Eine Biene saugt mit ihrem Rüssel Nektar aus einer Purpur-Sonnenhut Blüte. | Bildquelle: dpa

"Insektenatlas" Artensterben von bedrohlichem Ausmaß

Stand: 08.01.2020 15:12 Uhr

Es summt immer leiser: Das globale Insektensterben hat dem "Insektenatlas" zufolge dramatische Ausmaße angenommen. Eine mögliche Folge: Ein Ernterückgang von bis zu 90 Prozent bei manchen Obst- und Gemüsesorten.

Hauptsächliche Ursachen für das weltweite Insektensterben sind fehlender Lebensraum, fehlende Nahrung und dazu noch Gift - heißt es im ersten "Insektenatlas" der Heinrich-Böll-Stiftung und des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Die Umweltschutzorganisation BUND und die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung mahnen in der Publikation dramatische Rückgänge bei Insektenpopulationen weltweit an. "Das ist umso dramatischer, als Insekten eine der fundamentalen Lebensgrundlagen unserer Welt sind", sagte Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung.

Ernterückgang droht bei vielen Sorten

Dafür, dass die Zahl der Insektenarten und die der Insekten insgesamt rückläufig ist, gibt es dem Atlas zufolge zahlreiche Belege. So seien etwa bei der Hälfte der 561 Wildbienenarten in Deutschland die Populationen rückgängig. Zugleich sei "ein sehr großer Teil der Pflanzenwelt" auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Bei einem Wegfall drohe bei zahlreichen Obst- und Gemüsesorten wie Äpfeln, Kirschen, Pflaumen oder Gurken ein Ernterückgang von bis zu 90 Prozent.

Landwirtschaft und somit die Ernährung von Milliarden von Menschen seien untrennbar mit den Insekten verknüpft. Unzählige landwirtschaftliche Kulturpflanzen profitierten von Insekten als Bestäuber, betonte Unmüßig. So werde die Bestäuberleistung von Insekten in der weltweiten Agrarwirtschaft mit 200 bis 600 Milliarden US-Dollar beziffert. Ohne ihre Leistung würden Obst und Gemüse zur Mangelware. Doch ausgerechnet die industrielle Agrarwirtschaft und der damit verbundene Einsatz von Pestiziden seien der Hauptgrund für die Zerstörung der Lebensgrundlagen für Insekten, so Unmüßig.

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Pestizide am Pranger

Unmüßig verwies dabei darauf, dass mit der Bayer AG und BASF neben Syngenta und DowDuPont gleich zwei deutsche Unternehmen zu den weltweit vier größten Pestizid-Produzenten zählten. Diese würden in der EU längst verbotene oder nicht mehr lizenzierte Pestizide weiter global verkaufen. "Mit dem Resultat, dass in Kenia fast 50 Prozent der Pestizide hochtoxisch für Bienen sind und in Brasilien über 30 Prozent", sagte Unmüßig.

Die Bundesregierung müsse während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte 2020 Weichen für eine europaweit nachhaltige und für Bauern existenzsichernde Agrarwirtschaft stellen, forderte der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt. So sollten zehn Prozent der Agrarfläche beispielsweise für Hecken und Blühstreifen genutzt werden, um die Insektenvielfalt zu stärken. EU-Agrarmittel sollten in die Umstellung von konventioneller zu ökologischer Landwirtschaft fließen.

Kritik gab es bei der Vorstellung des Atlas auch am Mercosur-Handelsabkommen zwischen Brasilien und der EU sowie geplanten Handelsabkommen mit China, deren Ziel weiter ausschließlich billige Produktionsbedingungen seien. Arten- und Klimaschutz würden erneut auf der Strecke bleiben, kritisierten beide Organisationen.

Wie viele Insektenarten gibt es?

Weltweit hat die Wissenschaft etwa 1,8 Millionen Arten von Tieren, Pflanzen und Pilzen beschrieben. Über die Hälfte davon sind Insekten. Das fassen die Herausgeber des "Insektenatlas 2020" zusammen. Insekten stellen demnach gut 70 Prozent der Tierarten weltweit und sind damit die artenreichste Gruppe aller Lebewesen, so die Macher der Publikation. Die meisten Insekten seien noch nicht entdeckt.

Schätzungen gingen davon aus, dass es neben der Million bisher entdeckten bis zu 4,5 Millionen weitere Arten gibt - angeführt von allein 1,5 Millionen Käfern. In Deutschland gibt es mehr als 33.300 Insektenarten. Drei Viertel aller hiesigen Tierarten zählen zu ihnen - zum Beispiel Bienen, Käfer, Schmetterlinge, Libellen, Heuschrecken, Ameisen und Fliegen.

Relativ dünne Datenlage

Eine wissenschaftlich belegte Zahl zum Ausmaß des globalen Insektenrückgangs gibt es aber nicht, so die Macher der Publikation. Eine erste Überblicksstudie der Universität Sydney aus dem Jahr 2018 trug die Ergebnisse regionaler Forschungen zusammen, schreiben sie. Demnach nehme die Population von 41 Prozent der Insektenarten ab, und ein Drittel aller Insektenarten sei vom Aussterben bedroht.

Unter dem Vorbehalt einer noch relativ dünnen Datenlage errechneten die Forscher einen jährlichen Verlust von 2,5 Prozent der globalen Insektenbiomasse, schreiben die Macher des "Insektenatlas". Die meisten der ausgewerteten Untersuchungen stammten aus Europa, einige aus Nordamerika, die wenigsten aus Asien, Afrika oder Lateinamerika. Diese Lücken stießen auf Kritik.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. Januar 2020 um 11:00 Uhr.

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