Doha schmückt sich für die Fußball-WM | AFP
Interview

WM-Expertin Almuth Schult "Bin ganz froh, nicht in Katar zu sein"

Stand: 14.11.2022 07:53 Uhr

Nationaltorhüterin Almuth Schult schaut mit sehr zwiespältigen Gefühlen auf die Fußball-WM. Als ARD-Expertin will sie die Kritik an Katar offen ansprechen. Das erwartet sie auch vom DFB-Team.

tagesschau.de: Für die Fußball-WM in Katar mag nicht so recht Begeisterung aufkommen. Wie ist es bei Ihnen? Sind Sie in WM-Stimmung?

Almuth Schult: Schwierig. Ich bin sehr zwiegespalten. Natürlich beschäftige ich mich schon länger mit dem Turnier, weil ich mich auf meine Arbeit als ARD-Expertin vorbereite. Aber schon die Jahreszeit ist untypisch für eine WM - und die politischen Rahmenbedingungen im Gastgeberland Katar kommen erschwerend hinzu. Nach den schwulenfeindlichen Äußerungen des WM-Botschafters kann man einfach nur mit dem Kopf schütteln. Andere sagen, jetzt bewahrheitet sich das, was wir befürchtet haben - in Bezug auf Menschenrechte, Frauenrechte, Umgang mit Homosexuellen. Aber vielleicht kommt WM-Stimmung ja noch im Laufe des Turniers auf.

tagesschau.de: Bei aller Kritik an der WM: Gibt es aus Ihrer Sicht auch etwas Positives an dem Turnier?

Schult: Ich finde an dieser Stelle differenziertes Denken gut. Es ist auch spannend, eine WM erstmals im arabischen Raum auszutragen. Womöglich ändert sich durch das Turnier ja auch etwas in Katar. Im Nachgang zur WM hoffe ich aber, dass man künftig schon bei der Vergabe darüber nachdenkt, wem man den Zuschlag für so ein sportliches Großereignis gibt.

Deutschlands Torhüterin Almuth Schult | dpa
Zur Person

Almuth Schult ist Torfrau der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, ehemalige Welttorhüterin - und bei der Fußball-WM der Männer in Katar zum zweiten Mal nach der EM 2021 als TV-Expertin für die ARD im Einsatz. Sie wird von Mainz aus das Turnier begleiten. Die 31-Jährige ist Mutter von Zwillingen und spielt nach ihrem Wechsel vom VfL Wolfsburg beim US-Club Angel City FC.

tagesschau.de: Bis kurz vor Beginn der WM gab es Aufrufe zum Boykott des Turniers. Wie stehen Sie dazu?

Schult: Wenn sich alle Sportler zusammengetan und die WM boykottiert hätten, wäre das natürlich ein Zeichen gewesen. Und wir haben auch bei Corona gesehen, dass es möglich ist, ein Turnier nachzuholen, eventuell auch in einem anderen Land. Aber ist es gerecht, den Sportlern gegenüber, dies zu verlangen? Bei einer WM zu spielen, ist für viele eine einmalige Chance. Sie wurden vielleicht zum ersten Mal für die Nationalmannschaft nominiert, sie sind jetzt gerade verletzungsfrei und auf dem Höhepunkt ihrer Leistung. Das ist aus Sportlersicht das Größte, was man erreichen kann. Das dann zu boykottieren, ist schwierig. Zumal sie nichts dafür können, dass diese WM in Katar ausgetragen wird. Was die Zuschauer angeht: Hier muss jeder für sich entscheiden, ob er die WM-Spiele schaut.

"Kein gutes Gefühl"

tagesschau.de: Die offen schwulenfeindlichen Äußerungen des katarischen WM-Botschafters haben für Empörung gesorgt und nochmal ein Schlaglicht auf den schwierigen WM-Gastgeber geworfen. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus für Ihre Arbeit als WM-Expertin für die ARD?

