Ein Mitarbeiter der Asklepios Klinik im bayerischen Gauting wird von einem Kollegen mit dem Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft. | dpa
FAQ

Coronavirus Sollten Kinder geimpft werden?

Stand: 02.08.2021 19:43 Uhr

Was spricht für eine Impfung von Kindern und Jugendlichen zwischen 12 bis 17 Jahren, was spricht dagegen? Was ist bekannt über mögliche Nebenwirkungen und Langzeitfolgen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Von Anja Martini, tagesschau.de

Kann ich meine Kinder impfen lassen - und wenn ja wo?

Ja, das ist möglich. Für Kinder ab zwölf Jahren sind in der EU Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna zugelassen. Vor jeder Impfung sollte es ein ausführliches Gespräch mit der impfenden Ärztin oder dem impfenden Arzt geben, denn bei Impfungen geht es immer um eine medizinische Risiken-Nutzen-Abwägung.

Anja Martini tagesschau.de

Welche Fragen sollten sich Eltern und Ärzte stellen?

Ärzte sollen mit den Eltern oder Jugendlichen mehrere Fragen gemeinsam abwägen: Wie hoch ist das Risiko einer Erkrankung des Kindes? Hat es Vorerkrankungen? Wie hoch ist das Risiko von Spätfolgen nach einer Infektion und welche Risiken kann eine Impfung haben, also welche möglichen Impfreaktionen kann es geben. Gibt es im Umfeld des Kindes eine Kontaktperson, die ein erhöhtes Risiko hat, schwer zu erkranken?

Was spricht für eine Impfung?

Kinder haben nach aktuellem Stand der Forschung, ein geringes Risiko schwer zu erkranken - aber es kann vorkommen. Wissenschaftler aus England und Schottland haben die Ausbreitung der neue Delta-Variante untersucht. Die Daten belegen, dass die Zahl der Kinder, die sich infizieren, in Großbritannien tatsächlich steigt. Die Zahl der infizierten Kinder und Jugendlichen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, bleibt demnach aber gering. Dies gilt sowohl für England als auch für Schottland.

Häufig seien kleine Kinder asymptomatisch, sagt der Facharzt für Kinder-und Jugendmedizin, Robin Kobbe, im tagesschau.de-Interview. Einige hätten vielleicht Schnupfen, vielleicht auch ein wenig Fieber, sagt der Arzt am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Jugendliche dagegen näherten sich den Symptomen von jungen Erwachsenen schon eher an. Sie hätten teils Halsschmerzen, vielleicht Fieber und Husten, es könne zu Geschmacks- und Geruchsverlust kommen. Sehr selten treten schwerere Erkrankungen auf, berichtet Kobbe. Gemeint ist, neben Covid bei Kindern mit schweren Vorerkrankungen, vor allem das sogenannte PIM-Syndrom.

Was ist das PIM-Syndrom?

Etwa vier bis sechs Wochen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 können auch bei vorher gesunden Kindern schwere Symptome auftreten: Hohes Fieber, Schleimhautentzündungen, Lymphknotenschwellung, Hautausschlag, gerötete Hände, teilweise mit Herz-Kreislaufproblemen. Das neuartige Syndrom - auf Englisch Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome - wird kurz PIMS genannt. Es handelt sich um eine Entzündung in mehreren Organen, offenbar ausgelöst durch eine Überreaktion des Immunsystems. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) erfasst seit 27. Mai 2020 PIM-Syndrom-Fälle - also die schweren Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Bis zum 25. Juli 2021 meldet die DGPI 395 PIMS-Fälle.

Wie hoch ist die Gefahr von Langzeitfolgen bei einer Covid-Erkrankung?

Die Datenlage zu Langzeitfolgen bei Kindern ist noch recht dünn. In einer Umfrage aus Großbritannien zeigen fünf Wochen nach einer akuten Infektion noch zehn bis 15 Prozent der Kinder mindestens ein Symptom. Eine kanadische Studie geht davon aus, dass sechs Prozent der infizierten Kinder Long Covid entwickeln. Die Wissenschaftler werteten die Daten von mehr als 10.500 Kindern aus, die auf SARS-CoV-2 getestet wurden. Die Kinder kamen zwischen März 2020 und 15. Juni 2021 in eine Notfallambulanz. Ausgewertet wurden die Daten von 41 Notfallambulanzen in zehn Ländern: Australien, Kanada, Indonesien, USA sowie drei Staaten in Südamerika und drei in Westeuropa.

Häufige anhaltende Symptome waren Atemwegsbeschwerden bei zwei Prozent der Fälle, allgemeine körperliche Beschwerden, wie Müdigkeit und Fieber bei zwei Prozent der Fälle, neurologische Beschwerden, wie Kopfschmerzen, Krampfanfälle und anhaltender Geschmacks- oder Geruchsverlust bei einem Prozent der Fälle und psychische, wie Entwicklung einer Depression und Angsterkrankung bei einem Prozent der Fälle. Bei Kindern im Alter von zehn bis 17 Jahren traten häufiger anhaltende Symptome auf als bei Kindern unter einem Jahr. Eine russische Studie kommt zu einem ähnliche Ergebnis.

