Deutschlands darin vergessen.

tagesschau.de: Der Zusammenbruch der Sowjetunion?

Seibel: Das auch, aber vor allem waren die Deutschen in der Wahrnehmung ihrer europäischen Nachbarn und transatlantischen Partner 1989 drauf und dran, zum dritten Mal in einem Jahrhundert große Konflikte zu erzeugen. Das sollte unter allen Umständen verhindert werden. Aus den heute zugänglichen Dokumenten wissen wir, dass Thatcher, Mitterrand und auch Bush massiv Druck auf Kohl und die Bundesregierung ausgeübt haben, die ostdeutsche Bevölkerung zu beruhigen, auch durch die Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage. Keinesfalls durfte die Situation entstehen, dass es zu Unruhen kam und die Gewalt sich gegen sowjetische Kasernen in Ostdeutschland wendete. Damit wäre die Position Gorbatschows destabilisiert und die der Hardliner unter dessen Gegnern in Moskau gestärkt worden. Es war ja ein Umbruch an der Schnittstelle zweier großer Machtblöcke, der auf friedliche Weise bewerkstelligt werden musste.

Montagsdemo in Leipzig am 12. März 1990
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Montagsdemo in Leipzig am 12. März 1990. Die Menschen in Ostdeutschland bestanden auf den Umtauschkurs 1:1.

tagesschau.de: Sie würden also das negative Bild der wirtschaftlichen Transformation der DDR korrigieren?

Seibel: Ich würde es anders einordnen. Deutschland hatte zwei Mal im 20. Jahrhundert einen Krieg vom Zaun gebrochen und anschließend war das Land in zwei Teile geteilt. Da standen sich zwei bis an die Zähne bewaffnete Militärblöcke mitten in Deutschland gegenüber und einer von denen begann nun 1989 zu zerfallen. So etwas ist in der Geschichte selten friedlich abgegangen.

Was die Menschen friedlich machte, war die Hoffnung auf Freiheit und Wohlstand. Dafür stand erst einmal die deutsch-deutsche Währungsunion. Und die war der Anfang vom endgültigen Ende der DDR-Wirtschaft, die durch 40 Jahre kommunistischer Planwirtschaft zugrundegerichtet worden war. An diesen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang muss man ja hin und wieder erinnern. Also sehen wir es doch so: Deutschland hat seine „zweite Chance“ genutzt für das friedliche Wieder-Zusammenwachsen. Und daran hatte die Treuhandanstalt ihren widersprüchlichen und konfliktbeladenen Anteil. 

Das Interview führte Nea Matzen, tagesschau.de

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