Eine Frau spaziert auf dem Petersplatz in der Vatikanstadt. | dpa

Streit um "Synodalen Weg" Deutsche Katholiken kritisieren Vatikan

Stand: 22.07.2022 11:49 Uhr

Das Vatikan-Verbot für eigenmächtige Reformen innerhalb der deutschen Kirche ist dort auf heftige Kritik gestoßen: Das sei "kein guter Stil der Kommunikation". Andere Kritiker werden noch deutlicher.

Nachdem der Vatikan der katholischen Kirche in Deutschland weitgehende Reformen im Alleingang verbot, hat die deutsche Seite mit offener Kritik reagiert. "Es zeugt von keinem guten Stil der Kommunikation innerhalb der Kirche, wenn nicht namentlich gezeichnete Erklärungen veröffentlicht werden", erklärten der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, und die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, in einer gemeinsamen Stellungnahme.

Zuvor hatte der Vatikan in einer nicht unterschriebenen offiziellen Erklärung die deutschen Reformbemühungen kritisiert: "Der 'Synodale Weg' in Deutschland ist nicht befugt, die Bischöfe und die Gläubigen zur Annahme neuer Formen der Leitung und neuer Ausrichtungen der Lehre und der Moral zu verpflichten", hieß es in der Erklärung.

Reformprozess "Synodaler Weg"

Der 2019 begonnene "Synodale Weg" der Deutschen Bischofskonferenz und des ZdK ist eine Konsequenz aus dem Missbrauchsskandal. Er strebt Reformen in vier Bereichen an: beim Umgang mit Macht, bei der katholischen Sexualmoral, bei der Position der Frauen und beim Zölibat.

Zu den konkreten Erneuerungen, die angestrebt werden, gehören etwa ein Mitspracherecht der Gläubigen bei der Ernennung von Bischöfen, der Segen für gleichgeschlechtliche Paare und das Diakonat der Frau, eine Vorstufe zum Priestertum.

Reformer warnen vor Glaubwürdigkeitsverlust

Auch die katholische Reformbewegung "Wir sind Kirche" kritisierte den Vatikan. Sie weise mit Entschiedenheit die harsche und nicht gerechtfertigte Kritik am "Synodalen Weg" zurück. Die ohne Absender verbreitete Erklärung zeige, wie gefährlich die Kommunikationslücke zwischen dem Vatikan und der katholischen Kirche in Deutschland werden könne.

"Eine wirkliche Gefahr für die Einheit und Zukunft der Kirche" komme nicht aus Deutschland, sondern gehe "von den Kräften in der Kirche aus, die sich grundsätzlich Reformen verweigern". Diese hätten keine Antwort "auf die geistliche und sexualisierte Gewalt, die zu einem dramatischen Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche geführt hat, und sind nicht bereit, sich mit den systemischen Ursachen zu befassen", erklärte die Bewegung.

Kirchenrechtler: Inhalt "nicht überraschend"

Nach den Worten des Tübinger Kirchenrechtlers Bernhard Anuth kann die Erklärung zu Reformpaket "inhaltlich nicht überraschen". Das Papier stelle nur klar, was in der Satzung des Synodalen Weges stehe: Bei Themen, die die Kirche weltweit angehe, könne "jeder Beschluss nur eine Bitte an den Papst" sein. Anuth sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): "Allerdings konnten zahlreiche Äußerungen prominenter Vertreter des Synodalen Wegs so verstanden werden und wurden es wohl auch, als gehe es in Deutschland aktuell doch um konkrete Strukturreformen und Änderungen kirchlicher Lehre." Die römische Erklärung "dürfte all jene Katholiken weltweit beruhigen, die mit Sorge auf den Synodalen Weg schauen, während bei den reformhoffnungserfüllten Deutschen die erwartbare Ent-Täuschung nur etwas früher eintritt", so Anuth.

Skeptiker begrüßen Vatikan-Erklärung

Skeptiker der Reformen begrüßten die Klarstellung des Vatikans. "Ich finde es gut, dass der Heilige Stuhl sich zu dieser Erklärung entschlossen hat", erklärte der Augsburger Bischof Bertram Meier. Er hatte in der Vergangenheit unter anderem erklärt, dass es keine Perspektive für die Zulassung von Frauen zum Priesteramt gebe. "Der Heilige Stuhl bremst nicht den 'Synodalen Weg', aber er versucht, ihn zu kanalisieren und von der Weltkirche anreichern zu lassen", so Meier.

Kritiker befürchten, am Ende des "Synodalen Wegs" könnte eine deutsche Nationalkirche entstehen. So hatte sich Papst Franziskus schon mehrfach skeptisch zu dem Reformvorhaben geäußert. Kürzlich sagte er, in Deutschland gebe es schon eine evangelische Kirche - "wir brauchen nicht zwei davon".

Allerdings steht eine große Mehrheit der deutschen Bischofskonferenz hinter dem Projekt.

"Autoritär und von Misstrauen getränkt"

Die harsche Kritik des Vatikans zeigt nach Ansicht des Theologen Daniel Bogner, dass die römische Zentralverwaltung ein Übergreifen auf die Kirche in anderen Ländern befürchtet. "In Rom hat man offenbar ernsthaft Sorgen, von Deutschland könne eine Wirkung ausgehen, die Folgen auch anderswo hat", sagte der Professor für Moraltheologie und Ethik an der schweizerischen Universität Freiburg der Nachrichtenagentur dpa.

Von der Form her handele es sich bei der Erklärung aus dem Vatikan um ein "armes und dürftiges Dokument", sagte Bogner. "Es tritt autoritär auf, ist getränkt von Misstrauen und will im Stil einer Verwaltungsverfügung ein Feuer austreten, aus der Angst heraus, es könne andere anstecken." Dabei arbeite der Text mit Unterstellungen. "Denn die deutsche Kirche wollte nie etwas im Alleingang durchziehen, wohl aber Dinge thematisieren, die aus ihrer Sicht auch weltkirchlich diskutiert gehören."

Deutlich werde auch, dass Rom nicht mit einer Stimme spreche. Papst Franziskus selbst fordere einen zuhörenden, synodalen Stil ein, manche seiner Kurienbehörden aber agierten mit hoheitlich-zentralistischer Attitüde. Viele würden sich jetzt in ihrer Wahrnehmung bestärkt fühlen, die römische Kirchenleitung vertiefe ein "Schisma von oben", also eine Spaltung, anstatt einen offenen Austausch zu fördern.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. Juli 2022 um 09:00 Uhr.