Edmund Stoiber und Angela Merkel | picture-alliance / dpa/dpaweb

Auswahlprozess ohne feste Regeln Irgendwie zur Kanzlerkandidatur

Stand: 10.01.2021 08:31 Uhr

Die SPD hat schon einen, die Union sucht noch, die Grünen wollen noch nicht: Für die Kür des Kanzlerkandidaten oder der -kandidatin gibt es keine festen Regeln. Ein Blick zurück zeigt: Viele Wege führen zum Ziel.

Von Kilian Pfeffer, ARD-Hauptstadtstudio

Wie wird man Kanzlerkandidat - oder -kandidatin? Eine allgemeingültige Formel dafür gibt es nicht. Die Kanzlerkandidatur ist auch nirgendwo geregelt: weder im Grundgesetz, noch in einer Wahlordnung, noch im Parteiengesetz, erläutert der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte. "Wir wissen nicht genau, nach welchen Regeln diese Kanzlerkandidaten ins Amt kommen und die Geschichte zeigt: Das war eben auch sehr unterschiedlich."

Kilian Pfeffer ARD-Hauptstadtstudio

Willy Brandt ist der Erste

Der erste Kanzlerkandidat, der auch genau so genannt wird, ist Willy Brandt. Brandt ist als regierender Bürgermeister von Berlin sehr populär, aber in der SPD lange Jahre ein Außenseiter. Er wird bundespolitisch interessant, als sich seine Partei nach zwei krachenden Niederlagen bei Bundestagswahlen in den 1950er-Jahren modernisieren muss. Die SPD gibt sich 1959 unter anderem ein neues Grundsatzprogramm. Und der charismatische Brandt ist der passende Kanzlerkandidat auch für das neue Medienzeitalter - 1961 tritt er erstmals an. "Das Modell war Amerika, die Kennedy-Präsidentschaft, der Junge gegen den Alten", sagt Korte. So wie sich Kennedy gegen Nixon durchgesetzt hatte, sollte auch Brandt gegen Adenauer gewinnen. Doch das klappt nicht. Brandt braucht drei Anläufe. Erst bei der Bundestagswahl 1969 kann er sich durchsetzen.

Vereidigung Willy Brandts als Bundeskanzler am 21. Oktober 1969 | picture-alliance/ dpa

Am 21. Oktober 1969 wird Willy Brandt als Bundeskanzler vereidigt. Bild: picture-alliance/ dpa

Helmut Kohl im Streit mit Strauß

Auch Helmut Kohl braucht viel Durchhaltevermögen. 1976 tritt er das erste Mal an. Seit 1973 ist er CDU-Vorsitzender, das Kanzleramt hat er schon lange im Blick. Sein wichtigster Konkurrent sitzt in Bayern: Franz Josef Strauß, Vorsitzender der CSU. Die Schwesterparteien stimmen sich bei so zentralen Fragen wie der Kanzlerkandidatur ab. Doch im Frühjahr 1975 prescht Kohl vor. Der langjährige Kohl-Vertraute Bernhard Vogel erinnert sich: "Im Vorfeld der Bundestagswahl kam es zu einer heftigen Kontroverse, als Kurt Biedenkopf ohne Zustimmung der CSU Kohl zum Kanzlerkandidaten praktisch ausgerufen hat."

Es folgen wochenlange heftige Auseinandersetzungen zwischen den Schwesterparteien. Dann gibt die CSU nach. Auch wenn sie noch einmal öffentlich klarstellt, dass sie Strauß für den besseren Kandidaten hält. Kohl erzielt bei der Wahl 1976 mit 48,6 Prozent ein hervorragendes Wahlergebnis und verfehlt die absolute Mehrheit nur knapp. Amtsinhaber Helmut Schmidt bleibt trotzdem Kanzler, weil die sozialliberale Koalition hält.

Helmut Kohl Franz Josef Strauß 1980

Konkurrenten um die K-Kandidatur: Kohl und Strauß im Oktober 1980.

Nach seinem Fast-Sieg 1976 wäre es erwartbar gewesen, wenn Kohl auch 1980 angetreten wäre. Er wird aber nicht Kanzlerkandidat. Denn Kohl wechselte 1976 als Fraktionsvorsitzender nach Bonn. Dort läuft es von Anfang an mies für ihn. Viele der Unionsabgeordneten lehnen ihn ab. Und so beschließt Kohl, auf die Kanzlerkandidatur zu verzichten. Strauß will er als Kandidaten allerdings verhindern. Während Kohl noch überlegt, den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht ins Rennen zu schicken, geht Strauß in die Offensive. Seine CSU-Vertrauten geben bekannt: Strauß steht als Kanzlerkandidat zur Verfügung. Die CDU nominiert Albrecht vier Tage später. Eine verfahrene Situation, die Union hat zwei Kanzlerkandidaten.

