Markus Söder, CSU-Vorsitzender und bayerischer Ministerpräsident (l), steht mit Friedrich Merz, Vorsitzender der CDU, nach dessen Rede auf der Bühne des CSU-Parteitags | dpa
Analyse

CSU-Parteitag Der Tanz der Alpha-Männchen

Stand: 29.10.2022 23:04 Uhr

Auf dem CSU-Parteitag konzentriert sich Parteichef Söder auf Bayern, während CDU-Chef Merz mit Angriffen für Johlen sorgt. Der Konsens in der Kritik an der Koalition ändert aber nichts an den Ambitionen der beiden in Sachen Kanzleramt.

Eine Analyse von Sabine Henkel, ARD-Hauptstadtstudio

Zweifellos: Markus Söder strebt hoch hinaus. Das Kanzleramt im vorigen Jahr verpasst, will er jetzt - ins All. "Bayern ist Weltraummacht, wir sind de facto das Houston von Europa", ruft er den Delegierten auf dem Parteitag zu. Das Houston von Europa ist Oberpfaffenhofen. Dort befindet sich das deutsche Raumfahrtkontrollzentrum. Aber damit nicht genug. Söder will mehr, mit Hightech die Zukunft Bayerns sichern - und seine natürlich auch. Hightech und Heimat statt Laptop und Lederhose.

Sabine Henkel ARD-Hauptstadtstudio

Im kommenden Jahr stehen Landtagswahlen an. Söder will 40 Prozent holen und mehr. Er will Bayern "erblühen lassen", die Wahl gewinnen und deshalb "für fünf Jahre" antreten, sagt er. Hört, hört: für fünf. Diese Aussage wird sich Friedrich Merz vermutlich archivieren. Vielleicht wird er Söder daran erinnern müssen - wenn CDU und CSU in zwei Jahren einen Kanzlerkandidaten benennen. Merz oder Söder - oder am Ende doch ein ganz anderer? Zukunftsfragen.

Die Grünen als Feindbild

Zunächst müssen sich beide in Berlin mit Oppositionsarbeit begnügen. Manchmal, so scheint es, macht ihnen das sogar Vergnügen: die Ampel kontrollieren und kritisieren. Vor allem die Grünen sind Feindbild für Söder und für Merz, der die personelle Besetzung des Wirtschaftsministeriums eine "ökologische Selbsterfahrungsgruppe" schimpft - ohne jedwede wirtschaftliche Kompetenz.

Es ist der Merz-Södersche Konsens: SPD, Grüne und FDP regieren miserabel - und: sie, die beiden Alphatiere der Union, könnten es besser. Jeder für sich. An Selbstbewusstsein mangelt es nicht, beide sind schließlich die unangefochtenen Anführer ihrer Partei.

Söder gilt als Opportunist: Unvergessen wie er einst erst im AfD-Jargon den Zuwanderungs-Hardliner gab und dann etwas später eine grüne Volte schlug und Bäume umarmte. In der Corona-Pandemie führte er zuerst das "Team Vorsicht" an, heute spielt er im "Team Risiko".

Bäume umarmen war einmal

Jetzt, im aufkeimenden Wahlkampf, setzt er auf eine klar konservative Politik und eine weitere Koalition mit den Freien Wählern. Einst selbst ernannter Kanzlerkandidat der Herzen, gibt er jetzt mit Leib und Seele den Ministerpräsidenten. Er macht es gern, sagt er den Delegierten. Merz hört mit, nimmt wahr, dass sich Söder ganz auf Bayern konzentriert, abgesehen von der Mondmission. Söder ist ganz Landesvater, Merz Oppositionsführer ohne Land. 

Beide lieben die Selbstinszenierung. Söder wartet beim Parteitag nicht darauf, dass jemand um ein Foto mit ihm bittet, er fordert dazu auf. Als er den G7-Gipfel in Bayern ausrichtet, lässt er Hochglanzbilder verbreiten, auf denen er im Mittelpunkt steht wie ein Staatspräsident.

Auf ins Kanzleramt

Auch Merz sucht die große Bühne. Man denke nur an seine Reise in die Ukraine. Er gibt den Außenpolitiker, Söder den Landesfürsten. Beide sind (noch) nicht dort angekommen, wo sie gern wären: im Kanzleramt.

Söder weist erneute Ambitionen zurück - sein Platz sei wieder in Bayern. Sollte er ein schlechtes Landtagswahlergebnis einfahren, deutlich unter 40 Prozent, muss er mit höheren Zielen auch niemandem mehr kommen. Was Wahlergebnisse angeht, lebt die CSU auf einem anderen Planeten.  

Merz hat hingegen nichts zu verlieren. Er will mit 66 Jahren von null auf hundert. Im Gegensatz zu Söder hat er noch nie eine Wahl gewonnen. In Umfragen liegt mal Merz mal Söder vorn, wenn nach der Kanzlerkandidatur gefragt wird, je nachdem, wen man fragt.

Aber erst mal abwarten

Auf dem CSU-Parteitag triumphiert Merz. Er bringt Söders Leute zum Johlen, der Applaus hält länger an als beim Hausherrn. Bundespolitik schlägt hier Regionalstrategie. Merz rechnet hart mit der Ampel und vor allem mit dem Bundeskanzler ab. Das gefällt den Bayern.

Merz spricht laut und energisch, so energisch, dass ihm mehrfach die Brille von der Nase rutscht. Sonst hat Merz alles im Griff. Er präsentiert sich als Kanzler im Wartestand und lauert in Berlin stets darauf, dass Olaf Scholz und seine Koalition stürzen. Würde das vor Ablauf der Legislaturperiode passieren, wäre für Merz klar, wer übernimmt: er.

Aber daran glaubt niemand. Regulär wird in drei Jahren gewählt. Wer weiß, ob Söder bis dahin auf dem Mond gelandet ist. Oder die Union, auch wenn Merz und Söder das ausschließen, noch einmal ein Himmelfahrtskommando zur Kanzlerkandidatur starten.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 29. Oktober 2022 um 23:25 Uhr.