Autos fahren am frühen Morgen an der CDU-Parteizentrale, dem Konrad-Adenauer-Haus, vorbei. | dpa
Analyse

CDU-Kandidaten Warum der Dreikampf völlig offen ist

Stand: 16.11.2021 17:13 Uhr

Merz gilt als Favorit im Kampf um den CDU-Vorsitz. Doch ein Durchmarsch gegen die Kandidaten Röttgen und Braun ist längst nicht ausgemacht. Denn wie die Parteibasis wirklich tickt, weiß selbst in der CDU keiner.

Eine Analyse von Uli Hauck, ARD-Hauptstadtstudio

Friedrich Merz kennt sich mit Scheitern mittlerweile aus. Auf dem Parteitag in Hamburg 2018 hielt er eine schlechte Rede und musste Annegret Kramp-Karrenbauer knapp den Vortritt lassen.

Uli Hauck ARD-Hauptstadtstudio

Im Frühjahr unterlag er auf einem digitalen Parteitag erneut knapp, damals gegen Armin Laschet. Der liberale CDU-Flügel unter den 1001 Delegierten hatte sich erneut durchgesetzt. Doch nun entscheiden die Mitglieder. Und Merz macht sich große Hoffnung, dass es diesmal funktioniert.

Merz integriert sich, zumindest ein bisschen

Was diesmal für ihn spricht: Nach der Niederlage gegen Laschet zog sich der mittlerweile 66-jährige Merz nicht in die parteipolitische Schmollecke zurück. Merz wechselte zwar nicht ins CDU-Präsidium, ließ sich aber zumindest teilweise in die Parteiarbeit einbinden.

Im Bundestagswahlkampf war er in Laschets "Zukunftsteam" für Wirtschaft und Finanzen zuständig. Merz machte Wahlkampf, ohne gegen den eigenen Kanzlerkandidaten zu schießen, und holte - trotz des desaströsen Gesamtergebnisses der Union - das Direktmandat in seinem tiefschwarzen Heimatwahlkreis Hochsauerland.

Der Liebling der Konservativen hat, anders als andere in CDU und CSU, im Wahlkampf geliefert. Weshalb sich mittlerweile auch Stimmen im eher liberalen CDU-Lager finden, die Merz im dritten Anlauf eine Chance geben wollen.

Merz will die Parteiflügel einbinden

Bei seinem dritten Anlauf versucht Merz, den unterschiedlichen Strömungen in seiner Partei  besser gerecht zu werden. Er verspricht, dass es mit ihm keinen "Rechtsruck" geben wird und schlägt als Generalsekretär Mario Czaja vor. Der 46-jähriger Berliner ist in der CDA, also anders als der wirtschaftsliberale Merz im Sozialflügel seiner Partei beheimatet. Zudem hat Czaja seinen Ostberliner Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf nach mehr als 30 Jahren mit prominenten Linken-Abgeordneten wie Gregor Gysi und Petra Pau erstmals für die CDU gewonnen.

Er soll für eine großstädtische CDU stehen. Für die neu zu schaffende Position einer stellvertretenden Generalsekretärin schlägt Merz die frisch gebackene Bundestagsabgeordnete Christina Stumpp vor. Die 34-Jährige kommt aus dem schwer gebeutelten Landesverband Baden-Württemberg und soll wohl auch die eher konservativen Kommunalpolitker aus der Fläche ansprechen. Auch bei der Auswahl der Generalsekretäre dürfte Merz also durchaus bedacht haben, wo und wie er am ehesten Stimmen holen kann.

Die Machtarithmetik der CDU

Die CDU hat bundesweit noch gut 400.000 Mitglieder, deren Altersdurchschnitt ziemlich genau 60 Jahre beträgt. Der Frauenanteil in der Partei liegt dabei gerade mal bei knapp 25 Prozent. Angesichts solcher Parteistrukturen wird allgemein davon ausgegangen, dass der konservative und wirtschaftsliberale Friedrich Merz bei den vielen eher älteren Parteimitgliedern am bekanntesten ist und am besten ankommt. Doch letztlich weiß keiner genau, wie die Mitglieder überhaupt ticken. Zumal sich der überwiegende Teil gar nicht aktiv in der Parteiarbeit einbringt.

