Deniz Yücel im Newsroom der "Welt" | dpa

Yücel-Debatte im PEN-Zentrum Zank der Literaten

Stand: 12.05.2022 13:04 Uhr

Es geht um Führungsstil, um Mobbingvorwürfe und um Erneuerung einer altehrwürdigen Institution: PEN-Präsident Yücel hat Mitglieder des Schriftstellerverbandes gegen sich aufgebracht. Jetzt droht ihm die Abwahl.

Von Jürgen Deppe, NDR

Es wäre die kürzeste Amtszeit in der Geschichte des deutschen PEN. Wenn Deniz Yücel auf der heute beginnenden Jahrestagung des Schriftstellerverbands als dessen Präsident gleich wieder abgewählt würde, wäre er gerade einmal sieben Monaten im Amt gewesen.

Die Vorwürfe gegen den früheren "taz"- und heutigen "Welt"-Journalisten, der durch seine fast einjährige Haft in der Türkei wegen angeblicher Terrorpropaganda zu großer Bekanntheit kam, häuften sich zuletzt. Zunächst ging es lediglich um Interna, um Yücels Führungsstil und das Unverständnis für seine - so der Vorwurf - bisweilen raue und herrische Art, die zwei Beisitzerinnen des Präsidiums schnell zur Aufgabe veranlassten.

Der smarte Yücel ein ungeschliffenes Raubein? Am 9. März baten er und fünf seiner Unterstützer "in einer Geste des Demuts" in einem Brief an die PEN-Mitglieder um Verzeihung: Ja, man habe Fehler in der Kommunikation gemacht, gestand er ein, und ja, man habe sich im Ton vergriffen. Aber: "Wir haben unsere Gesprächskultur ausgewertet und werden in Zukunft größere Sorgfalt walten lassen."

Amtsbefugnisse überschritten?

So weit, so intern. Mitte März wurde der Streit um den PEN-Präsidenten nach dessen Auftritt auf dem Literaturfestival lit.Cologne dann öffentlicher. Yücel hatte bei einer Podiumsveranstaltung ein Eingreifen der NATO in den Ukraine-Krieg nicht ausgeschlossen und eine Schließung des Luftraums über der Ukraine befürwortet: "Wäre keine schlechte Idee, oder?"

Das fanden seine fünf noch lebenden Vorgängerinnen und Vorgänger überhaupt nicht. In einem öffentlich gewordenen Brief kritisierten Gert Heidenreich, Christoph Hein, Johano Strasser, Josef Haslinger und Regula Venske, ihr Nachfolger Yücel habe mit den Äußerungen seine Amtsbefugnisse überschritten und gegen die Charta des Internationalen PEN verstoßen. In der sei dezidiert vom "anzustrebenden Ideal einer in Frieden lebenden Menschheit" die Rede. Für die bisherigen PEN-Granden ein klarer Verstoß.

"Nicht in unserem Namen!"

Während noch kontrovers über die in dem Brief der Ex-Präsidenten geäußerte Kritik diskutiert wurde, erschütterte Anfang April bereits das nächste Schreiben den PEN. In einem Brandbrief distanzierten sich 36 der insgesamt etwa 750 Mitglieder von ihrem Präsidenten: "Was dieser Mann sagt und tut, das sagt und tut er nicht in unserem Namen!", ließen sie wissen.

Kritisiert wird zudem Yücels Führungsstil, "der ins 19. Jahrhundert, aber nicht in eine heutige Menschenrechtsorganisation im Zeitalter flacher Hierarchien passt". Von "rüpelhaften Beleidigungen" des Präsidenten ist in dem Brandbrief die Rede und von "Mobbingversuchen an zwei Mitgliedern des Vorstands" - eines von ihnen sei der PEN-Generalsekretär Heinrich Peuckmann.

Das Fazit der 36: Das Vertrauen in die Führung sei "in nie dagewesener Weise enttäuscht" und es bestehe eine "tiefgreifende, systemische Störung des Anstands und der Würde unserer Schriftstellervereinigung".

"Etwas verstaubte Institution"

Yücel selbst nannte die Vorwürfe "böswillig", äußert sich aber nicht detailliert dazu. Anders Schatzmeister Joachim Helfer, der sich zusammen mit Yücel als "Neuerer" bezeichnet: "Der PEN ist eine altehrwürdige, manchmal aber auch etwas verstaubte Institution", konstatiert er. "Nun ist ein neues Präsidium angetreten unter einem sehr dynamischen Präsidenten. Das führt bei dem einen oder anderen zu Irritationen."

Zum Beispiel bei Heinrich Peuckmann, aktuell Generalsekretär des PEN Deutschland. Er wittert eine Neuausrichtung des PEN: "Man möchte eine NGO daraus machen." Von Literatur sei da "überhaupt nicht mehr die Rede". Dabei sei das doch "unser Markenzeichen, wir sind ein Schriftstellerverband."

Auf der Mitgliederversammlung in Gotha haben die PEN-Mitglieder nun gleich über mehrere Anträge abzustimmen: Gleich als Erstes über das von vielen Prominenten getragene Vertrauensvotum für Yücel, Vizepräsident Ralf Nestmeyer und Schatzmeister Joachim Helfer. Danach kommen Absetzungsanträge gegen Yücel, Nestmeyer und etliche andere. Darunter auch Yücel- und Nestmeyer-Gegenspieler Heinrich Peuckmann, derzeit noch Generalsekretär, und Writers-in-Exile-Beauftragte Astrid Vehstedt. Ein Machtkampf, bei dem es einen Verlierer sicher gibt - den PEN.   

Über dieses Thema berichtete HR2 am 04. April 2022 um 07:15 Uhr.