Kardinal Rainer Maria Woelki bei der wöchentlichen Generalaudienz mit dem Papst auf dem Petersplatz im Vatikan. | dpa
Analyse

Deutsche Bischöfe in Rom Warum Woelki den Segen des Papstes hat

Stand: 14.11.2022 09:11 Uhr

Mit schwerem Gepäck reisen die deutschen Bischöfe zum Papst. Der Fall Woelki macht aus dem Routinebesuch ein Krisentreffen. Bislang hält Franziskus am Kardinal fest. Was steckt dahinter?

Eine Analyse von Tilmann Kleinjung, BR

Wenn von einem "Elefanten im Raum" die Rede ist, dann ist damit ein Thema gemeint, das elefantös den Gesprächsraum besetzt - ohne, dass es zur Sprache kommt. Die deutschen katholischen Bischöfe sind in dieser Woche zu Gesprächen in Rom. Sie treffen sich mit den Spitzen der verschiedenen vatikanischen Einrichtungen, auch mit dem Papst. Und der Elefant ist Teil der Reisegruppe.

Tilmann Kleinjung

Rainer Maria Woelki ist als Erzbischof von Köln natürlich in Rom dabei. Doch bei den Gesprächen im Vatikan wird es wohl kaum um die Zukunft des Kardinals gehen, auch wenn das Thema die katholische Kirche in Deutschland seit Monaten, seit Jahren in Atem hält. Die wichtigste Personalfrage der deutschen Kirche bleibt unausgesprochen. Der klassische Elefant im Raum.

Der Domchor streikt, Mitglieder verlassen die Kirche

Seit März liegt das Rücktrittsgesuch des Kölner Kardinals auf dem Schreibtisch des Papstes. Der hat bisher noch nicht entschieden, wie es weitergeht in einem der wichtigsten Bistümer der katholischen Weltkirche. Die Beziehung zwischen Erzbischof Woelki und den Katholikinnen und Katholiken in Köln ist nachhaltig zerrüttet.

Der Großteil der ehrenamtlichen Mitarbeiter, die Mehrheit des Klerus und der Kirchenmitglieder wollen und können mit dem Erzbischof nicht mehr zusammenarbeiten. Der Domchor will nicht singen, wenn Woelki predigt. So geschehen im April. Die Ministranten kehren dem Erzbischof bei einer Messe in Rom den Rücken zu, und die Mitglieder stimmen mit den Füßen ab. Im vergangenen Jahr sind mehr als 40.000 Menschen aus der katholischen Kirche im Erzbistum Köln ausgetreten.

Hat Woelki die Unwahrheit gesagt?

Die Causa Woelki hat sich in der vergangenen Woche noch einmal verschärft. Der Erzbischof hat sich bei seiner Verteidigung gegen Vorwürfe dazu verstiegen, eine eidesstattliche Erklärung abzugeben. So weit ist es schon. Es geht um die Frage, wann er von mutmaßlichen Missbrauchstaten eines prominenten Priesters wusste.

Woelki hatte eidesstattlich versichert, er habe erst Ende Juni 2022 davon erfahren. Eine Mitarbeiterin im erzbischöflichen Personalreferat stellt dies nun öffentlich infrage. Sie habe eine entsprechende Liste mit mutmaßlichen Missbrauchstätern bereits 2015 erstellt und Woelki vorlegen lassen.

Hat der Erzbischof die Unwahrheit gesagt? Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt. Und der Chor derjenigen, die endlich personelle Konsequenzen fordern, wird noch größer und noch lauter. Allein die Antwort, die das Erzbistum Köln auf diesen jüngsten Vorwurf zu Papier bringt, wäre in einem "normalen" Bistum schon ein hinreichender Grund, den Amtsinhaber infrage zu stellen. Von oben herab wird der Angestellten beschieden, sie wisse gar nicht "ob der Kardinal diese, eine andere oder gar keine Liste gesehen hat, behauptet dieses aber einfach ins Blaue hinein".

Man behalte sich arbeitsrechtliche Schritte vor, tönt es aus Woelkis Wagenburg. Und man vermutet "dass der Kölner Erzbischof vor seinem bevorstehenden Besuch beim Heiligen Vater in Rom" noch einmal an den Pranger gestellt werden soll.

Papst hält bislang an Woelki fest - warum?

Warum hält Papst Franziskus an Woelki fest? In Deutschland ist sein Name zum Inbegriff der Kirchenkrise geworden. Dieser Dimension ist man sich im Vatikan offenbar kaum bewusst. Im Gegenteil: Manche Kritik am Kardinal wird in Rom als typisch deutsche Spitzfindigkeit gesehen. Etwa, dass Woelki ein Missbrauchsgutachten nicht veröffentlichen ließ, ein zweites in Auftrag gab und dafür noch den Betroffenenbeirat instrumentalisierte. Defizite sieht Papst Franziskus bei Woelki "vor allem auf der Ebene der Kommunikation". 

Woelkis größte Stärke ist in den Augen Roms seine konsequente Anti-Haltung im Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland, dem "Synodalen Weg". Egal, was da diskutiert wird, mehr Rechte für die Kirchenbasis, Weiheämter für Frauen, eine Neubewertung der Homosexualität - der Kölner Erzbischof ist dagegen. Viele im Vatikan sehen den Synodalen Weg als Kirchenrevolte, die ein paar Bischöfe in Geiselhaft genommen hat. In der Perspektive Roms hat ein Mann wie Woelki die wichtige Rolle, hier bremsend einzugreifen und das Schlimmste zu verhindern. So jemanden lässt man ungern fallen.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, will bei den Gesprächen in Rom für den Synodalen Weg werben. Die Mehrheit der Bischöfe, die für Reformen ist, will herausfinden, ob es bei dem ein oder anderen Thema Spielraum für die deutschen Katholiken gibt. Möglicherweise mit dem Segen von Franziskus? Die Nachlässigkeit, mit der der Papst die Causa Woelki behandelt, lässt wenig Raum für solche Hoffnungen.