Offenbar ist die große Merz-Euphorie nach zwei Niederlagen zumindest in Teilen verflogen. Auch wenn JU-Chef Tilman Kuban ihn offen unterstützt, beim vergangenen "Deutschlandtag" der Jungen Union konnte Merz die sonst üblichen Beifallsstürme nicht mehr für sich verbuchen. Viele JU-ler wurden gerade erst geboren, als Merz im Jahr 2000 CDU-Fraktionsvorsitzender wurde. Der 66-Jährige verkörpert für sie keinen wirklichen Aufbruch mehr. Mit seinen relativ jungen Generalsekretären Czaja, 46, und Stumpp, 34, versucht er, diesen Makel auszubügeln.

Die ostdeutschen Landesverbände reichen nicht

Verlassen kann sich Merz wie immer auf große Teile der wirtschaftsliberalen Mittelstandsunion (MIT) und die ostdeutschen Landesverbände. MIT-Chef Carsten Linnemann und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sollen bei Merz wichtige Rollen spielen.

Kaum verwunderlich, dass Kretschmer selbst unlängst in der "Bild am Sonntag" erklärt hat, dass er es richtig findet, "dass jetzt Merz die Chance gegeben wird, die Dinge in der CDU zu gestalten". Ähnlich klingen führende CDU-Politiker aus Thüringen und Sachsen-Anhalt. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass die ostdeutschen Landesverbände gerade mal 50.000 der mehr als 400.000 CDU-Mitglieder stellen. Merz muss also auch in den großen Landesverbänden wie NRW, Niedersachsen oder Baden-Württemberg die entscheidenden Stimmen holen.

Die Mitbewerber - Norbert Röttgen und Helge Braun

Wenn man nicht nur auf die CDU-Mitglieder, sondern auf die CDU-Wähler schaut, dann schwindet die Beliebtheit von Merz. Unlängst lag sein Mitbewerber Norbert Röttgen in einer Umfrage bei den Beliebtheitswerten vorne. Der Außenpolitiker tritt zum zweiten Mal für den Parteivorsitz an und dürfte seine Ausgangslage zuletzt verbessert haben. Röttgen will die CDU in der Mitte positionieren und vor allem auch Frauen für die Parteiarbeit gewinnen. Die weitgehend unbekannte Bundestagsabgeordnete Franziska Hoppermann soll ihn dabei als mögliche Generalsekretärin unterstützen.

Der geschäftsführende Kanzleramtsminister Helge Braun gilt als Überraschungskandidat und wird ebenfalls dem liberalen CDU-Flügel zugeordnet. Er hat noch keine Team-Mitglieder vorgestellt. Genauso wie Röttgen will er - im Falle eines Wahlsieges - aber nicht auch noch das Amt des Fraktionsvorsitzenden Ralph Brinkhaus beanspruchen. Beide, Röttgen und Braun, wollen sich auf die Parteiarbeit beschränken.

Bei Merz klingt das nicht ganz so konsequent. Er ist grundsätzlich der Ansicht, dass Partei- und Fraktionsvorsitz in eine Hand gehören. Nach seiner Wahl könnte es also erneute Personaldebatten geben. Ein Umstand, den die CDU-Mitglieder bei ihrer Personalentscheidung sicherlich auch berücksichtigen werden. Ab Donnerstag bis zum 2. Dezember können sie den drei Kandidaten in verschiedenen digitalen Gesprächsformaten auf den Zahn fühlen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. November 2021 um 06:03 Uhr, 16:05 Uhr, 16:22 Uhr und 17:25 Uhr.