Politischer Aschermittwoch der CSU in Passau | REUTERS
Interview

Politischer Aschermittwoch Was im digitalen Bierzelt wichtig wird

Stand: 17.02.2021 02:17 Uhr

Überfüllte Bierzelte, deftige Töne - das ist der Politische Aschermittwoch. Und dieses Jahr? Steril digital statt körpernah. Wie schlagen sich Laschet, Söder und Co? Politologin Münch erklärt im Interview, worauf es ankommt.

tagesschau.de: Traditionell geht es beim Politischen Aschermittwoch recht derb in manchem Bierzelt zur Sache. Doch in Corona-Zeiten fällt das aus. Digital statt Bierzelt - kann das funktionieren?

Ursula Münch: Das wird schwierig und eine eher sterile Angelegenheit. Es kann sich keine Stimmung hochschaukeln. Deswegen werden die Worte mehr abgewogen werden müssen. Insofern wird man sich von vorneherein überlegen, welche Zuspitzungen man platzieren kann und auf welche man verzichtet, weil man sie nicht mit einer aufgeheizten Atmosphäre im Raum rechtfertigen kann.

tagesschau.de: Der Aschermittwoch ist so etwas wie ein Stimmungsbarometer für das Superwahljahr …

Münch: … und auch eine Möglichkeit für die Spitzenpolitiker mitzubekommen, wie sich die Stimmung an der Basis anfühlt. Diese Funktion fällt dieses Mal komplett weg. Gute Redner und Rednerinnen passen sich dem Publikum an, sie müssen auch mal frei sprechen können - sich auf Stimmung, Applaus, das Raunen oder eben auch auf das Desinteresse im Publikum einstellen. Wenn man in einer Präsenzveranstaltung falsch liegt, kriegt man die entgeisterten Gesichter, das Desinteresse und den Ärger mit und kann dies aufgreifen.

Ursula Münch | Akademie für Politische Bildung Tutzing
Ursula Münch

Prof. Ursula Münch ist seit 2011 Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Sie forscht zur deutschen Parteienlandschaft und war bis vor kurzem Mitglied im Wissenschaftsrat, der die Bundesregierung in Fragen der inhaltlichen und strukturellen Entwicklung der Hochschulen, der Wissenschaft und der Forschung berät.

tagesschau.de: Kann in ein solches digitales Aschermittwochs-Format überhaupt Spannung hinein kommen?

Münch: Doch, wenngleich sich die Neugierde mehr aufs Format und etwas weniger auf die Inhalte richten wird. Alle interessiert, wie die das meistern - und wie unterschiedlich eine Frau Baerbock im Vergleich zu einem Herrn Söder vorgeht. Oder Herr Laschet gegenüber Herrn Scholz. Wie gehen die Parteien mit dem um, was viele Büroarbeitenden seit einem Jahr machen müssen - nämlich in eine Kamera hineinreden?

"Eine Gratwanderung"

tagesschau.de: Zum Karnevalsabschluss wird gelästert und übertrieben - taugt denn diese jetzige existenzielle Coronakrise für solche Töne?

Münch: Es ist sicher eine Gratwanderung. Einerseits ist das Thema Corona-Pandemie zu ernst - andererseits kann man die Maßnahmen gegen Corona natürlich schon thematisieren. Dass die einen auf Teufel komm raus lockern wollen und die anderen nicht. Gleichzeitig hat man ja noch anderes vermintes Gelände: Etwa Söder, der natürlich weiß, die Abgrenzung zur AfD muss auch bei Aschermittwoch gelingen. Das wäre auch der Auftrag beim Präsenz-Aschermittwoch gewesen, jetzt nicht irgendwelche Nähe zum Wortschatz der AfD herzustellen.

Und ich gehe mal davon aus, dass Armin Laschet großen Respekt vor der Aufgabe hat. Er weiß, unter welchen Vorzeichen er bei der CSU sprechen darf, das ist mindestens so schwer zu bewältigen wie seine Vorstellungsrede beim digitalen Parteitag der CDU.

tagesschau.de: Weshalb?