Eine Impfung bei Kindern könnte, genau wie bei Erwachsenen, einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung sowie Langzeitfolgen verhindern.

Was spricht gegen eine Impfung?

Im Vordergrund einer Impfung von Kindern steht immer die Abwägung zwischen dem persönlichen Nutzen einer Impfung und den möglichen Risiken. Ein Argument gegen eine Impfung ist, dass Kinder aus medizinischer Sicht kaum von einer Impfung profitieren, weil sie oft nur milde Verläufe haben. In den USA und Israel, wo seit Längerem Kinder geimpft werden, ist es in seltenen Fällen nach der zweiten Impfung mit den mRNA-Impfstoffen von BioNTech/Pfizer und Moderna zu Fällen von einer Myokarditis gekommen, einer Herzmuskelentzündung.

Expertenteams überprüfen Zusammenhänge zwischen den Impfungen bei jungen Menschen und den vereinzelt vorgekommenen Entzündungen des Herzmuskels (Myokarditis) oder des Herzbeutels (Perikarditis). Das Paul-Ehrlich-Institut berichtete am 15. Juli 2021, dass bis zum 30. Juni 2021 in Deutschland insgesamt 173 Fälle einer Myokarditis und/oder Perikarditis bei Personen festgestellt wurden, die mit dem Comirnaty-Impfstoff von BioNTech/Pfizer geimpft wurden (bei mehr als 54 Millionen Impfdosen). Bei dem Präparat Spikevax von Moderna waren es demnach 31 Fälle (bei mehr als 6,4 Millionen Impfdosen). Der Nutzen der Impfung überwiegt auch weiterhin alle Risiken, so das Paul- Ehrlich-Institut.

Noch ein anderes Argument lässt sich gegen eine Impfung von Kindern zum jetzigen Zeitpunkt anbringen: In einem Appell der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an die reichen Staaten heißt es, die Entscheidung, Kinder impfen zu wollen, könne den globalen Impfstoffmangel und die Ungerechtigkeit bei der Impfstoffverteilung verschärfen.

Was ist über Impfreaktionen bekannt?

Nach Angaben der Hersteller BioNTech/Pfizer und Moderna sind die Nebenwirkungen bei Kindern bei beiden Impfstoffen vergleichbar mit denen von Erwachsenen. Das heißt, es kann zu Schmerzen, Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle kommen. Müdigkeit, Kopf- und Muskelschmerzen, Schüttelfrost, Gelenkschmerzen, Fieber, Übelkeit, Unwohlsein und auch eine Schwellung der Lymphknoten ist möglich. Die Impfreaktionen dauerten meist nur wenige Tage nach der Impfung an.

Was sagt die STIKO?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat keine allgemeine Impfempfehlung für alle ab zwölf Jahren ausgesprochen, sondern die Corona-Schutzimpfung besonders gefährdeten Kindern und Jugendlichen mit bestimmten Vorerkrankungen empfohlen. Da in anderen Ländern, wie Israel, den USA und Kanada Kinder und Jugendliche bereits flächendeckend geimpft werden, häufen sich nach und nach die Erfahrungen und Daten dazu. Die STIKO will sich in den kommenden Wochen mit diesen neuen Daten beschäftigen. Es ist nicht auszuschließen, dass die STIKO ihre aktuellen Empfehlungen zu einem späteren Zeitpunkt aktualisieren oder ausweiten könnte.

Bei welchen Vorerkrankungen ist eine Impfung sinnvoll?

In ihrer Empfehlung rät die STIKO unter anderem zwölf- bis 17-Jährigen mit Adipositas, Immunsuppression, Herzfehlern, chronischen Lungenerkrankungen, Diabetes sowie Kindern und Jugendlichen mit Trisomie 21 zu einer Impfung gegen Covid-19. Außerdem empfiehlt die STIKO auch eine Impfung von Kindern und Jugendlichen, in deren Umfeld sich Angehörige oder Kontaktpersonen befinden, die eine hohe Gefährdung für einen schweren Covid-19-Verlauf haben, aber selbst nicht geimpft werden können. Wie bei Erwachsenen sollen auch Kinder und Jugendliche zwei Dosen des Corona-Impfstoffs im Abstand von drei bis sechs Wochen bekommen.

Welche Studien für Kinder-Impfstoffe laufen gerade?

BioNTech/Pfizer haben im März 2021 mit einer Studie mit Kindern von sechs Monaten bis elf Jahren begonnen. In der aktuellen Phase II sollen etwa 4500 junge Menschen auf die Wirksamkeit und Dosierung des Impfstoffes getestet werden. Ergebnisse könnten ab September vorliegen.

Moderna hat im März mit der Phase II/III-Studie begonnen. Daran sollen mehr als 6700 Kinder zwischen sechs Monaten und unter zwölf Jahren teilnehmen. Auch hier geht es um die Wirksamkeit und die Dosierung. Wann es Ergebnisse gibt, ist noch unklar.

Sinovac erprobt in China seinen Impfstoff seit Anfang Mai. Hier sollen in der Phase II Minderjährige zwischen drei und 17 Jahren getestet werden. Es geht um Wirksamkeit und Dosierung.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. August 2021 um 11:00 Uhr.