Das Dorf Lützerath ist zum Symbol der Umweltaktivisten geworden. | REUTERS

Lützerath vor Räumung Auf den Barrikaden

Stand: 04.01.2023 13:08 Uhr

Schon nächste Woche soll es losgehen mit der Räumung des Dorfes Lützerath. Die Einwohner sind längst weg, die rund 200 Klimaaktivisten verschanzen sich in Baumhäusern. Die Stimmung? Entschlossen.

Von Michael Heussen, WDR

Die Sachlage ist eigentlich klar: Lützerath ist von seinen Bewohnern verlassen, der Energiekonzern RWE hat das Eigentum an den Grundstücken und Gebäuden erworben und darf mit dem Abbruch beginnen.

Michael Heussen

Doch die Klimaaktivisten, die in das verlassene Dorf bei Erkelenz gezogen sind, wollen das nicht akzeptieren - sie wollen verhindern, dass das Braunkohleflöz unter Lützerath abgebaut wird. "Hier, an dieser Braunkohlegrube, das ist die größte CO2-Quelle Europas, da wird Klimakrise gemacht, und deswegen müssen wir sie hier an diesem Ort stoppen", sagt Mara Sauer. Die Aktivistin ist eine der wenigen, die sich namentlich zitieren lassen wollen und Interviews geben.

Sie ist vor 15 Monaten aus Brandenburg nach Lützerath gezogen - in ein Baumhaus in 20 Metern Höhe. Wenn der Wind zu stark weht, müssen sie und ihre Mitstreiter auch mal die Nacht in einem Zelt am Boden verbringen. Aber die Baumhäuser sollen ihre Verteidigungsbastion sein, wenn die Polizei mit der Räumung beginnt.

Es flogen Steine und Flaschen

Die Zahl der Aktivisten ist inzwischen auf rund 200 angewachsen. Nach Einschätzung der Behörden gehören nur wenige dem harten radikalen Kern an, die meisten werden dem bürgerlichen Lager zugerechnet. Deswegen wird davon ausgegangen, dass die Auseinandersetzungen nicht eskalieren wie 2018 im Hambacher Forst, der ebenfalls für die Braunkohlegewinnung gerodet werden sollte.

Doch diese Einschätzung könnte sich als falsch erweisen: Als die Polizei zu Wochenbeginn die Zufahrtswege freiräumen wollte, flogen Steine, Flaschen und Feuerwerkskörper. Es gab mindestens zwei Leichtverletzte.

Die Karte zeigt das Abbaugebiet des Tagebau "Garzweiler II"‚2 nahe des Ortes Lützerath.

Das Abbaugebiet des Tagebau Garzweiler 2 nahe des Ortes Lützerath.

Polizisten mit Helmen und Schutzschilden standen Auge in Auge den Demonstranten gegenüber, die meisten vermummt und mit weißen Overalls bekleidet. "Habt Ihr keine Kinder? Hast Du keine Kinder?", rief ein junger Mann einem Polizisten zu. An der Seite demonstrierte seine Mutter: "Uns Alte interessiert das nicht mehr. Wir haben gut gelebt." Aber der jüngeren Generation würden die Erde und die Luft zum Atmen genommen. "Deshalb bin ich hier."

Nach einigen Stunden entspannte sich die Situation: Die Polizei hatte das provisorische hölzerne Eingangstor eingerissen, mehrere Aktivisten, die sich dort angekettet hatten, wurden abgeführt. Anschließend zog sich die Polizei wieder zurück. Mitte nächster Woche soll die eigentliche Räumung mit massivem Polizeieinsatz und Räumgerät auf dem Gelände beginnen.

Erbitterter Widerstand?

Beim Gang durch die besetzten Gehöfte und das Zeltlager sieht man in viele entschlossene Gesichter von Klimaaktivisten, die immer wieder erzählen, dass sie erbittert Widerstand leisten wollen. Wie genau, das bleibt nebulös: Von unterirdischen Tunnelgängen ist die Rede, von Vorrichtungen, an denen sie sich festketten wollen. Mehrere Pfähle, von Seilen gehalten, stehen auf dem morastigen Gelände. Oben wollen Aktivisten ausharren und es der Polizei so schwer wie möglich machen, sie unbeschadet herunterzuholen.

