Angela Merkel sitzt mit Mund-Nasenschutz im Bundestag. | dpa
Analyse

Abschied in Corona-Zeiten Merkels späte Ungeduld

Stand: 02.12.2021 13:28 Uhr

Ihr Politikstil setzte neue Maßstäbe, ihre Bescheidenheit auch. Angela Merkel erfährt viel Ruhm zum Ende ihrer Kanzlerschaft. Doch Corona machte ihr dabei einen Strich durch die Rechnung.

Von Corinna Emundts, tagesschau.de

Bis auf die letzten Meter ihrer Kanzlerschaft wurde Angela Merkel nun von einer unsichtbaren Macht hineinregiert: von einem Virus namens SARS-CoV-2. Beim Großen Zapfenstreich am heutigen Donnerstagabend in Berlin, mit dem Kanzler traditionell verabschiedet werden, musste die Gästezahl für den Abschied der ersten Kanzlerin Deutschlands verkleinert werden. Der sonst übliche Empfang danach wurde pandemiebedingt ganz abgesagt. Doch auch politisch hat ihr diese ungewöhnliche globale Krise womöglich die Kanzlerinnen-Bilanz sehr verändert.

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Sie genießt zwar im Land großen Respekt und weltweit hohe Anerkennung unter den Staatenlenkern - Ex-US-Präsident Barack Obama etwa schickte ihr jüngst eine an eine Liebeserklärung grenzende Eloge für ihren "unerbittlichen moralischen Kompass" als Videobotschaft zu ihrem letzten EU-Gipfel in Brüssel. Und hätte es die Corona-Pandemie nicht zum Ende ihrer Kanzlerinnenjahre hin gegeben, wäre der von ihr geprägte abwartende, moderierende und mitnehmende Politikstil wohl auf einen noch größeren Denkmalsockel gehoben worden, wäre ihre Bilanz makelloser ausgefallen.

"Schattenseiten ihres Politikstils"

So aber machte ihr gerade zum Ende ihrer Amtszeit hin die Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung. Und das, obwohl viele anerkannten, dass sie als promovierte Naturwissenschaftlerin in den ersten Wellen der Pandemie klarer und schneller als mancher der Ministerpräsidenten erkannte, was exponentielles Wachstum bedeutet. "Sie hätte auch 2020 bereits eine Bundesnotbremse durchsetzen können", urteilt der Journalist und Historiker Ralph Bollmann, einer ihrer Biografen. Sie habe es nicht gemacht, "weil sie das Risiko scheute und gewohnt war, Verantwortung auf viele Schultern zu verteilen und alle einzubeziehen". Hier hätten sich klar die Schattenseiten ihres Politikstils gezeigt.

Diese Krise ist anders als die anderen

Dabei gilt Merkel doch als die krisenerprobte Kanzlerin, in deren Amtsjahre ab 2007 eine Krise nach der anderen auftrat - sei es die Euro- und Finanzkrise, die Krise der deutschen und europäischen Flüchtlingspolitik 2015, sei es der Brexit, die Trump-Wahl, der Ukraine-Konflikt und die Klimakrise. Sie brachten ihr das Image einer besonnenen Regierungschefin ein, die Entscheidungen gern vom Ende her dachte. Das Muster funktioniere bei menschengemachten Krisen, aber nicht bei einer solchen Naturkatastrophe mit unberechenbarem Infektionsgeschehen, so Bollmann.

Dieses Coronavirus wurde zur Zumutung für eine Politikerin, die nun mal gerne in langen Zeiträumen denkt, abwägt und zaudert, bevor sie entscheidet. Nicht nur bei der Frage, ob sie in diese Legislatur noch eintreten wollte. Auch in der Finanzkrise 2008 wurde ihr das bereits vorgeworfen. Dieses Virus brachte sie, die routinierte langjährige Bundeskanzlerin spät an ihre eigenen Grenzen. An die Grenzen ihrer Macht - und sei es nur die Wortmacht, Menschen von ihrem politischen Handeln zu überzeugen.

Die Pandemie machte aus ihr, der oft zögernden, nun selbst eine Ungeduldige, die nun oft die mit der Vielstimmigkeit und zuweilen auch Zögerlichkeit der Bund-Länder-Abstimmungen haderte: Weil sie eine Bremswirkung auf die Corona-Politik entfalteten, während Merkel die Inzidenzkurven anwachsen sah. Aber die Corona-Krise legte auch ungewohnte Seiten von ihr offen: Sonst eher sachlich im Gespräch und bei Reden, entfaltete sie im Verlauf der Krise doch für ihre Verhältnisse große Leidenschaft im Bundestag.

Ungewohnt emotionaler Auftritt im Bundestag

Im Dezember 2020 folgt der wohl emotionalste, persönlichste Auftritt Merkels, den sie im Bundestag je hatte - angesichts von 590 Todesfällen am Tag, die nicht akzeptabel seien: "Wir leben mit einer Herausforderung, wie sie die Bundesrepublik Deutschland in dieser Form noch nicht in dieser Art gekannt hat." Man müsse in einer besonderen Situation besonders reagieren: Sie fleht am Pult stehend regelrecht händeringend darum, gerade vor Weihnachten Kontakte zu reduzieren, damit es anschließend nicht das letzte Weihnachten mit den Großeltern werde. Mancher Beobachter sah da Tränen in ihren Augen.

Lange galt der Herbst 2015, die Krise der Flüchtlingspolitik, als das prägende Momentum der Kanzlerschaft Merkels. Auch CDU-Politiker Peter Altmaier sah das so, der die Kanzlerin in vielen politischen Funktionen eng begleitet hat. Inzwischen hält er die Corona-Pandemie für die größte Herausforderung ihrer Kanzlerschaft, "weil es eine völlig neue Krise war, für die es keine Handlungsanleitungen gab und keine Regiebücher". Dies sei auch die Krise gewesen, in der Angela Merkel die "größte persönliche Rolle gespielt" habe, sagte der 63-jährige im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio.

Bundeskanzlerin Merkel und ihr wahrscheinlicher Nachfolger Scholz | dpa

Am Ende der Kanzlerschaft Merkel erreicht die Pandemie in Deutschland einen neuen traurigen Höhepunkt. Bild: dpa

Hat die Pandemie die Kanzlerin verändert?

Hat die Pandemie die Politikerin Merkel verändert? Man darf davon ausgehen. In einem ihre Kanzlerschaft bilanzierenden Gespräch der "Süddeutschen Zeitung" berichtete sie rückblickend auf das erste Pandemiejahr vom "permanenten Konflikt der Kanzlerin Merkel mit der Naturwissenschaftlerin Merkel" im Herbst 2020 : "Manche Fakten waren so evident, und trotzdem brauchte es Zeit, politisch zu reagieren". Trotzdem sei präventives Handeln nicht durchzusetzen gewesen - Geschäfte und Schulen wurden erst geschlossen, als die Fallzahlen stiegen und die Belastung der Intensivstationen "extrem hoch war". sind. Nun wiederholt sich das Drama trotz einer inzwischen vorhandenen Impfquote von rund 69 Prozent, die Zahl von 100.000 Toten ist überschritten. Eine Lage, die die Kanzlerin sicher in diesen Tagen alles andere als unbeschwert aus ihrem 16 Jahre lang ausgeübten Amt treten lässt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. Dezember 2021 um 16:00 Uhr.