Sachsen, Leipzig: Eine Frau hält bei einer Kundgebung auf dem Marktplatz ein Schild mit der Aufschrift ·Stop Putin· | dpa
Analyse

Deutsch-russisches Verhältnis Zwiespältige Gefühle im Osten

Stand: 06.03.2022 15:44 Uhr

Der Osten Deutschlands hat seit jeher ein besonderes Verhältnis zu Russland. Doch Putins Krieg änderte auch dort vieles. Über die wechselvolle Beziehung zwischen Ostdeutschland und Russland.

Eine Analyse von Tim Herden, MDR

Von der angeblichen Tat eines sowjetischen Soldaten, der 1945 in den Kämpfen um Berlin für ein kleines deutsches Mädchen sein Leben gab, erfuhr im DDR-Geschichtsunterricht jedes Kind. Im Treptower Park in Berlin ist diese Episode sinnbildlich in Bronze gegossen: Das Ehrenmal zeigt einen Soldaten mit einem Kind auf dem Arm, mit seinen Füßen zerschlägt er ein Hakenkreuz.

Besucher gehen am Sowjetischen Ehrenmal mit der Skulptur "Der Befreier" im Treptow Park spazieren.  | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Besucher gehen am Sowjetischen Ehrenmal mit der Skulptur "Der Befreier" im Treptow Park spazieren. Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Vor 1989 war für Ostberliner Schüler das Erscheinen am Ehrenmal beim Gedenken an die gefallenen Sowjetsoldaten am 8. Mai jedes Jahr Pflicht. Heute pilgern am Tag der Befreiung freiwillig Tausende Deutsche, vorrangig aus den Ostberliner Bezirken, gemeinsam mit russischen Mitbürgern zum Ehrenmal und legen Blumen oder Kränze nieder. Dieser Wandel ist ein Symbol für das wechselvolle Verhältnis der Ostdeutschen, früher zur Sowjetunion und heute zu Russland.

Russland-Verhältnis zu DDR-Zeiten

Noch zwei Tage vor dem Kriegsausbruch in der Ukraine war bei einer MDR-Umfrage unter 35.000 Bürgern in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen eine Mehrheit überzeugt, dass Putin keine Gefahr für den Frieden und Russland nicht schuld an der Eskalation mit der Ukraine sei.

Es waren vor allem die über 50-Jährigen, die diese Ansicht teilten. Dabei war ihr Verhältnis zur Sowjetunion zu DDR-Zeiten in der DDR eher von Unbehagen geprägt. Auch wenn man damals immer von den "Freunden" sprach, waren sie doch Besatzer. Sie lebten versteckt hinter den Mauern ihrer Kasernen und waren sichtbar auf der Straße als Kolonnen mit Panzern und Kanonen. Kontakte gab es kaum.

Deutsch-sowjetische Freundschaft

Die vielgelobte deutsch-sowjetische Freundschaft gab es nicht. Es gab Freundschaften durch wirtschaftliche Kontakte oder Studienaufenthalte. Auch wenn ab der 5. Klasse Russisch Pflichtfach war, blieb vielen die Sprache fremd.

Doch durch zahlreiche Filme und Bücher über den millionenfachen Blutzoll der sowjetischen Armee im Zweiten Weltkrieg blieb bei einigen Menschen etwas hängen: ein Mitgefühl mit dem Land und den Menschen im Osten.

Dankbarkeit gegenüber Gorbatschow wirkt nach

1985 tauchte wie aus dem Nichts Michail Gorbatschow auf. Er zerriss die Planen vom Lügengebäude des erfolgreichen Aufbaus des Sozialismus nicht nur in seinem Land, sondern auch in der DDR. Seine Forderungen nach Glasnost (Ehrlichkeit) und Perestroika (Modernisierung und Umbau) machten sich auch die DDR-Bürger zu eigen.

Die SED reagierte mit überraschenden Maßnahmen. Sie verbot sowjetische Zeitschriften und Filme. Plötzlich galt nicht mehr, "von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen". Dann geschah das Unerwartete: Gorbatschow ließ trotz friedlicher Revolution in der DDR und Mauerfall seine Soldaten und Panzer in den Kasernen. Er schenkte den DDR-Bürgern die Freiheit und dann die Deutsche Einheit. Die Besatzer verließen Deutschland ohne einen Schuss. Bis heute sind dafür viele in Ostdeutschland Gorbatschow dankbar. Damit verbunden war aber auch ein Vertrauensvorschuss für Russland und selbst Putin.

