Ein Mann mit Mund- und Nasenschutz geht in Stuttgart vor einem Hinweisschild vorbei.  | dpa
Analyse

Coronavirus Sechs Lehren aus zwei Jahren Pandemie

Stand: 27.01.2022 06:34 Uhr

Die Pandemie hat das Leben der Menschen verändert und viele Gewissheiten erschüttert. Sechs Erkenntnisse aus zwei Jahren Pandemie - und die Frage nach den Lehren aus Corona.

Eine Analyse von Vera Schmidberger und Sandra Biegger, SWR

Das Gesundheitsamt im pfälzischen Germersheim befindet sich in einem  alten Sandsteingebäude mit grünen Fensterläden. Seit Mitte Januar fehlt ein Stück des hölzernen Eingangstors. Der Grund: ein Anschlag. Es ist der zweite Fall von Brandstiftung an einem rheinland-pfälzischen Gesundheitsamt. Bereits sieben Wochen vorher war am Gesundheitsamt Altenkirchen Feuer gelegt worden. 

Vera Schmidberger
Sandra Biegger

Es sind aufgewühlte und aufwühlende Zeiten in einer pandemiemüden Republik: Brandanschläge auf Gesundheitsämter, Proteste gegen Corona-Auflagen auf den Straßen, Streitereien, ja sogar Kontaktabbrüche in Familien wegen der Frage: Wie hältst du es mit dem Impfen? Aber zwei Jahre nach dem ersten Coronafall in Deutschland sind es nicht nur Konflikte, die den Alltag bestimmen. Was hat die Pandemie gelehrt?

1. Die Pandemie führt zu Streit, aber spaltet nicht

Immer wieder heißt es, durch die Gesellschaft gehe seit Beginn der Pandemie ein Riss. Deutschland sei so gespalten wie lange nicht mehr. Die Politologin Paula Köhler von der Stiftung Wissenschaft und Politik sagt: "Wissenschaftliche Belege für eine echte Teilung gibt es momentan nicht." Natürlich gebe es seit der Pandemie teils heftige Diskussionen, auch im Privaten. Von einer generellen Spaltung der Gesellschaft sei man allerdings weit entfernt.

Als Belege führt Köhler unter anderem eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung und das Populismusbarometer der Bertelsmann-Stiftung an. Die Wissenschaftlerin erinnert daran, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland die Corona-Schutzmaßnahmen nach wie vor mitträgt und geimpft sei. "Dass das oft in den Hintergrund tritt, hängt damit zusammen, dass sich radikale Minderheiten besonders lautstark zu Wort melden", sagt sie. 

Sorgen macht ihr die aufgeheizte Stimmung in der Pandemie dennoch: "Es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass sich eine Gruppe von Menschen während der Pandemie radikalisiert hat und gezielt Stimmung gegen einzelne Personen macht, wie Politiker, Journalisten, Wissenschaftler - mit dem Ziel und dem Potenzial, die Demokratie zu destabilisieren." Köhler sagt, diese Gefahr müsse ernst genommen werden. Vor allem, weil sie sich auch nach einem Ende der Pandemie nicht einfach in Wohlgefallen auflösen werde.

2. Die Pandemie macht den Pflegenotstand sichtbar

Deutlicher als jemals zuvor wurde auch der Pflegenotstand in Deutschland sicht- und greifbar. Zu Beginn der Pandemie wurde vor allem von mangelnden Intensivbetten gesprochen. Schnell stellte sich aber heraus, dass es nicht in erster Linie an Material und Maschinen fehlt, sondern an Pflegenden. Deshalb können Tag für Tag im Schnitt mehr als 20 Prozent der Intensivbetten in deutschen Krankenhäusern nicht genutzt werden, wie Christel Bienstein vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe erklärt.

Ein Trend, der sich noch verschärfen könnte: Nach Angaben der Pflegewissenschaftlerin denken mehr als 70 Prozent der Beschäftigten in der Altenpflege und mehr als 30 Prozent in der Krankenpflege regelmäßig darüber nach, den Beruf zu verlassen. Die Pandemie habe den Frust nochmal verschärft. Viele fühlten eine "moralische Verletzung", würden Tag für Tag alles geben und hätten nach der Schicht trotzdem das Gefühl, sich nicht angemessen um Kranke und Pflegebedürftige gekümmert zu haben - "schlicht, weil ihnen die Zeit fehlt". Positiv findet Bienstein, dass das Thema Pflegenotstand mittlerweile präsenter sei, Medien und die Politik nicht mehr daran vorbeikämen.

3. Die Pandemie zeigt die Schwächen des Schulsystems

Tablets, Schulclouds und Videounterricht: Corona hat an vielen Schulen zu einem deutlichen Schub in Sachen Digitalisierung geführt, dabei aber die Schwachstellen des deutschen Bildungssystems offengelegt. "Die Pandemie ist das vielzitierte Brennglas, das zeigt, an was das deutsche Schulsystem seit Langem krankt", sagt der Direktor des Leibniz Instituts für Bildungsforschung, Kai Maaz.

