Interview

Ein Mann steht in der Justizvollzugsanstalt in Freiburg im Block der Sicherheitsverwahrten vor einem vergitterten Fenster

Interview mit muslimischem Seelsorger "JVAs sind keine Brutstätten des Terrors"

Stand: 23.01.2015 20:52 Uhr

Einer der Attentäter von Paris hat sich im Gefängnis radikalisiert - könnte so etwas auch in Deutschland passieren? Die Gefahr ist da, sagt der muslimische Gefängnis-Seelsorger Cimşit im tagesschau.de-Interview. Deshalb braucht es gezielte Angebote für gefährdete Häftlinge.

tagesschau.de: Einer der französischen Attentäter wurde offenbar im Gefängnis radikalisiert. Ist das auch in Deutschland eine Gefahr, sind Gefängnisse eine Brutstätte für Islamisten?

Mustafa Cimşit: Die Gefahr, dass vor allem junge Muslime sich im Gefängnis radikalisieren, ist zwar etwas höher als auf der Straße, aber Justizvollzugsanstalten (JVA) als Brutstätte des Terrors zu bezeichnen ist völlig falsch. Es ist bei weitem nicht jeder inhaftierte Muslim ein potenzieller Attentäter. Nur wer draußen schon gefährdet ist, ist es drinnen auch. Gefängnisse sind also zu einem gewissen Maß ein Abbild der Gesellschaft.

alt Mustafa Cimsit

Mustafa Cimşit

Der Imam ist Generalsekretär der "Union muslimischer Theologen und Islamwissenschaftler in Deutschland" und Vorsitzender der Schura Rheinland-Pfalz. Der ausgebildete Pädagoge wuchs als Kind türkischer Gastarbeiter in der Pfalz auf. Er möchte zwischen der islamischen Gemeinde und Nicht-Muslimen vermitteln und so das Verständnis auf beiden Seiten verbessern. Der 43-Jährige arbeitet als hauptamtlicher Seelsorger in zwei Gefängnissen in Frankfurt.

tagesschau.de: Verglichen mit ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung sind Muslime in Gefängnissen aber deutlich überrepräsentiert. Für Islamisten, von denen ja auch einige in Haft sind, ist das ein ideales Rekrutierungsfeld - wie können wir diesem Problem begegnen?

Cimşit: Das stimmt, in Hessen sind unter jugendlichen Häftlingen rund 30 Prozent muslimischen Glaubens, während es in der Bevölkerung nur etwa fünf Prozent sind. Angesichts dieser Zahlen müssen wir uns Gedanken machen, was wir als Gesellschaft ändern können, welche Angebote wir machen müssen, um diese Schieflage zu beheben. Wir müssen Jugendliche stark machen, damit sie gar nicht erst auf die schiefe Bahn geraten.

Wenn es aber doch so ist, müssen wir uns um sie kümmern, bevor es andere tun. Die Gefahr des Extremismus ist da und der muss begegnet werden, damit sich das Problem nicht weiter ausbreitet. Deshalb ist es wichtig, dass es in Gefängnissen muslimische Seelsorger gibt, denn diese können die Muslime meiner Erfahrung nach besser davor schützen, sich zu radikalisieren, als christliche Betreuer.

Alltagssorgen und politische Probleme

tagesschau.de: Sie arbeiten in dieser Funktion in der JVA Frankfurt. Wie sieht ihre Tätigkeit dort aus?

Cimşit: Wie meine evangelischen und katholischen Kollegen halte ich beispielsweise Gottesdienste ab. Das ist aber nur ein kleiner Teil meiner Arbeit. Weit mehr Zeit verbringe ich mit Einzel- und Gruppengesprächen mit den Häftlingen. Dabei sprechen wir über alle Fragen, die den zumeist jungen Menschen unter den Nägeln brennen. Das reicht von Alltagssorgen über religiöse Fragen bis zu familiären Konflikten, die sich im Gefängnis natürlich in der Regel verschärfen. Es geht aber auch um politische Fragen, etwa nach den Konflikten, die sich in muslimischen Ländern abspielen.

tagesschau.de: Was sagen Sie den Häftlingen, damit sie sich nicht radikalisieren?

Cimşit: Wir sprechen viel darüber, wie man mit Problemen oder Misserfolgen umgeht. Häufig fühlen Muslime sich beispielsweise benachteiligt oder sogar diskriminiert. Dann zeige ich ihnen Wege auf, wie sie auf friedlichem Weg zu ihrem Recht kommen und dass Gewalt keine Lösung ist. Eine wichtige Message: Selbst wenn einem Unrecht widerfährt, darf man keinesfalls Selbstjustiz üben. Meine Sprechstunden sind so gesehen auch ein wenig Demokratieerziehung.

Ich mache ihnen auch klar, dass Muslime sich primär aus ihrem Glauben heraus für ein friedliches Miteinander einsetzen müssen und dass die gesellschaftlichen Regeln beachtet werden müssen. Häufig müssen sie erst lernen, mit Misserfolgen umzugehen.

