Hennig-Wellsow und Wissler | EPA
Analyse

Wahlparteitag der Linken Zwischen Jogging und Wohlfühlzone

Stand: 27.02.2021 19:27 Uhr

Die Linke hat zwei neue Chefinnen. Wie unterschiedlich sie sind, wird beim Wahlparteitag sehr deutlich. Die eine bleibt in der linken Wohlfühlzone. Die andere setzt mit Joggingschuhen ein klares Zeichen.

Eine Analyse von Moritz Rödle, ARD-Hauptstadtstudio

Politik ist ein Symbolgeschäft - und schon am Freitag werden auf dem Parteitag in Berlin einige Zeichen gesetzt. Vor allem interessant ist, wer nicht vor Ort ist. Zum Beispiel der einzige Ministerpräsident, den die Linkspartei hat, Bodo Ramelow. Der gibt zwar dem Sender Phoenix ein Interview, in Berlin taucht er aber nur am Samstag mit einer aufgezeichneten Grußbotschaft auf. Parteiarbeit interessiert den Ministerpräsidenten offenbar nur am Rande.

Moritz Rödle ARD-Hauptstadtstudio

Joggingschuhe statt Parteitag

Noch klarer das Zeichen seiner Thüringer Landesvorsitzenden Susanne Hennig-Wellsow. Die designierte Parteivorsitzende ist am Freitag auch nicht da. Offiziell heißt es, weil sie keine Delegierte sei.

Doch auch Hennig-Wellsow beherrscht das Spiel mit der Symbolik. Während auf dem Parteitag gerade über den Leitantrag beraten wird, postet Hennig-Wellsow bei Instagram ein Bild in Joggingschuhen. Die Botschaft: Was ihr da auf dem Parteitag ohne mich macht, ist nicht so wichtig. Ab morgen bin ich Chefin und gebe die Richtung vor.

Ramelow und Hennig-Wellsow kommen vom Reformer-Flügel. Die Pragmatiker wollen regieren, reale Verbesserungen für ihre Wählerschaft erreichen. Doch das ist bei vielen Delegierten umstritten.

Am Samstag hat Hennig-Wellsow zwei Gegenkandidaten. Der eine - Reimar Pflanz - hat nur eine Botschaft: Er warnt vor einen Regierungsbeteiligung der Linken. 70,5 Prozent bekommt Hennig-Wellsow, deutlich weniger als ihre Co-Vorsitzende Janine Wissler, die allerdings auf dem Frauenplatz kandidiert und keine Gegenkandidatinnen hat.

Wissler bleibt in der linken Wohlfühlzone

In ihrer Bewerbungsrede wirbt Hennig-Wellsow dafür, die Union aus der Bundesregierung zu drängen. Klarer kann man den Hardlinern in der Partei nicht sagen, was man von ihrer Politik hält. Wissler ist in ihrer Rede weniger konfrontativ. Sie bleibt in der linken Wohlfühlzone, spricht überhaupt nicht über eine mögliche rot-rot-grüne Koalition.

In Interviews kann Wissler der Frage aber nicht aus dem Weg gehen. Ihr Credo deshalb immer wieder, es gehe um Inhalte: Grüne und SPD könnten sich ja der Linken annähern, dann sei sicher eine gemeinsame Regierung möglich. Doch wie wahrscheinlich ist das?

Sicherheitsexperte wird abgestraft

Der Parteitag macht deutlich, eine Mehrheit für eine Regierung mit SPD und Grünen gibt es bei der Linken derzeit wahrscheinlich nicht. An einer Stelle wird das besonders deutlich: Der Sicherheitspolitische Sprecher der Fraktion, Matthias Höhn, kandidiert für den Posten eines stellvertretenden Parteivorsitzenden. Doch der Pragmatiker wird abgestraft, bekommt keine Mehrheit.

Höhn hatte im Januar ein Papier geschrieben, das in der Linkspartei für Diskussionen gesorgt hatte. Zum Beispiel mit einem Bekenntnis zur Bundeswehr und der Bereitschaft zu Auslandseinsätzen unter UN-Mandat. Ohne solche Zugeständnisse wäre eine rot-rot-grüne Koalition sehr unwahrscheinlich. In der Linken sind sie aber maximal unbeliebt.

Hennig-Wellsow will die Partei genau dorthin führen. Ob ihr das gelingt, ist nun die große Frage. In ihrer Dankesrede hat sie angekündigt, dass jetzt der "Thüringer Weg" den Eingang in die Bundespolitik finde - das hieße regieren. Bei Wirtschafts-, Sozial- oder Umweltpolitik könnte man mit Grünen und SPD wohl schon jetzt gemeinsame Positionen finden. Bei der Sicherheitspolitik sieht es nicht danach aus.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Februar 2021 um 20:00 Uhr.