Wirtschaftsbeziehungen zu Russland

Mit der Währungsunion und Einführung der D-Mark am 1. Juli 1990 brachen die engen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der DDR und Sowjetunion zusammen und führten zum Niedergang einiger Wirtschaftszweige im Osten: Der Schiffbau in Mecklenburg-Vorpommern oder der Waggonbau in Sachsen-Anhalt und Sachsen waren genauso betroffen wie Teile der Konsumgüterindustrie und des Maschinenbaus, die vom Handel mit der Sowjetunion gelebt hatten.

Die DDR lieferte Schiffe, Züge und Maschinen gegen Erdgas und Erdöl. Damit war es nun vorbei. Erst zur Jahrhundertwende konnten viele Unternehmen, gerade in Mitteldeutschland alte Kontakte reaktivieren und neue Handelsbeziehungen knüpfen.

Die Sanktionen nach der Annexion der Krim trafen deshalb die ostdeutsche Wirtschaft besonders stark. Allein in Sachsen ging das Handelsvolumen um 70 Prozent zurück. Deshalb standen die Landesregierungen diesen Maßnahmen gegen Russland kritisch, wenn nicht sogar ablehnend gegenüber. So gab es in Ostdeutschland jetzt auch keinen Widerstand gegen die Erdgaspipeline Nord Stream 2.

Verständnis für Putins Kritik an NATO-Osterweiterung

Zugleich wuchs bei den Ostdeutschen das Gefühl, der Westen wäre mit Russland nach dem Ende des Kalten Krieges nicht fair umgegangen und hätte seine Sicherheitsinteressen nicht ausreichend berücksichtigt. Viele teilten deshalb Putins Kritik an der NATO-Osterweiterung. Neben der Dankbarkeit für die Deutsche Einheit spielen der Wunsch, mit Russland im Frieden zu leben, und die Erfahrung des Kalten Krieges eine große Rolle. Politisch fand diese Position besonders bei der AfD Widerhall.

Ihre positive Haltung gegenüber Putin, Reisen auf die Krim und des Parteivorsitzenden Tino Chrupalla zum russischen Außenminister Lawrow trafen auf Zustimmung unter den ostdeutschen Anhängern.

Die Linkspartei, traditionell Russland eher zugeneigt, kämpft dagegen mit parteiinternen Debatten über den Umgang mit Putins Auftreten und Vorgehen. In dieser Partei ist es ein Generationenkonflikt zwischen den älteren Genossen und jungen Parteimitgliedern. Er spiegelt die Stimmung in der ostdeutschen Gesellschaft in der letzten Zeit wider.

Stimmungsumschwung durch den Krieg in der Ukraine

Die jüngeren Ostdeutschen sehen in Putin mehrheitlich einen Diktator, der seine Macht nach innen immer brutaler mit Unterdrückung und nach außen mit militärischer Gewalt zu verteidigen sucht. Trotzdem haben auch sie wie viele Ostdeutsche nicht mit einem Krieg gerechnet, noch dazu gegen ein Brudervolk.

Gerade auch für viele Ältere ist das unfassbar. Für sie existiert immer noch in den Köpfen der Vielvölkerstaat Sowjetunion, auch wenn er vor über 30 Jahren untergegangen ist. So kippte auch bei ihnen die Stimmung. Bei einer erneuten Befragung des MDR in Mitteldeutschland am Tag nach Kriegsbeginn sehen nun drei Viertel in Putin den Kriegstreiber.

Allerdings könnten bei vielen in Ostdeutschland die Gefühle zwiespältig sein und die Sichtweise des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer teilen. "Wir sollten den Konflikt, auch in der Wortwahl, nicht weiter anheizen und bei den Instrumenten gegenüber Russland jetzt mit Maß und Mitte agieren", erklärte er im MDR. Wir müssen mit Russland leben. Es ist unser Nachbar. Wir werden nur in Frieden leben, wenn wir auch mit Russland in Frieden leben."  

Trotzdem beginnt mit dem Krieg in der Ukraine ein neues Kapitel in der wechselvollen Beziehung Ostdeutschlands zu Russland.

Über dieses Thema berichtete MDR Sachsen-Anhalt am 01. März 2022 um 19:00 Uhr.