Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU,r) führt vom Kanzleramt aus einen virtuellen Bürgerdialog, mit Teilnehmern, die auf dem Bildschirm zu sehen sind. | dpa

Bürgerdialog mit Familien Dampf ablassen bei der Kanzlerin

Stand: 04.02.2021 16:53 Uhr

Homeschooling, Homeoffice, Haushalt: Viele Mütter und Väter bringt die Corona-Krise an die Belastungsgrenze. Im virtuellen Bürgerdialog mit Kanzlerin Merkel konnten sie Dampf ablassen. Und das machten sie auch.

Von Julie Kurz, ARD-Hauptstadtstudio

Eva Maria Voigt ist als Erste an der Reihe. Und sie wirkt, als hätte sie auf diese Chance seit Monaten gewartet: Endlich kann sie der Kanzlerin mal die Meinung sagen. Als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern - das eine zwei, das andere acht Jahre alt - hat sich einiges angestaut bei der Juristin: "Alles bleibt an mir hängen", sagt sie - und zählt auf: Homeoffice, Homeschooling, Haushalt. Und vor allem die Kinder, die immer dabei seien. Sie fühle sich alleingelassen, isoliert.

Julie Kurz ARD-Hauptstadtstudio

Und dann sei da noch die Stigmatisierung: Wenn man mit zwei Kindern einkaufen gehe, da werde man gefragt, ob die nicht zu Hause bleiben könnten.

Man spürt ihren ganzen Frust über den Bildschirm. Und falls es die Kanzlerin doch noch nicht mitbekommen haben sollte, beendet die Mutter ihre Schilderungen aus dem Leben einer Alleinerziehenden mit den Worten: "Die Stimmung ist insgesamt sehr, sehr schlecht."

Viel fällt der Kanzlerin dazu auch nicht ein. Und so sagt Angela Merkel zumindest ehrlich: "Ich kann Ihnen jetzt auch keine richtig guten Antworten geben." Und fügt hinzu: "Es tut mir natürlich auch weh, wenn ich ihr Unglück sehe." Sie vertröstet die Mutter mit dem Versprechen, dass Schulen und Kitas bei Lockerungen Priorität haben. Sie wird dieses Versprechen bei diesem Bürgerdialog noch häufiger wiederholen.

Vierzehn Mütter und Väter nehmen an dem virtuellen Gespräch mit der Kanzlerin teil. Die Eltern wurden von verschiedenen Verbänden ausgesucht, etwa dem deutschen Familienverband und dem Verband der alleinerziehenden Mütter und Väter. Es ist der erste virtuelle Bürgerdialog in diesem Jahr. Im vergangenen Jahr hatte die Kanzlerin unter anderem mit Pflegenden und Polizistinnen und Polizisten Gespräche geführt.

Kümmert sich Merkel zu wenig um Familien?

Nun also mit Eltern - und der Zeitpunkt könnte nicht passender sein. Seit Wochen sind Schulen und Kitas geschlossen. Familien müssen irgendwie Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut bringen. Es ist für viele eine belastende Situation und manch einer macht die Kanzlerin dafür verantwortlich. Schließlich hatte sich Merkel bei der jüngsten Ministerpräsidentenkonferenz dafür eingesetzt, die Schulen und Kitas weiter geschlossen zu halten.

Dabei soll es auch zu einem Wortgefecht zwischen Manuela Schwesig und Merkel gekommen sein. Die Ministerpräsidentin aus Mecklenburg-Vorpommern, so hieß es aus Teilnehmerkreisen, machte deutlich, dass man bei den Schulschließungen nicht alles den Kindern abverlangen könne und gleichzeitig die Arbeitgeber beim Homeoffice für ihre Mitarbeiter kaum Zugeständnisse machen würden.

Merkel soll daraufhin zurückgepoltert haben, dass sie sich nicht anhängen lasse, Kinder zu quälen und Arbeitnehmerrechte zu missachten. Das hatte Schwesig zwar nicht gesagt, wie sie später noch einmal klarstellte, es zeigt aber wie emotional aufgeladen das Thema ist. Die Opposition wirft der Regierung seit längerem vor, sie würde sich zu einseitig beraten lassen: zu viele Virologen, zu wenig Sozialexpertise. Auch Kinderschutzverbände kritisieren, dass bei den Corona-Schutzmaßnahmen zu wenig die Belange der Kinder beachtet würden.

Heute in jedem Fall verschaffen sich die Eltern beim Bürgerdialog Gehör bei der Kanzlerin. Fragen haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an die Kanzlerin kaum, es geht eher darum, Dampf abzulassen: Therapiesitzung mit Merkel.

Häufiger mahnt die Moderatorin, sich kurz zu halten, aber die Mütter und Väter denken gar nicht dran. Frei nach dem Motto: Jetzt sind wir dran.

Auch eine Sozialarbeiterin aus Wattenscheid meldet sich zu Wort. Jihan Khodr engagiert sich in der Flüchtlingshilfe, und kommt selbst ursprünglich aus dem Libanon. Sie ringt mit den Tränen, als sie der Kanzlerin erzählt, wie schwer das Homeschooling für viele Flüchtlingsfrauen und Mütter ist: "Es waren immer Probleme da, aber es war nie so sichtbar wie in Corona-Zeiten. Wir wollen unseren Kindern mehr helfen", aber viele Eltern seien machtlos. "Viele Migrationsfamilien in Bochum und Wattenscheid sind einfach Analphabeten. Die Kinder bekommen die Unterstützung nicht."

Viele Eltern erzählen auch von den finanziellen Zusatzbelastungen, die die Pandemie mit sich bringe: Neuer Drucker fürs Homeschooling, Masken für die Kinder und schließlich auch mehr Kosten für zusätzlichen Mahlzeiten.

Die Kanzlerin verweist darauf, dass sich die Koalitionsfraktionen Mittwochabend auf einen Kinderbonus verständigt haben. Der Zuschlag soll einmalig 150 Euro betragen. Das sei "ein Tropfen auf einen heißen Stein" heißt es unisono von den anwesenden Müttern und Vätern.

Neben den Schilderungen persönlicher Herausforderungen geben manche Eltern der Kanzlerin aber auch konkrete Vorschläge mit auf den Weg: Etwa ein Spucktest für Kinder, damit die Kitas wieder öffnen können oder Gutscheine für Nachhilfeunterricht, damit der Schulstoff nach Ende des Lockdowns aufgeholt werden kann. Vor allem letzterer Vorschlag scheint bei der Kanzlerin auf offene Ohren zu stoßen.

Ihr Fazit: "Eigentlich müsste ich zu jedem von Ihnen nach Hause kommen und mich drei Stunden mit ihren Kindern beschäftigen, damit sie mal durchatmen können und eine Stunde Sport machen können." Die Beteiligten lachen zustimmend, bevor die Kanzlerin einräumt, dass sie das wohl nicht bieten könne. "Zumal ich das wahrscheinlich gar nicht darf, weil sie vermutlich schon eine Kontaktperson haben." Einige in der Runde dürften da gedacht haben: Willkommen in der Corona-Realität von Familien.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 04. Februar 2021 um 17:11 Uhr.