Interview

Corona-Intensivstation Essen Anfang April | Bildquelle: dpa

Corona-Pandemie So ist die Situation auf Intensivstationen

Stand: 29.05.2020 17:57 Uhr

Weil die Zahlen von Covid-19-Patienten rückläufig sind, geht die Charité erste Schritte in Richtung Normalität. Womit Kliniken dennoch zu kämpfen haben, erzählt Intensivmediziner Frei im tagesschau.de-Interview.

tagesschau.de: Wie voll sind Ihre Intensivstationen im Moment?

Ulrich Frei: Im Moment ist die Situation entspannt. Wir haben von Anfang März bis jetzt 290 Covid-19-Patienten behandelt. Davon sind jetzt noch 46 in Behandlung, 40 davon auf Intensivstationen.

Die Zahlen sind insgesamt rückläufig. Bei uns zwar nicht ganz so ausgeprägt wie anderswo in Berlin, dennoch haben wir momentan etwa 90 leere Intensivbetten. Wir sind - nach einem Verteilungskonzept im Land Berlin - für die besonders schweren Fälle zuständig. Und so kamen auch in den vergangenen Wochen immer wieder Fälle zu uns, während die Intensivbetten anderer Krankenhäuser inzwischen fast leer sind.

alt Professor Ulrich Frei | Bildquelle: Uwe Nölke

Zur Person

Ulrich Frei ist seit vielen Jahren ärztlicher Direktor der Charité-Universitätsmedizin Berlin - 2019 unter dem Titel "Vorstand Krankenversorgung". Damit ist der Spezialist für Nephrologie und Internistische Intensivmedizin verantwortlich für die Krankenhausversorgung in den drei klinischen Standorte der Charité.

"Wir sind in einer Zwickmühle"

tagesschau.de: Werden diese Betten jetzt nach und nach wieder mit anderen Patienten belegt?

Frei: Wir sind da in einer Zwickmühle. Das Land hat eine Verordnung erlassen, nach der wir nach wie vor elektive Eingriffe unterlassen sollen. Das sind Eingriffe, wie beispielsweise eine Hüft-OP. Die kann man morgen machen oder man kann sie auch erst in zwei Wochen machen, aber irgendwann muss man sie machen, weil der Patient vielleicht kaum noch laufen kann. Aber - im Unterschied zu vorher heißt es, wir sollen diese Eingriffe unterlassen, nicht: wir müssen.

Das Land verlangt, dass 25 Prozent der Intensivkapazität für Covid-19-Patienten zu reservieren sind. Darüber hinaus müssen wir weitere zehn Prozent für eine Explosion der Pandemie leer halten. Das hieße bei uns, wir müssten 109 Intensivbetten für Covid-19 reservieren, in denen jetzt de facto nur 40 Patienten liegen. Und wir müssten darüber hinaus 44 Betten völlig leer halten.

Ich glaube, das muss überdacht werden. Erstens, weil wir seit März gelernt haben, die Kapazität hochzufahren. Damals musste man noch Beatmungsgeräte kaufen. Die haben wir jetzt. Zweitens, wenn sich die Zahlen der Neuinfizierten wieder dramatisch erhöhen würden, würde es zwei bis drei Wochen dauern, bis die volle Last auf den Intensivstationen angekommen ist. Das heißt, wir haben auch Vorlaufzeit. Deswegen ist das Freihalten so vieler Betten - angesichts der drängenden Zahl von Patienten, die auf ihre verschobenen Eingriffe warten - schwer zu rechtfertigen.

"So elend krank wie noch nie"

tagesschau.de: Wie viele Betten halten Sie weiterhin vor?

Frei: Wir haben im Rahmen der Pandemie in einem ehemaligen Krankenhausgebäude 73 Intensivbetten wieder in Betrieb gesetzt. Das ist unsere Reserve.

tagesschau.de: Welche Krankheitsverläufe beobachten Sie auf Ihren Intensivstationen?

Frei: Die Patienten, wenn sie intensivpflichtig werden und gerade wenn sie auch maschinell beatmet werden müssen, haben in aller Regel schwere Verläufe. Das ist zwar nur ein kleiner Anteil von vielleicht drei Prozent. Aber diese sind dann schwieriger zu behandeln und liegen deutlich länger als beispielsweise Patienten mit einer normalen Lungenentzündung.

