Wahlplakate bei der Bundestagswahl | REUTERS

Rückblick auf 2021 Das total verrückte Wahljahr

Stand: 28.12.2021 17:31 Uhr

Kanzler Scholz? Noch im Sommer sorgte diese Annahme für Gelächter. Gelacht hat Unions-Kandidat Laschet auch, aber im falschen Moment. Nicht-Kanzlerkandidat Habeck ist jetzt Vizekanzler und die FDP wechselt die Seite.

Von Hans-Joachim Vieweger, ARD-Hauptstadtstudio

Wer zu Jahresbeginn 2021 auf einen Bundeskanzler Olaf Scholz setzte, wurde meist müde belächelt - seine SPD lag in den Umfragen gerade einmal bei 15 Prozent. Wettbüros sahen die Wahrscheinlichkeit, dass die Partei die Bundestagswahl gewinnen würde, bei nahe Null. Das Ergebnis ist bekannt: Seit dem 8. Dezember ist Scholz Kanzler.

Hans-Joachim Vieweger ARD-Hauptstadtstudio

Doch zurück zu den Anfängen: Dass dieses Wahljahr anders werden würde, war von Anfang an klar. Es würde einen neuen Kanzler - oder eine neue Kanzlerin - geben. Angela Merkel hatte ihren Rückzug angekündigt, nach 16 Jahren. Noch nie vor ihr hatte ein Kanzler das Amt freiwillig aufgegeben.

Daran erinnerte im Januar just Friedrich Merz, bekanntlich kein Merkel-Freund, als er den zweiten Anlauf unternahm, CDU-Vorsitzender zu werden. Doch Merz unterlag erneut - diesmal gegen Armin Laschet. Womit sich schnell auch die Frage nach dem Kanzlerkandidaten der Union stellte. Laschet wartete noch ab. Er sei sich der besonderen Herausforderung bewusst - schließlich sei der letzte Nordrhein-Westfale, der das Kanzleramt innehatte, niemand Geringeres als Konrad Adenauer gewesen: "Mir ist schon klar, was mit diesem Amt verbunden ist", so der NRW-Ministerpräsident.

Baerbocks Patzer

Doch erst einmal nominierten die Grünen eine Kanzlerkandidatin, eine Premiere in der Geschichte der Partei. Die Grünen waren im Aufwind, zeitweise konnten sie die Union in den Umfragen überholen. Annalena Baerbock setzte sich in ihrer Partei recht geräuschlos gegen Robert Habeck durch. Die Umfragewerte kletterten auf 28 Prozent.

Doch dann kam Baerbock ins Straucheln - wegen verspätet gemeldeter Nebeneinkünfte, Ungenauigkeiten im Lebenslauf und Plagiatsvorwürfen. Und auch wegen des wenig professionellen Umgangs der Grünen mit den Vorwürfen. In der ARD gab sie mit Blick auf die Ungenauigkeiten im Lebenslauf zu: "Das war offensichtlich sehr schlampig. Das tut mir sehr, sehr leid." Die Umfragewerte für die Grünen sanken, inzwischen lagen CDU/CSU klar vorne.

Turbulente Wochen bei der Union

Aber auch die Union erlebte schwierige Tage - vor allem, weil der Kampf um die Kanzlerkandidatur deutlich weniger geräuschlos abläuft als bei den Grünen. CDU-Parteichef Laschet und CSU-Chef Markus Söder lieferten sich einen Machtkampf auf offener Bühne. Für Söder sprachen klar die Umfragewerte. Er wolle sich dem Willen der CDU beugen, sagte Söder und machte aber zugleich klar: "Ich bin im Zweifelsfall bereit, eine solche Kandidatur anzunehmen."

Es ging heftig hin und her, bis sich die CDU-Spitze schließlich auf Laschet verständigte - gegen viele Stimmen aus der Bundestagsfraktion und entgegen der Haltung der meisten CDU-Ministerpräsidenten. Die CSU gab sich noch monatelang gekränkt, immer wieder wurde aus München gegen Laschet gestichelt.

Mit Scholz rechnete kaum jemand

Im Gegensatz zur Union herrschte bei den sonst so diskussionsfreudigen Sozialdemokraten in diesen Monaten geschäftige Stille. Die SPD hatte schon gut ein Jahr vor der Bundestagswahl ihren Kanzlerkandidaten gekürt - völlig einvernehmlich, ohne Streit einigte man sich auf Olaf Scholz. Doch beim Blick auf die Umfragen rechnete kaum einer mit ihm als Kanzler.

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. Juni wurde die SPD sogar einstellig. Lars Klingbeil, zu diesem Zeitpunkt noch Generalsekretär der SPD, sprach seiner Partei Mut zu: Die Wahl in Sachsen-Anhalt habe für die anstehende Bundestagswahl nichts zu sagen.

Das starke Ergebnis für CDU-Ministerpräsident Reiner Haseloff in Magdeburg stärkte zunächst aber die Position von Laschet - die Union kommt in Umfragen nun auf fast 30 Prozent. FDP-Chef Christian Lindner sagte: "Ich sehe es als nahezu gesichert an, dass der Regierungsbildungsauftrag an die CDU geht." Und klar: In einer möglichen Unions-geführten Regierung will Lindner mit dabei sein - zu diesem Zeitpunkt fürchtete er, dass es für Schwarz-Grün reichen könnte.

