Eine Intensivpflegerin im Schutzanzug richtet auf der Covid-19-Intensivstation im sächsischen Pulsnitz einen Beatmungsschlauch ein (Archivbild) | dpa

Omikron auf Intensivstationen Nur die Ruhe vor dem Sturm?

Stand: 18.01.2022 08:52 Uhr

Die Omikron-Welle ist bislang nicht auf den Intensivstationen angekommen. Doch Entwarnung wollen die Mediziner nicht geben - aus gleich mehreren Gründen.

Von Philipp Wundersee, WDR

Sie sind komplett ausgebucht. Jedes Bett ist im Moment auf der Intensivstation der Lungenklinik in Köln-Merheim belegt. Christian Karagiannidis leitet das Kölner Lungenzentrum und berät im Corona-Expertenrat die Bundesregierung. "Wir sind weiter bei 100 Prozent Auslastung. Wir haben bei uns eigentlich nie ein Bett frei", sagt der Intensivmediziner und blickt dabei auf die Zahlen auf den Bildschirm in seinem Büro. "Das liegt an den wenigen Ressourcen und daran, dass die Patienten in die großen Lungenzentren wie bei uns drängen."

Philipp Wundersee

Noch immer würden hier fast ausschließlich Patienten mit der Delta-Variante behandelt. "Das liegt an den Liegezeiten, die bei dieser Erkrankung enorm lang sind“, sagt Karagiannidis. "Ich habe noch keine Lungenerkrankung gesehen, die so zäh ist und so lange braucht."

Als wissenschaftlicher Leiter des Divi-Intensivregisters blickt er auch auf die bundesweiten Zahlen. Und hier seien die Zahlen glücklicherweise entspannter. "Wir haben derzeit rund 100 Neuaufnahmen auf den Intensivstationen. Das hatten wir lange nicht mehr gehabt. Das ist ein gutes Zeichen für die Mitarbeiterinnen auf den Intensivstationen. Die Belegung geht bundesweit zum Glück sukzessive runter." 

"Wir haben Pläne in den Schubladen"

Uwe Janssens kommt gerade aus der Sitzung des Corona-Krisenstabs. Er und sein Team am St. Antonius Hospital Eschweiler beraten, wie sie mit den kommenden Wochen im Krankenhaus umgehen müssen, damit das System am Laufen bleibt. "Wir haben Pläne in den Schubladen, was wir tun, wenn die Normalstationen und Notaufnahmen überlastet werden. Wir gehen davon aus, dass wir diese Woche noch 100.000 Neuinfektionen pro Tag haben werden."

Davon landen proportional deutlich weniger auf den Intensivstationen, aber auch die Belastung auf der Normalstation wird immens werden, so der Intensivmediziner. "Wir haben auf den Normalstationen derzeit auch eine stabile Situation, was die Einweisung von Corona-Patienten betrifft", sagt Janssens. "Das ist aber nur die Ruhe vor dem Sturm, wenn wir auf Omikron blicken." Auch, weil viele Mitarbeitende sich infizieren werden, sagt der Chefarzt.

"Derzeit rechnen wir hier mit einer Quote von zehn bis 30 Prozent des Krankenhauspersonals, die sich infizieren werden und dann kurzfristig ausfallen." Am Ende könne es dazu führen, dass sie Operationen verschieben müssen, sofern es vertretbar sei. "Das bedeutet für Patienten auch eine erhebliche psychische Belastung", sagt er. "Die Kollateralschäden auf die langfristige Gesundheit der Menschen durch die 24 Monate Pandemie können wir noch nicht einschätzen."

Druck auf Normalstationen

Die Klinken spüren laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft bereits erste Auswirkungen der Omikron-Welle auf den Normalstationen durch mehr Patientenaufnahmen mit Covid-Erkrankungen. "Wir sehen diesen Anstieg auf den Normalstationen bereits in manchen Regionen, so zum Beispiel in Bremen, Berlin, Hamburg und Schleswig-Holstein", sagt der Präsident der Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß.

Auch Karagiannidis aus Köln blickt besorgt auf genau das Problem. "Wir sehen derzeit eine Verbreitung von Omikron bei den jüngeren Altersgruppen und noch nicht bei den über 60-Jährigen. Deswegen können wir nicht Entwarnung geben", sagt Karagiannidis. "Wir müssen abwarten, wenn Omikron auf die über 60-Jährigen und die Ungeimpften trifft."

In den nächsten zwei Wochen werde sehr viel Last auf die Normalstationen entstehen. "Personalausfälle nehmen deutlich zu", sagt Karagiannidis. "Sie merken das auch, dass bei positiven Kindern die Eltern zuhause bleiben müssen." Das werde in den kommenden Wochen zunehmen "und die Mitarbeiterinnen auf den Normalstationen weiter belasten."

Endlich in den Ruhestand

Die Normalstationen würden in der Diskussion häufig vergessen, kritisiert Janssens. "Wir haben hier in Eschweiler eine Station, auf der sich die Schwestern seit 24 Monaten nur mit Covid-19-Patienten beschäftigen."

Im Oktober habe der Chefarzt zwei langjährige Stationsleiterinnen in den Ruhestand verabschiedet. "Beide haben mir gesagt, dass die letzten zwei Jahren auf der Normalstation mit nichts vergleichbar waren und sie froh waren, in den Ruhestand zu gehen", sagt Janssens. Sie konnten es am Ende nicht mehr gut ertragen, obwohl beide Frauen ihren Job jahrzehntelang mit Leidenschaft gemacht hätten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Januar 2022 um 09:00 Uhr.