Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), begrüßt Ruslan Stefantschuk, Präsident des ukrainischen Parlaments, vor dem Bundeskanzleramt. | dpa

Ukraines Parlamentspräsident in Berlin "Offen und freundlich"

Stand: 03.06.2022 12:25 Uhr

Die Verstimmungen zwischen der Ukraine und Deutschland waren zuletzt groß. Zwei Tage lang bemühte sich nun der ukrainische Parlamentspräsident Stefantschuk in Berlin um Entspannung - offenbar nicht ohne Erfolg.

Von Michael Stempfle, ARD-Hauptstadtstudio

Viel Zeit für ein Interview hat Ruslan Stefantschuk nicht, als er aus dem Reichstagsgebäude kommt. Sein Besuch in Berlin ist zu Ende. Der Konvoi wartet bereits darauf, loszufahren. Dennoch wirkt der Präsident des ukrainischen Parlaments nicht gehetzt. Zwei Tage war er in Berlin. Wohl auch um die Wogen zwischen Berlin und Kiew zu glätten.

Michael Stempfle ARD-Hauptstadtstudio

Und so ein bisschen scheint ihm das geglückt zu sein. Das Gespräch mit dem deutschen Bundeskanzler am frühen Vormittag sei sowohl offen als auch freundlich gewesen, so Stefantschuk gegenüber dem ARD-Hauptstadtstudio. Zwar habe Olaf Scholz noch nicht zugesagt, nach Kiew zu kommen, um dort vor dem ukrainischen Parlament eine Rede zu halten. Die Hoffnung ist bei Stefantschuk aber offensichtlich gewachsen.

"Ich hoffe, dass ich die Bedenken reduzieren konnte"

Das Hauptziel seiner Reise sei es gewesen, für den Beitrittsstatus für die EU zu werben, so Stefantschuk. Und weiter: "Ich hoffe, dass ich die Bedenken reduzieren konnte." Es gehe um eine "historische Entscheidung". Auch die Gespräche, die er zuvor in den Ausschüssen für auswärtige und europäische Angelegenheiten geführt habe, seien positiv verlaufen. Er habe bei den Abgeordneten "großen Zuspruch" erfahren dürfen. Das gebe ihm Hoffnung.

In den vergangenen Monaten war es zu Verstimmungen zwischen Kiew und Berlin gekommen. Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk nannte Bundeskanzler Scholz sogar eine "beleidigte Leberwurst“. Vereinfacht ausgedrückt war Berlin verärgert, weil Kiew Mitte April ein Besuchsangebot des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier abgelehnt hatte. Die Ukrainer wiederum kritisierten, dass Berlin bei der Lieferung schwerer Waffen über Monate hinweg "zögerlich" gewesen sei.

Stefantschuks Dank

Ob er Scholz auch für eine "beleidigte Leberwurst" halte? Für einen kleinen Moment kann der kräftige Mann in olivgrüner Militärkleidung ein Grinsen nicht verkneifen, als die Übersetzerin ihm die Frage stellt. Schnell ist er wieder ernst: Er sei nicht gekommen, um über Emotionen zu reden. Die Probleme, die es zu lösen gelte, seien groß.

Stefantchuk bedankte sich ausdrücklich dafür, dass sich Deutschland nun zur Lieferung schwerer Waffen durchringen konnte. Er verband diesen Dank jedoch mit einer Bitte: Die Zeit zwischen der politischen Entscheidung und der tatsächlichen Implementierung der Entscheidung, also der Lieferung von Waffen, müsste beschleunigt werden. Andernfalls zahlten die Ukrainer einen hohen Preis, so der Parlamentspräsident. Weniger Waffen bedeuteten, dass sich die Ukraine weniger verteidigen könnten und mehr Ukrainer sterben müssten.

Dass sich Deutschland entschieden hat, 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr auszugeben, begrüßt Stefantschuk. Die Welt nach dem 24. Februar sei nicht mehr die gleiche wie davor. Bei dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gehe es auch um die Sicherheit in Europa und in der Welt. Daher sei es richtig, wenn Deutschland sich dessen bewusst sei.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 03. Juni 2022 um 12:00 Uhr sowie Deutschlandfunk um 13:00 Uhr.