Für die Grünen wäre selbst das, nach dem Höhenflug in den Umfragen, eine Niederlage. Baerbock gab sich kämpferisch und betonte: "Alles ist komplett offen. Es ist unklar, wer am Ende die Nase vorn hat."

Laschet lacht

Das erwies sich rückblickend als richtig, aber anders als von ihr gedacht. Nicht die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen selbst drehte die Stimmung, sondern ein kurzes Lachen zu einem falschen Zeitpunkt. Während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Flutopfern Trost spendete, sah man im Hintergrund einen scherzenden NRW-Ministerpräsidenten und Unions-Kanzlerkandidaten. "Unpassend, unangemessen" sei sein Lachen gewesen, sagte Laschet kurz darauf. Und weiter: "Ich ärgere mich darüber - und es tut mir aufrichtig leid."

Scholz macht die "Merkel-Raute"

Doch die Umfragewerte für die Union sackten ab. Die Frage, ob Laschet der richtige Kanzlerkandidat ist, wurde neu gestellt. Selbst über ein kurzfristiges Auswechseln des Kandidaten wurde spekuliert. Unterdessen stiegen die Umfragewerte für die SPD langsam aber stetig. Scholz macht im "SZ-Magazin" die "Merkel-Raute", was wiederum Söder empörte: Von "Erbschleicherei" sprach der der CSU-Vorsitzende.

Die Hände von Angela Merkel mit der "Merkel-Raute" | AFP

Merkels Hände, Merkels Raute. Bild: AFP

Von Kanzlern und Zirkusdirektoren

Merkel selbst hielt sich lange raus aus dem Wahlkampf. Erst als Scholz eine Koalition mit der Linkspartei nicht ausschließen wollte, ergriff sie deutlich Position für Laschet. Das unterscheide sie von Scholz, sagte sie Anfang September im Bundestag. Der SPD-Kanzlerkandidat blieb nahezu emotionsfrei und erinnerte an den "Scholzomaten" von einst, die Rede war auch vom "Teflon-Scholz", weil an dem SPD-Kanzlerkandidaten offenbar alles abperlte. Scholz sagte dazu nur: "Ich bewerbe mich als Kanzler, nicht als Zirkusdirektor."

Dann kam endlich der 26. September. Auch wenn in ersten Prognosen noch ein Kopf-Kopf-Rennen zwischen Scholz und Laschet möglich schien, wurde bald klar: Scholz hat die Wahl gewonnen: Mit 25,7 Prozent landete seine SPD vor der Union, die auf 24,1 Prozent kam. Die Grünen landeten, enttäuschend nach der Euphorie in den ersten Monaten des Jahres, abgeschlagen auf Platz drei.

Am Anfang war ein Selfie

Scholz sah einen klaren Regierungsauftrag für seine SPD. Doch noch standen Gespräche zwischen den verschiedenen Parteien an. Nicht nur eine Ampel-Koalition war rechnerisch möglich, sondern auch ein Jamaika-Bündnis aus CDU, Grünen und FDP, theoretisch sogar die Fortsetzung der Großen Koalition.

Die Spitzen von Grünen und FDP machten den Anfang - und ein gemeinsames Selfie machte Furore: Baerbock und Habeck posierten zusammen mit Lindner und Volker Wissing und gaben das Signal aus: Ohne uns wird in Berlin künftig nicht regiert. So viel Selbstbewusstsein ging SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich zu weit: Deutschland brauche keine Fotos, sondern eine Regierung, die tatkräftig die anstehenden Herausforderungen annehme.

Wissing, Baerbock, Lindner, Habeck

Das Selfie des Wahljahres: Wissing, Baerbock, Lindner, Habeck.

Doch schnell nahm die Ampel Gestalt an: Aus Sondierungsgesprächen wurden Koalitionsverhandlungen. Die seien "sachorientiert" und "konstruktiv", wie es immer wieder hieß. Inhaltlich drang kaum etwas nach außen.

Womöglich war diese Vertraulichkeit mit einer der Gründe, warum das Ampel-Projekt gelang - anders als Jamaika 2017. SPD, Grüne und FDP präsentieren Ende November einen gemeinsamen Koalitionsvertrag. Mit einer historischen Reminiszenz an Willy Brandts "Mehr Demokratie wagen" lautete jetzt die Überschrift "Mehr Fortschritt wagen".

Scholz wird neunter Kanzler der Bundesrepublik

In der Nikolaus-Woche wurde Scholz zum Bundeskanzler gewählt. Er hatte es damit geschafft - entgegen so vieler Erwartungen zu Jahresbeginn: Er ist neunter Kanzler der Bundesrepublik, und damit der vierte Sozialdemokrat in diesem Amt - nach Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder.

Und Grünen-Kandidatin Baerbock? Sie wird zwar nicht Kanzlerin, aber immerhin Außenministerin. Das Amt des Vizekanzlers musste sie ihrem Parteikollegen Habeck überlassen.

Laschet ist nur noch einfacher Bundestagsabgeordneter - sein Amt als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident gab er wie angekündigt ab. Und im Januar wird auch seine gerade mal einjährige Amtszeit als CDU-Bundesvorsitzender enden. Die Parteibasis bestimmte Friedrich Merz zu seinem Nachfolger.

Über dieses Thema berichtet der ARD-Jahresrückblick 2021 am 30. Dezember 2021 um 21:45 Uhr im Ersten.