Nach wochenlanger Unklarheit nimmt die eigentlich gar nicht zuständige CDU/CSU-Bundestagsfraktion das Heft in die Hand. Hier soll darüber abgestimmt werden, wer als Kanzlerkandidat für die Union ins Rennen gehen soll. In der Sitzung am 2. Juli 1979 berät die Fraktion fast sechs Stunden lang. Strauß setzt sich durch - mit 135 zu 102 Stimmen.  Doch bei der Bundestagswahl 1980 holt er deutlich weniger Stimmen als Kohl vier Jahre zuvor. Als die sozialliberale Regierung von Schmidt zerbricht, kommt Kohls dritter Anlauf. 1983 tritt er wieder als Kanzlerkandidat an und gewinnt. Er bleibt 16 Jahre Bundeskanzler.

Gerhard Schröder setzt sich gegen Lafontaine durch

Vor der Wahl 1998 ist lange unklar, ob der niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder oder Parteichef Oskar Lafontaine Kanzlerkandidat der SPD werden. Bei der psychologisch wichtigen niedersächsischen Landtagswahl im Frühjahr 1998 fällt die Entscheidung. "Schröder - ganz geschickt - kündigte öffentlich an, dass er nicht kandidieren werde, wenn er bei der Landtagswahl in Niedersachsen mehr als zwei Prozent verlieren würde", sagt Politikwissenschaftlerin Andrea Römmele. "Er machte damit praktisch die Landtagswahl zur Abstimmung über seine Kandidatur."

Der Plan geht auf. Schröder holt die absolute Mehrheit in Niedersachsen. Er gewinnt sogar 3,6 Prozent hinzu. Damit hat Lafontaine quasi schwarz auf weiß: Schröder ist der aussichtsreichere Kandidat. So überlässt Lafontaine Schröder die Kanzlerkandidatur, obwohl er große Vorbehalte hat. Schröder schafft es tatsächlich und löst Kohl nach 16 Jahren als Kanzler ab.

Oskar Lafontaine gratuliert Gerhard Schröder

Nach dem Wahlsieg gratuliert Oskar Lafontaine dem neuen Kanzler Gerhard Schröder. Links: Rudolf Scharping

Edmund Stoiber frühstückt mit Merkel in Wolfratshausen

Wer soll 2002 gegen Schröder antreten? Nach Kohls Parteispendenaffäre ist die CDU seit den späten 1990er-Jahren in schwerem Fahrwasser. Im Jahr 2000 wird Angela Merkel Parteichefin. Damit hat sie auch das Erstzugriffsrecht auf die Kanzlerkandidatur. Doch die Skepsis in der Union ist groß. Die Ministerpräsidenten Bernhard Vogel und Erwin Teufel raten ihr, dem erfolgreichen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber den Vortritt zu lassen.

Es kommt zum berühmten "Frühstück in Wolfratshausen". Stoiber und Merkel verabreden, dass Merkel am 11. Januar abseits der Öffentlichkeit zum Frühstück zu Stoiber nach Hause kommen soll - nach Wolfratshausen bei München. Am Abend zuvor findet ein riesiger Neujahrsempfang statt, erinnert sich Stoiber: Auf der Fahrt abends nach Hause habe er seiner Frau gesagt: "Morgen kommt übrigens Angela Merkel zum Frühstück." Es habe seine Frau nicht gerade erheitert, dass er ihr das so spät gesagt habe. "Weil sie dann noch in der Früh versuchte, ein frisches Frühstück auf den Tisch zu bekommen."

Merkel bietet Stoiber die Kanzlerkandidatur an. Eigentlich würde sie gern selbst antreten, sagt sie, aber sie nehme wahr, dass die Mehrheit in der CDU für Stoiber sei. Im Gegenzug für ihren Verzicht handelt Merkel aus, Fraktionsvorsitzende im Bundestag zu werden. Das "Frühstück von Wolfratshausen" hat damit auch Folgen für einen, der gar nicht dabei ist: Friedrich Merz muss seinen Posten räumen und sich mit dem Stellvertreterdasein begnügen.

Stoiber wird Kanzlerkandidat und verliert die Bundestagswahl 2002 denkbar knapp. Merkel tritt dann 2005 gegen Schröder an und wird Kanzlerin. Sie bleibt 16 Jahre.

Angela Merkel und Edmund Stoiber

2005 wird Merkel erste Kanzlerin in der Geschichte der Bundesrepublik. Sie schafft, was Edmund Stoiber 2002 nicht geschafft hatte.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Januar 2021 um 13:15 Uhr.