Weil es immer wieder zu einem kompletten Lungenversagen kommt, brauchen viele Patienten ECMO (Extrakorporale Membranoxygenierung), das ist eine Art Lungendialyse, bei der das Blut aus dem Körper herausgeleitet und durch ein Gerät geführt wird, in dem das Blut mit Sauerstoff angereichert wird und dann in den Körper zurückkehrt. Also das, was die Lunge üblicherweise selbst macht, macht dann eine Maschine außerhalb des Körpers.

Aber auch, wenn die Verläufe nicht so schwer sind, ist diese Krankheit alles andere als harmlos. Ich habe mit Kollegen gesprochen, die so eine Covid-Infektion ohne Intensivstation durchgemacht haben. Und die haben mir gesagt, so elend krank haben Sie sich noch nie im Leben gefühlt.

"Die Hälfte der Muskeln gehen verloren"

tagesschau.de: Weshalb fühlt man sich "so elend"?

Frei: Es sieht so aus, als ob diese Infektion nicht nur einen strukturellen Schaden an der Lunge anrichtet, sondern dass sie eine den ganzen Körper erfassende Entzündung bildet. Auffällig ist zum Beispiel die Häufung von Blutgerinnungsstörungen bis hin zur Bildung von Thrombosen. Also großen Gerinnseln, die zu einer Lungenembolie führen können. Das erleben wir bei dieser Krankheit überdurchschnittlich häufig.

Außerdem braucht ein Drittel aller Intensivpatienten eine Dialyse, weil zusätzlich zum Lungenversagen auch Nierenversagen hinzugekommen ist.

tagesschau.de: Welche Folgeschäden bleiben zurück?

Frei: Die Nierenschäden scheinen sich wieder zurückzubilden, keiner unserer Patienten ist dialysepflichtig geblieben. Die Lungenschäden scheinen länger und ausgeprägter zu sein. Viele der Patienten, die dann in Reha-Einrichtungen gehen, haben eine sehr lange Wieder-Erholungsphase, bis sie körperlich und lungenmäßig wieder fit sind.

Wenn ein Patient auf einer Intensivstation 40 Tage beatmet werden musste, hat er die Hälfte seiner Muskeln verloren. Das muss alles wieder neu aufgebaut werden.

"Viele Häuser werden tiefrote Zahlen schreiben"

tagesschau.de: Wie geht es den Krankenhäusern wirtschaftlich?

Frei: Es gibt von den Kostenträgern einen Ausgleich für das aufgrund von Verordnungen leer stehende Bett von 560 Euro pro Tag pro Bett. Sehr große Krankenhäuser oder Unikliniken kommen damit aber nicht aus. Wir bräuchten etwa 300 Euro mehr, weil wir einen höheren Anteil an Intensivbetten und mehr Vorhaltekosten haben.

Aber es gibt durchaus kleinere Krankenhäuser, die jetzt in einer sehr guten Situation sind, weil sie mit ihren Kosten unter diesen 560 Euro liegen.

tagesschau.de: Was bedeutet das für die Charité und andere Krankenhäuser?

Frei: Wir werden in diesem Jahr einen namhaften zweistelligen Millionenbetrag Defizit machen, nachdem wir in den vergangenen acht Jahren immer ein kleines Plus gemacht haben. Es gibt zwar vonseiten der Politik abstrakte Versprechungen, das in irgendeiner Weise auszugleichen. Aber der Vorschlag der Krankenhäuser, das Jahr 2020 auf der Basis des Jahres 2019 mit einem kleinen Aufschlag zu vergüten, ist nicht durchgekommen. Und so werden viele Häuser in diesem Jahr tiefrote Zahlen schreiben.

"Der Staat muss das irgendwie ausgleichen"

tagesschau.de: Wird dann nach der Krise doch wieder in den Krankenhäusern gespart werden müssen?

Frei: Natürlich muss der Staat, der aus Gründen des Infektionsschutzes zugesperrt hat, das irgendwie ausgleichen. Nun sind wir an der Charité in einer relativ komfortablen Lage. Wir sind ja als Universitätsklinik eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, unser Gewährträger ist das Land Berlin. Wir können also nicht insolvent werden.

In privatwirtschaftlichen, freigemeinnützigen oder kirchlichen Krankenhäusern kann es aber noch in diesem Jahr Liquiditätsengpässe geben. Das wird große Auswirkungen in diesen Häusern haben.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete NDR 90,3 am 22. April 2020 um 12:00 Uhr.

Autorin

Sandra Stalinski  Logo tagesschau.de

Sandra Stalinski, tagesschau.de

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