Deutlich geworden sei, dass Engagement, Bildungsstand und finanzielle Möglichkeiten der Eltern meist immer noch ausschlaggebend für Lernerfolge von Kindern und Jugendlichen seien. "Das wurde in Zeiten des Homeschoolings auf die Spitze getrieben, ist aber kein neues Phänomen."

Eine Chance sieht der Bildungsforscher darin, dass Lehrerinnen und Lehrer gezwungen waren, sich mit technischen Neuerungen auseinanderzusetzen. Seit wieder in Präsenz unterrichtet werde, bestehe jedoch die Gefahr, dass vor allem im Grundschulbereich Pädagogen wieder in alte Muster verfielen, bemängelt er.

Positiv findet Maaz, dass während der Pandemie sichtbar geworden sei, wie wichtig Schule für die Entwicklung und das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen ist. Er hofft, dass sich diese Erkenntnis in Ganztagsangeboten niederschlägt, bei denen es nicht nur um Wissensvermittlung geht.

4. Die Arbeitswelt wird hybrider

Leere Büros, Boom beim Homeoffice - die Pandemie hat auch zu einem tiefgreifenden Wandel in der Arbeitswelt geführt. Das Schweizer Software-Unternehmen Locatee hat in einer länderübergreifenden Analyse aktuelle Belegungsdaten von Büroflächen mit Werten seit Beginn der Pandemie verglichen.

Dabei zeigt sich, dass in den untersuchten Unternehmen aktuell höchstens ein Viertel der Büroflächen belegt sind. Locatee-Managerin Sabine Ehm sieht in den Zahlen auch einen längerfristigen Trend zu einer deutlich geringeren Auslastung von Büroimmobilien. Es zeichne sich ab: Die Arbeitswelt nach der Pandemie wird eine hybride Arbeitswelt sein.

5. Die Rolle der Wissenschaft wird wichtiger

Ein weiterer Befund nach zwei Jahren Pandemie: Begriffe wie Inzidenz, R-Wert und Durchseuchung werden mittlerweile auch von medizinischen Laien mit größter Selbstverständlichkeit benutzt. Und dabei wurde Gelerntes immer wieder auf den Kopf gestellt.

Ein Beispiel: Ernst Tabori vom Deutschen Beratungszentrum für Hygiene in Freiburg sagt: "Am Anfang der Pandemie haben wir uns stark auf die Händehygiene fokussiert, weil wir zunächst dachten, Hände seien der zentrale Übertragungsweg. Inzwischen wisse man, dass der Covid-19-Erreger im Wesentlichen über Tröpfchen und Aerosole weitergegeben werde.

Eine Lehre, die dem Epidemiologen und Virologen Klaus Stöhr nach dem bisherigen Verlauf der Pandemie wichtig ist: Die Politik müsse sich in Zukunft von multiprofessionellen Teams beraten lassen. Die anfänglich einseitige Fixierung der Politik auf Grundlagenforscher sei ein Fehler gewesen.

Wichtig findet Stöhr, dass in den Teams neben Medizinern verschiedener Fachrichtungen unter anderem auch Expertinnen und Experten aus den Bereichen Krisenkommunikation, kritische Infrastruktur, Logistik und Wirtschaft vertreten sind. Diese Teams sollten das Für und Wider verschiedener Schutzmaßnahmen abwägen und anschließend der Politik ihre Vorschläge machen. Stöhr ist sich sicher: "Ein solches Vorgehen erhöht auch die Chancen, dass die Bevölkerung Coronaauflagen nachvollziehbar findet und akzeptiert."

6. Die Pandemie belastet die Seele

Ständig neue Vorgaben und Erkenntnisse, Einsamkeit, Überlastung durch Homeoffice und Homeschooling, Existenzängste oder eine Infektion: Studien zeigen, dass das alles bei vielen Menschen seelische Verletzungen hinterlassen hat. Nach Angaben der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) ist die Nachfrage nach Therapien allein im ersten Coronajahr um 40 Prozent gestiegen.

Der Bundesvorsitzende der Vereinigung, Gebhard Hentschel, sagt, dass besonders Kinder und Jugendliche sehr belastet und durch die Pandemie nicht zuletzt um die Chance gebracht würden, sich auf natürliche Weise vom Elternhaus abzunabeln. Auch bei medizinischem Personal rechnet er mit teils gravierenden psychischen Spätfolgen. "Im Moment haben viele noch die Haltung, Zähne zusammenbeißen und durch", betont der Psychotherapeut.

Auch wenn unklar ist, wie lange die Pandemie noch dauern wird - Hentschel plädiert schon jetzt dafür, im Nachgang das Geschehene aufzuarbeiten, offen auch über mögliche Fehleinschätzungen zu sprechen, in der Politik wie im Privaten. Nur dann könne verhindert werden, dass in der Pandemie entstandene Konflikte zu dauerhaften Verwerfungen führten.