In den Gesprächen merkt man immer wieder, wie ernst den Klimaaktivisten ihr Anliegen ist. Sie folgen nicht der Argumentation der Bundesregierung, der Landesregierung und von RWE, dass mit dem um acht Jahre auf 2030 vorgezogenen Kohleausstieg ein Sieg auf ganzer Linie für den Klimaschutz errungen sei. "Diese Entscheidung können die auch wieder kippen", glaubt einer.

"Wir haben kein weiteres Dorf zu verlieren"

Dass fünf Dörfer erhalten bleiben, die eigentlich noch dem Braunkohletagebau weichen sollten, reicht ihnen nicht. Auch das von seinen Bewohnern verlassene Lützerath müsse bleiben.

Unterstützung bekommen sie von Luisa Neubauer, einer der bekanntesten Vertreterinnen der Klimaschutzbewegung "Fridays for Future" in Deutschland. Sie schreibt auf Twitter: "Wer gesellschaftlichen Frieden und Klimaschutz will, der setzt sich politisch für ein Räumungsmoratorium von Lützerath ein - oder verteidigt mit uns zusammen das Dorf. Jeder Tag zählt, es ist 2023 und wir haben kein weiteres Dorf zu verlieren."

Enttäuscht von den Grünen

Wie viele der Aktivisten in Lützerath geht sie hart mit den Grünen ins Gericht, die in NRW zusammen mit der CDU regieren und dem Kompromiss zugestimmt haben: Der Deal sei die Unterwanderung eines Kompromisses, weil bis 2030 viel mehr Kohlendioxid ausgestoßen werden könne, als es gemäß des Pariser Klimaabkommens verträglich wäre, so Neubauer. "Im Falle von Lützerath sind es also auf einmal Grüne Spitzenpolitiker:innen, die Grundsatzentscheidungen an widerlegten Zahlen eines notorisch unglaubwürdigen Kohlekonzerns orientieren."

Beim Abendessen im alten Holzlager des Bauernhofs sagt das auch einer der Besetzer: "Seitdem die Grünen in Düsseldorf und Berlin in der Regierung sitzen, haben sie ihre und unsere Werte verraten."

Diese Stimmung bekam auch die Grünen-Bundestagsabgeordnete Kathrin Henneberger bei ihrem Besuch im Camp zu spüren - obwohl sie im Sinne der Klimaaktivisten gegen den Kohlekompromiss gestimmt hatte: "Es ist legitim, sich weiter für Lützerath einzusetzen, denn hier geht es ja um die Kohle unter dem Dorf. Unter Lützerath ist eine 50 Meter dicke Kohleflözschicht, also eine besonders dicke im Vergleich zum Umfeld. Und das ist ja auch einer der Gründe, warum sich Klimaaktivisten hier aufhalten", so Henneberger im ARD-Interview.

Pfahlbauten von Aktivisten nahe dem Ort Lützerath | EPA

Klimaaktivisten verschanzen sich unter anderem in Pfahlbauten und Baumhäusern. Bild: EPA

Räumung nächste Woche?

RWE will aber genau an diese Kohle, um mit ihr die Kraftwerke bis 2030 betreiben zu können. In einem Interview mit der WAZ argumentierte Konzernchef Markus Krebber: "In Lützerath wohnt niemand mehr. Wir haben Einigung mit allen Eigentümern. Gerichtlich ist das bis zum Ende entschieden. Ich kann wirklich nur hoffen und appellieren, dass alles friedlich abläuft und der Rechtsstaat akzeptiert wird." Krebber lobte die Grünen, weil sie in der Regierungsverantwortung Realpolitik betrieben.

Der Auftakt der Polizeimaßnahmen in den ersten Januartagen dürfte einen Vorgeschmack auf die nächsten Wochen geben: Nach einer Bürgerinformationsveranstaltung am kommenden Dienstag in Erkelenz könnte die Räumung schon Mittwochmorgen beginnen. RWE und die Behörden in NRW stellen sich auf eine mindestens vier Wochen lange harte Auseinandersetzung mit den Besetzern auf dem Gelände von Lützerath ein.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. Januar 2023 um 23:10 Uhr.