Der erste Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann von den Grünen. | AFP

Queer-Beauftragter Lehmann "Familie ist so bunt wie das Leben"

Stand: 16.01.2022 08:58 Uhr

Sven Lehmann ist der erste Queer-Beauftragte der Bundesregierung. Der Grünen-Politiker will sich für mehr Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt einsetzen - und hat ganz konkrete Pläne.

Von Hannah Stumpf, ARD-Hauptstadtstudio

Schon als Kind habe es ihn bedrückt, wenn andere ausgegrenzt wurden, erzählt Sven Lehmann. Als Erwachsener erlebte der 42-jährige Kölner selbst Diskriminierung. Wenn er mit seinem Ehemann Hand in Hand unterwegs ist, sei er schon oft angestarrt oder beschimpft worden. "Mir selbst macht das nicht so viel aus, aber viele zerbrechen daran."

Als erster Queer-Beauftragter der Bundesregierung will Lehmann für ein Klima sorgen, in dem Menschen ohne Angst verschieden sein können. Die Ampelregierung hat das Amt des "Beauftragten für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt" neu geschaffen und mit dem Grünen-Politiker besetzt. In der vergangenen Legislaturperiode war er queer-politischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Jetzt ist er Staatssekretär im Bundesfamilienministerium.  

Für ein modernes Familienrecht

"Familie ist so bunt wie das Leben", erklärt Lehmann. Und das solle sich auch im Familienrecht widerspiegeln. Wenn lesbische Ehepaare ein Kind bekommen, sollen künftig beide Frauen als rechtliche Mütter gelten. Derzeit hat das Kind offiziell nur einen Elternteil. Die andere Frau muss das Kind adoptieren. Das sei langwierig und teuer und eine Benachteiligung gegenüber heterosexuellen Ehen, so Lehmann. Er will sich dafür einsetzen, dass dieses Gesetz schnell geändert wird.

Auch das Transsexuellengesetz sei eine klare Menschenrechtsverletzung und müsse schnellstens abgeschafft werden. Das Gesetz ist 40 Jahre alt. Es schreibt vor, dass Transmenschen sich psychologisch begutachten lassen müssen, um ihr Geschlecht offiziell ändern zu können.

Outings im Fußball

Aber: "Eine diskriminierungsfreie Gesellschaft ist mehr als nur die Abwesenheit diskriminierender Gesetze", sagt Lehmann. "Es geht darum, dass Vielfalt als selbstverständlich und gleichberechtigt angesehen wird." In Kitas und Schulen könne das in den Unterricht einfließen. Außerdem seien Vorbilder wichtig. Mit dem DFB möchte der Queer-Beauftragte darüber sprechen, wie Outings auch im Fußball selbstverständlich werden können.

Krankenhäuser, Polizei und Justiz sollten ebenfalls wissen, wie sie mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt umgehen sollen. Vorreiter im Kampf gegen Diskriminierung - das ist Lehmanns Vision für Deutschland. Um sie zu verwirklichen, will er einen Prozess starten, der über Jahre geht und alle Bundesministerien miteinbezieht.

AfD lehnt Queer-Beauftragten ab

Kritiker lehnen vor allem Lehmanns Vorstellung von moderner Familienpolitik ab. Sie sei ein Angriff auf die traditionelle Familie und damit die Grundlage des Gemeinwesens, meint die AfD-Politikerin Beatrix von Storch.

Lehmann betont, wenn alle Formen von Familie gestärkt würden, würde das niemanden benachteiligen. "Wir nehmen niemandem etwas weg, sondern geben mehr Menschen rechtliche Sicherheit."

Von Storch stellt Lehmanns Amt insgesamt infrage. "Was Deutschland nicht braucht, ist ein Queer-Beauftragter", sagt die AfD-Politikerin.

Ein "queer-politischer Aufbruch"

Für den Lesben- und Schwulenverband ist die Ernennung hingegen ein gutes Zeichen. Der Ampel-Koalitionsvertrag sei ein queer-politischer Aufbruch, sagt Markus Ulrich vom LSVD. Jetzt hätten Queere einen Ansprechpartner und Fürsprecher in der Bundesregierung. "Queer-politische Anliegen können nicht mehr einfach so zur Seite gewischt werden."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Januar 2022 um 23:07 Uhr.