Die Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen, Annalena Baerbock und Robert Habeck beim digitalen politischen Aschermittwoch. Auf dem Monitor wird die Rede von Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), per Video übertragen | dpa

Grüne vor Landtagswahlen Es gibt nur einen Kretschmann

Stand: 10.03.2021 19:48 Uhr

Auf einen "Kretschmann-Effekt" kann die Grünen-Spitze um Habeck und Baerbock im Bund kaum setzen. Auch, weil sich das grüne Erfolgsmodell in Baden-Württemberg nicht für den Bund kopieren lässt.

Von Nina Barth, ARD-Hauptstadtstudio

Für die Grünen im Bund ist die Wahl in Baden-Württemberg eine besondere, geht es doch um das Bundesland mit dem einzigen grünen Ministerpräsidenten Deutschlands. "Wir hoffen, dass ein starkes grünes Ergebnis und die bedeutende Rolle von Winfried Kretschmann als Ministerpräsident uns hilft in den nächsten Wahlauseinandersetzungen", betont Parteichef Robert Habeck.

Nina Barth ARD-Hauptstadtstudio

Und Bundesgeschäftsführer Michael Kellner erklärte, die Botschaft von einem Wahlsieg in Baden-Württemberg wäre, dass die Grünen die Union auch auf Bundesebene schlagen könnten. Denn seit nunmehr zehn Jahren stehen die Grünen in Baden-Württemberg da, wo die Grünen im Bund hinwollen: an der Spitze.

Nur sind die Grünen in Baden-Württemberg eben nicht die im Bund. Und Ministerpräsident Kretschmann ist als Vorbild für grünen Pragmatismus auf Bundesebene eher nicht geeignet.

Baerbock und Habeck müssen auch Parteilinke überzeugen

Zwar zeichnet auch die beiden Parteichefs Annalena Baerbock und Robert Habeck ein pragmatischer Politikstil aus, aber sie wissen: Sie müssen ihre Partei mitnehmen. Mit einem konservativen Kurs à la Kretschmann in Baden-Württemberg könnten sie die Parteilinken wohl kaum überzeugen. Die Grünen in Baden-Württemberg folgen Kretschmann, sie wissen, ohne ihn wäre ihr Erfolg kaum vorstellbar.

"Der Kretschmann-Effekt ist sehr hoch", sagt Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin dem ARD-Hauptstadtstudio. Die starken Ergebnisse der Grünen in Baden-Württemberg seien nicht ohne ihn zu erklären. Kretschmann ist nicht nur im eigenen Lager sehr beliebt, sondern auch im anderen. Umfragen zeigen: Sogar die Mehrheit der CDU-Anhänger in Baden-Württemberg will lieber Kretschmann als Ministerpräsidenten als die eigene Kandidatin Susanne Eisenmann.

Das lässt sich ohne die ausgeprägte konservative Haltung des 72-jährigen Landesvaters aber wohl kaum erklären. Der pragmatische Realpolitiker Kretschmann vertritt einen deutlich konservativeren Kurs als die Grünen im Bund, eckte mit seiner Haltung so manches Mal an. Das tiefe Vertrauen und der große Respekt litten aber nicht darunter, wenn bestimmte Dinge nochmal geklärt werden müssten, betonte Parteichef Habeck. Auch im Bund wissen sie natürlich, was sie an Kretschmann haben. Aber weder Habeck noch Baerbock können auf einen "Kretschmann-Effekt" setzen. Auch das wissen sie.

Winfried Kretschmann | dpa

Winfried Kretschmann: Konservativer Landesvater, der gerne auch mal in der eigenen Partei aneckt". Bild: dpa

Lieblingspartner SPD in weiter Ferne

Dass Grün-Schwarz in Baden-Württemberg die vergangenen fünf Jahre funktioniert hat, ist noch lange kein Garant dafür, dass das auch im Bund so wäre. Baerbock und Habeck machen keinen Hehl daraus: Im Bund würden sie am liebsten mit der SPD regieren, wohl wissend, dass das nach den aktuellen Umfragewerte in weiter Ferne liegt.

Beide sind betont bemüht, die Unterschiede zur Union herauszustellen. Die Parteichefs wollen nicht den Anschein erwecken, sie steuerten auf eine schwarz-grüne Koalition zu. In Baden-Württemberg ist es gut möglich, dass sich Kretschmann nach der Wahl den Koalitionspartner aussuchen kann: Für Grüne und CDU dürfte es sicher wieder sicher reichen, aber vielleicht auch für eine Ampel aus Grünen, SPD und FDP.

Grün-geführte Ampel als Vorbild?

Die Bundes-Grünen werden die Koalitionsverhandlungen in Stuttgart auf jeden Fall mit Spannung verfolgen. Eine Ampelkoalition wäre für Kretschmann die dritte Regierungsvariante und die erste grün-geführte Ampel bundesweit. Sie würde zeigen, dass die Grünen, die sich selbst als Bündnispartei bezeichnen, langfristig Regierungsverantwortung tragen können - unabhängig vom jeweiligen Koalitionspartner. Das könnte dann auch ein strategischer Vorteil mit Blick auf die Bundestagswahl sein: Seht her, wir können mit fast allen koalieren - wenn wir wollen.