Münch: Weil es ja im Grunde jetzt darum gehen wird, in die Partei hinein wie nach außen deutlich zu machen, dass er auch bei der CSU ankommt. Wir wissen, dass die Entscheidung zur Kanzlerkandidatur von CDU und CSU gemeinsam geklärt wird.

CSU-Angebot mit Hintersinn

tagesschau.de: Wie deuten Sie denn in diesem Zusammenhang die Einladung der CSU an Laschet, ein Grußwort abzuhalten?

Münch: Das ist ein Angebot mit Hintersinn. Eine freundliche Geste, aber sie kann sich ins Gegenteil verkehren. Wenn Laschet beim Aschermittwoch der CSU schlecht ankäme, hätte er im Wettbewerb der beiden Schwesternparteien um die Kandidatur einen Klotz am Bein.

Insofern ist das eine Probe für ihn, ob ihm die CSU wirklich zutraut, gerade in diesem Jahr so eine Form des Wahlkampfes zu führen. Es wird ein überwiegend digitaler Wahlkampf werden.

tagesschau.de: Sehen Sie dadurch einen Verlust der Wahlkampfkultur?

Münch: Natürlich geht viel verloren. Uns fehlen die Veranstaltungen, zu denen die Leute bewusst hingehen, aber auch die zwangloseren Präsenzveranstaltungen: Wo man zufällig vorbeikommt und zuhört - eine Chance, neue Stimmen zu gewinnen. Es fehlt diese Zufallsbegegnung. Wahlkämpfe sind davon bisher auch geprägt gewesen. Nun muss ich als Wählerin und Wähler Politik bewusst aufsuchen, mich etwa hineinschalten in eine Videokonferenz.

tagesschau.de: Die AfD ist digital gut in ihre Anhängerschaft vernetzt. Ist sie da gegenüber den anderen Parteien im Vorteil?

Münch: Das war ein ursprünglicher Vorteil der AfD. Sie ist die jüngste Partei, die in den Parlamenten sitzt - 2013 gegründet, wo es die ganzen digitalen Netzwerke bereits gegeben hat, derer sie sich geschickt bedient hat. Doch spätestens seit Corona und der Notwendigkeit, mehr in die digitalen Netzwerke und die Plattformen zu gehen, haben die meisten Parteien rapide aufgeholt.

Das Alleinstellungsmerkmal der AfD ist die Zuspitzung. Verunglimpfen und lügen ist das, was andere Parteien so nicht machen können.

"Nicht immer nur Kritik"

tagesschau.de: Birgt ein stärker digitaler Wahlkampf größere Gefahren, dass Akteure sich manipulativ inszenieren?

Münch: Das befürchte ich schon. Man erlangt dadurch Aufmerksamkeit, dass immer noch etwas obendrauf gelegt wird. Dafür gibt es eine Nachfrage in einem Teil der Gesellschaft, der das nicht durchschaut und die Lügen womöglich glaubt. Aber: Rund achtzig Prozent der Bevölkerung lehnen den Hass und die Verunglimpfung ab.

tagesschau.de: Wenn das Krisenmanagement der Pandemie Wahlkampfthema wird - ist dann hier die AfD im Vorteil, weil sie an keiner Regierung beteiligt ist? Wer nirgendwo Verantwortung trägt, kann ja am einfachsten gegen die Corona-Politik wettern …

Münch: Die Leute wollen nicht immer nur Kritik hören, sondern auch Vorschläge, wie es anders geht.

tagesschau.de: Die AfD inszeniert sich im Bundestag als die Partei der Freiheitsrechte, die gegen politische Gängelung von oben eintritt.

Münch: Schon, aber das wird nicht verfangen. Einer deutlichen Mehrheit hierzulande gehen die Corona-Maßnahmen nicht einmal weit genug. In dieser Zeit der Pandemie ist Politik etwas geworden, was Leben rettet - und wird überwiegend so wahrgenommen. Dafür hat die AfD kein vernünftiges Konzept, sie profitiert bisher nicht nennenswert von der Pandemie. Und die Anliegen einer Freiheitspartei vertritt die FDP dann doch weniger unappetitlich.

Das Interview führte Corinna Emundts, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Februar 2021 um 09:00 Uhr.