Wenn aber jemand innerlich in Aufruhr ist und ich merke, dass er offen ist für Gewalt, versuche ich herauszufinden, woher das rührt. Wenn der Häftling das erkennt, ist häufig schon ein wichtiger Schritt zur Normalisierung getan. Wenn ich aber mitbekomme, dass jemand eine Straftat begehen will, melde ich das den Behörden, das ist klar.

Gemäßigt Religiöse am meisten gefährdet

tagesschau.de: Wer sind diese jungen Menschen, die in den Extremismus abzurutschen drohen?

Cimşit: Den typischen Fall gibt es dabei nicht. Es gibt Menschen aus bildungsfernen Schichten, aber auch aus bürgerlichen Häusern, fromme und eher weltlich orientierte. Aus meiner Sicht sind diejenigen am ehesten gefährdet, die in ihrem Elternhaus eher wenig Kontakt zur Religion hatten. Die kommen in der JVA auf einmal mit einem religiösen Milieu in Berührung, mit dem sie nicht klarkommen und die verlieren dadurch häufig die Orientierung.

Oft sind es labile Persönlichkeiten, die nach einem Sinn und nach einfachen Antworten suchen. Und diese Menschen sind offen für egal welche Art von Extremismus. Ob jemand sich radikalisiert, hängt ganz stark von der Persönlichkeit ab. Deshalb müssen wir mit jedem der Gefährdeten individuell sprechen und versuchen, ihm die charakterliche Stärke zu geben, um solchen Gefahren zu widerstehen.

Jugendstrafanstalt
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In Jugendgefängnissen sind muslimische Jugendliche häufig überrepräsentiert. Doch nur wer draußen empfänglich ist für radikale Ansichten, ist auch hinter Gittern gefährdet.

tagesschau.de: Wie kommen diese Menschen im Gefängnis in Kontakt mit radikalem Gedankengut?

Cimşit: Im Gefängnis lebt man sehr eng zusammen, teilweise für lange Zeit. Die Insassen begegnen sich täglich in den Freistunden oder den verschiedenen Kursen. Es ist aber auch ein Ort, an dem sich viele Menschen existentielle Fragen stellen zu ihrer Lebenssituation. Und wenn da ein sogenannter Gefährder, also ein Extremist, vor Ort ist, der charismatisch und eventuell rhetorisch überlegen ist, ist die Gefahr groß, dessen einfachen aber auch gewaltverherrlichenden Antworten Glauben zu schenken. Und dann sind sie in der Falle.

tagesschau.de: Befinden Sie sich also in einer Art Wettlauf mit islamistischen Predigern?

Cimşit: Wir müssen auf zweierlei Weise auf diese Herausforderung reagieren. Zum einen theologisch, was ich persönlich als das kleinere Problem sehe. Denn die Argumente der Extremisten sind alt und grob vereinfacht, diesen zu begegnen ist nicht besonders schwer.

Was wir zum anderen verstärkt angehen sollten, ist eine Stärkung der Medienkompetenz vor allem der Jugendlichen. Wer heute im Internet beispielsweise nach "Dschihad" sucht, landet ganz schnell auf gefährlichen Webseiten. Dem müssen wir eine gemäßigte Jugendkultur entgegensetzen, damit die jungen Menschen sehen, dass es auch etwas anderes gibt. Wir bräuchten also beispielsweise passende Inhalte auf Youtube, die nicht radikal oder gewaltverherrlichend sind. Denn über diese Kanäle erreichen wir die Jugendlichen.

"Extremismus ist eine Menschenplage"

tagesschau.de: Wie groß ist Ihre Erfolgsquote?

Cimşit: Ich würde sagen, dass 80 bis 90 Prozent der Häftlinge, mit denen ich spreche, Einsicht in meine Argumente entwickeln und merken, dass ein radikaler Islam keine Lösung für ihre Probleme ist. Ob man alle vor einer Radikalisierung bewahren kann, wage ich zu bezweifeln – das schafft wohl niemand. Extremismus ist eine Menschenplage und die kann leider jeden befallen, egal ob jemand im Gefängnis sitzt oder nicht.

tagesschau.de: Was können Ihrer Meinung nach muslimische Gemeinden tun, um speziell junge Menschen davor zu bewahren, in Konflikt mit dem Gesetz zu geraten und sich später eventuell zu radikalisieren?

Cimşit: Wir brauchen mehr Strukturen, die Jugendliche stark machen. Dabei sind auch die muslimischen Gemeinden gefragt. Denn bislang fehlt es hier an Personal und an Strukturen, um den Extremisten rechtzeitig etwas entgegenhalten zu können. Man könnte zum Beispiel mit etablierten Jugendorganisationen enger zusammenarbeiten, um mehr Angebote für Jugendliche zu machen.

Ein Beispiel ist der "Kompass muslimische Jugendbildung", den die Schura, also der Rat der islamischen Gemeinschaften, in Rheinland-Pfalz 2013 herausgegeben hat. Dieses Kompetenztraining mit theologischem Inhalt wurde kürzlich von der Landesregierung ausgezeichnet. Solche Jugendbildungsarbeit brauchen wir flächendeckend - und wir brauchen dabei die Unterstützung der Politik. Denn muslimische Seelsorger gibt es bislang leider viel zu wenige.

Das Interview führte Alexander Steininger, tagesschau.de

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