Das Stadion in Hannover am Tag nach der Absage des Länderspiels
Interview

Angstforscher zur Bedrohung durch Terror "Es droht keine Gesellschaft der Angst"

Stand: 18.11.2015 17:18 Uhr

Nach der Absage des Fußballländerspiels ist die Terrorgefahr noch näher gerückt. Wird das die deutsche Gesellschaft verändern? Der Angstforscher Bandelow erklärt im tagesschau.de-Interview, warum die Verunsicherung nicht lange anhalten wird.

tagesschau.de: Nach der Absage des Fußballländerspiels gestern in Hannover ist die Terrorgefahr in Deutschland sichtbarer geworden. Was macht das mit der Bevölkerung?

Borwin Bandelow: Die Menschen sind momentan sehr verunsichert und haben Angst. Einige werden sicherlich erstmal Großveranstaltungen wie Konzerte oder Weihnachtsmärkte meiden. Doch diese Verunsicherung wird nicht sehr lange anhalten. Wir konnten das in früheren Fällen beobachten, wo Karnevalsumzüge oder Großveranstaltungen abgesagt wurden: In der Regel legt sich die Angst nach etwa vier Wochen wieder.

Borwin Bandelow
Zur Person

Borwin Bandelow gilt als einer der führenden Angstforscher in Deutschland. Er ist Präsident der Gesellschaft für Angstforschung und arbeitet als Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen.

Es ist ja so, dass die Angst gar nicht den statistischen Tatsachen entspricht: Selbst wenn ein Terroranschlag in Deutschland passieren würde, wäre für den Einzelnen die Wahrscheinlichkeit, bei einem Anschlag zu sterben relativ gering. Gerade, wenn man es mit den vielen anderen Gefahren vergleicht, die uns drohen - wie bei einem Verkehrsunfall zu sterben oder an Krebs zu erkranken.

"Das muss die Einstellung zum Leben nicht verändern"

tagesschau.de: Dennoch hat sich die Bedrohung westlicher Gesellschaften durch den internationalen Terrorismus ja verändert. Wird Terrorangst ein ständiger subtiler Begleiter bleiben?

Bandelow: Ich rechne nicht damit, dass die Bevölkerung sich in ihrer Lebensqualität auf Dauer einschränken lässt. Denken Sie an Menschen, die in Städten leben, die viel gefährlicher sind als hierzulande. Beispielsweise die Favelas von Rio de Janeiro, wo man täglich überfallen werden kann und die Drogenmafia quasi die Regierung übernommen hat.

Die Menschen leben dort trotzdem und haben interessanterweise häufig auch eine positivere Grundstimmung als wir, die wir in einer sehr sicheren Gesellschaft leben. Bedrohung muss sich also nicht nachhaltig auf die Einstellung zum Leben auswirken.

Aber auch die Deutschen haben sich im Zweiten Weltkrieg an die Angst vor den Bomben gewöhnt. Menschen sind unglaublich anpassungsfähig, was den Umgang mit Bedrohung und Angst angeht. Selbst wenn es Terroranschläge in Deutschland geben würde, glaube ich nicht, dass eine Gesellschaft der Angst entstünde.

"Wenn Angst zu viel wird, kann sie lähmen"

tagesschau.de: Ist das denn ausschließlich positiv zu sehen? Immerhin hat Angst ja auch einen Sinn.

Bandelow: Zunächst mal ist es positiv: Denn es wäre schrecklich, wenn wir jetzt dauerhaft in einen kollektiven Panikzustand verfallen würden. Das hält niemand auf Dauer aus. Es ist von der Natur schon gewollt, dass Angst bei ständiger Bedrohung weniger wird. Auch die körperlichen Ausformungen, wie Angstschweiß, hat man nur in einer akuten Gefahrensituation.

Generell ist Angst aber natürlich sehr sinnvoll. Ich fahre zum Beispiel jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit und der Straßenverkehr macht mir durchaus Angst. Das führt dazu, dass ich darauf achte, nicht überfahren zu werden und die Stellen genau kenne, an denen ich höllisch aufpassen muss. Das heißt nicht, dass ich darüber ständig nachdenken muss und ich hab auch kein Magengrummeln deswegen. Ich bin eben vorsichtiger.

An so einer Stelle kann Angst extrem sinnvoll sein, sie kann uns aber auch lähmen, wenn sie zu viel wird. Ich denke aber nicht, dass durch die latente terroristische Bedrohung ein Zustand entsteht, wo die Angst zu viel wird.

"Gesellschaft wird nicht in ihren Grundfesten erschüttert"

tagesschau.de: Sie sehen keinerlei gesellschaftliche Konsequenzen durch die latente Bedrohungslage?

Bandelow: Natürlich muss man aufpassen, dass durch ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis die Freiheit einer Gesellschaft nicht zu sehr beschnitten wird. Aber ich bin überzeugt, dass unsere Gesellschaft nicht nachhaltig in ihren Grundfesten erschüttert werden wird, auch wenn es in Deutschland Terroranschläge geben würde. Man konnte das in den USA beobachten: Selbst nach den massiven Anschläge vom 11. September hat das amerikanische Volk sich nicht nachhaltig beeinflussen lassen.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de

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KOMMENTARE

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Jon Do 18.11.2015 • 23:48 Uhr

"Es droht keine Gesellschaft der Angst"

Klar, in den Nachrichten sind nur 26 von 30 Artikeln der "Terrorgefahr" gewidmet, und wir sagen halt nur Fußballspiele ab. . Scharfmacher unserer Regierung warnen halt ständig von einer "wirklich" GEFÄHRLICHEN Bedrohungslage für uns alle. . Und weitere Überwachungs- und Bürgerrechtsabschaffungsgesetze werden aus den Schubladen geholt, in denen sie bisher lagen. Diese Gelegenheit läßt sich unser Staat nicht entgehen.