Schult: Ich hatte zunächst gehofft, dass ich selbst in Katar sein kann. Aber inzwischen bin ich auch ganz froh, nicht dort zu sein. Als Frau habe ich dort einfach weniger Rechte. Und wenn ich mich "falsch" verhalte, kann ich bestraft werden. Das ist kein gutes Gefühl. Auch wenn es heißt, alle seien dort sicher. Ich gehöre zwar nicht der LGBTIQ-Szene an, aber ich bin doch komplett verunsichert. Die Aussagen von Khalid Salman sind unfassbar und ich weiß nicht, was in den nächsten acht Wochen passiert.

tagesschau.de: Inwieweit wollen Sie die Kritik an Katar in Ihre Arbeit als WM-Expertin einfließen lassen?

Schult: Ich habe mich im Vorfeld viel informiert und versuche, mir eine differenzierte Meinung zu bilden. Mein Job ist es auch, den Zuschauenden Informationen zu vermitteln, die sie eventuell noch nicht hatten. Das ist zumindest mein Anspruch. Ich möchte eine Orientierungshilfe bieten in dem ganzen Gewühl von Aussagen und Berichten. Und die Kritik nicht ausblenden.

"Wir haben viele Spieler mit Meinung"

tagesschau.de: Die WM-Katar zeigt auch: Sport und Politik lassen sich nicht trennen. Wie gehen Spieler mit einer Situation wie in Katar um?

Schult: Das kommt auf den Charakter des Spielers an. Es gibt sicher viele, die einfach nur Fußball spielen wollen. Die wollen diese WM nicht hinterfragen, auch weil das nicht in ihrer Macht steht. Andere sind politischer, wollen ihre Meinung teilen und vielleicht auch Vorbild für andere sein. Sie ziehen vielleicht auch Kraft aus dieser Diskussion, weil sie glauben, etwas verändern zu können. Ohne die WM würde es wohl momentan keine kritische Debatte über Menschenrechte in Katar geben.

Karte: Katar

tagesschau.de: Die Nationalmannschaft hat immer auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Zugleich sollen die Spieler den Kopf frei haben, um erfolgreich Fußball zu spielen. Was wäre eine angemessene Haltung?

Schult: Das hängt auch von den Bedingungen vor Ort ab. Schön wäre, wenn die Mannschaft auch mit der Bevölkerung in Kontakt kommt, so wie beim Schulbesuch in Brasilien. Ich hoffe auch sehr, dass es möglich ist, eine Botschaft zu senden. Wir haben viele Spieler mit Meinung - sei es Joshua Kimmich, Leon Goretzka oder Manuel Neuer. Die beziehen in der Öffentlichkeit Stellung.

Auch die Verbände müssen Druck ausüben. Katar hatte eine nachhaltige WM versprochen - wird das eingehalten? Es ist ja auch nicht so, dass mit Katar zum ersten Mal ein sportliches Großereignis in einem Land mit problematischer Menschenrechtslage stattfindet - in Peking war es kritisch, in Rio mussten Favelas dem olympischen Dorf weichen und auch in Russland war zur WM 2018 nicht alles gut. Diese Diskussion führen wir also schon länger. Die übergeordnete Frage ist doch, ob es wirklich der richtige Weg ist, Sportgroßereignisse in problematische Länder zu geben.

"Indizien für Korruption"

tagesschau.de: Die FIFA appellierte kürzlich, dass nun der Fußball und nicht politische Debatten im Vordergrund stehen sollten. Stimmen Sie zu?

Schult: Nein, überhaupt nicht. Die FIFA hat sich ja selbst in den Fokus gerückt, weil sie die WM nach Katar vergeben hat. Nun muss die FIFA auch dazu stehen und mit der Kritik umgehen. Zumal es ja auch viele Indizien dafür gibt, dass Korruption mit im Spiel war. Ich hoffe, dass sich in der FIFA diesbezüglich etwas ändert.

tagesschau.de: Und nun zum Sport: Wird Deutschland Weltmeister?

Schult: Die Chance ist auf jeden Fall da. Hansi Flick hat einen sehr guten Kader aufgestellt, ein Mix von erfahrenen und jungen Spielern. Und es gab auch wieder Überraschungen bei der Nominierung. Ich hoffe, dass Flick daraus eine Mannschaft formen kann, die sich als Team versteht. Denn das ist am Ende ausschlaggebend: dass die Mannschaft funktioniert. Dann kann daraus etwas werden.

Das Gespräch führte Wenke Börnsen, tagesschau.de

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