Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt zum EU-Gipfel. | dpa

16 Jahre Kanzlerin Merkel und die Kunst des Kompromisses

Stand: 23.10.2021 04:22 Uhr

Zu Merkels Regierungsstil gehörte immer auch das Ringen um Kompromisse - notfalls auch nächtelang, wie auf zahlreichen EU-Gipfeln geschehen. Nur eine Sache gelang ihr auch in 16 Kanzlerinnenjahren nie.

Von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

Für Angela Merkel gehört der Kompromiss zu den wesentlichen Voraussetzungen für politische Handlungsfähigkeit. Die Suche nach Kompromissen ist eine Kunst - und eine Leidenschaft einer Kanzlerin, die 16 Jahre lang kompromissbereit in lange Verhandlungsnächte ging und bis zuletzt als Handelsreisende in Sachen Kompromiss um dessen Image kämpfte:

Der Kompromiss wird heute zum Teil verhöhnt. Er wird schlechtgemacht. Ein Kompromiss ist quasi immer schon ein fauler Kompromiss. Aber wenn wir nicht mehr in der Lage sind, Kompromisse zu machen, sind wir nicht mehr handlungsfähig.
Georg Schwarte ARD-Hauptstadtstudio

Handlungsfähig aber wollte diese Kanzlerin als Realitätsfanatikerin stets bleiben. Allein auf 107 EU-Gipfeln hat sie wieder und wieder ihr Credo verbreitet: "Nicht übereinander, miteinander reden." Dazu gehört das Suchen nach Kompromissen und wie sie sagt, Dinge dann zu entscheiden, wenn sie entscheidungsreif seien: "Das ist meine Leidenschaft. Die ist die merkelsche Art der Leidenschaft, und die ist ziemlich intensiv." 

Bis zur Erschöpfung

Ob die Franzosen Emmanuel Macron oder Nicolas Sarkozy oder die Briten David Cameron und Boris Johnson: Alle erlebten, wie intensiv Merkel bis zur Erschöpfung aller im Saal um Kompromisse ringen konnte. Merkel setzte nächtlicher Streitagonie das Führen in Zimmerlautstärke entgegen. Immer auf der Suche, neben dem Wünschenswerten auch das Machbare zu finden. "Politik ist auch die Kunst des Machbaren. Wir ringen immer wieder. Es braucht eine produktive Ungeduld, die bringe ich auf", so Merkel etwa zu Beginn der Corona-Krise.  

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beim EU-Gipfel Mitte Oktober 2020. Beide tragen einen Mund-Nasen-Schutz. | dpa

Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron. Bild: dpa

Merkel - eine "Kompromissmaschine"

Die produktive Ungeduld haben sie auch auf internationalem Parkett 16 Jahre erlebt. Wenn nichts mehr zu gehen schien, dann habe meist ihre Stunde geschlagen, erinnert sich Luxemburgs Premier Xavier Bettel, der acht Jahre Merkels Kompromisskunst studierte. "Die meisten Leute wissen das nicht, aber Frau Merkel war eine Kompromissmaschine. Sehr oft, wenn es nicht weiterging, hat Angela etwas vorgeschlagen und dann haben wir trotzdem doch noch Ambitionen gehabt." Er hoffe, sagte Bettel zuletzt bei seinem Abschiedsbesuch in Berlin an Merkel gewandt, "dass wir es die nächsten Monate ohne Dich weiter schaffen werden". Merkels "Spirit" aber werde da sein.

Basta ist nicht Merkels Stil

Deutsches Interesse - für Merkel gehört dazu auch, das Interesse anderer ernst zu nehmen, um im Kompromiss zueinanderzufinden. Wo andere auf ihren Bauch hören, bleibt Merkel ganz bei sich und ihrem Kopf: "Ich bin ich. Mein Prinzip ist nicht Basta. Mein Prinzip ist beraten, nachdenken und dann entscheiden."

Obama schwärmt von der Prinzipientreue

Nicht jeder Regierungschef bekommt per Videobotschaft ein Art Liebeserklärung. Ex-US-Präsident Barack Obama aber schickte sie nun nach Brüssel zum EU-Gipfel und schwärmte von der Prinzipientreue einer Kanzlerin, die ihre Werte stets über das Eigeninteresse stellte. "Dankeschön", sagte Obama zum Schluss auf deutsch zu einer Kanzlerin, die einst neben Kompromissbereitschaft das Schweigenkönnen und die Neugier als unverzichtbares Rüstzeug für gutes Regieren beschreibt: "Das Allerwichtigste in der Politik ist: Man muss Menschen gern haben und neugierig auf Menschen sein. Wenn man diese Neugier verliert, ist alles vorbei."

Noch aber ist sie ja Kanzlerin. Eine, der zumindest als Kompromisssuchende auf ihrem Weg viel gelungen ist. Nur eines, sagte sie selbst, habe sie bei aller Kompromissbereitschaft bis heute nicht gelernt: ein Pokerface zu haben. Ihre Gesichtszüge: stets kompromisslos lesbar. "Ich hab das aufgegeben. Ich kann es nicht, das ist bitter. Aber ich kann es nicht."

 

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 23. Oktober 2021 um 06:48 Uhr.

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Moderation 23.10.2021 • 11:14 Uhr

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