Robert Habeck | REUTERS
Analyse

Vizekanzler Habeck Keine Zeit mehr für Posen

Stand: 27.07.2022 04:46 Uhr

Vizekanzler Habeck füllt gerade die Kommunikationslücke, die Kanzler Scholz hinterlassen hat. Seine Beliebtheitswerte steigen - doch es bringt ihm auch den Vorwurf der Selbstinszenierung und Schwarzmalerei.

Von Sabine Henkel, ARD-Hauptstadtstudio

Robert Habeck ist heute da, wo er immer hin wollte: im Kanzleramt. Habeck leitet das Kabinett, während Olaf Scholz Urlaub macht und im Allgäu wandert.  

Sabine Henkel ARD-Hauptstadtstudio

Aber Habeck ist mehr als der Vizekanzler. Er ist einer der Hauptakteure auf der politischen Bühne: Krisenmanager, Krisenerklärer und in dieser Funktion Quasi-Kanzler. Habeck füllt die Lücke, die Scholz lässt.

Durch seine Art zu sprechen vermag es Habeck, die Menschen zu erreichen. So wie er es sich vorgenommen hatte, als er Minister wurde und Regierungsverantwortung übernahm. "Was ich versuche und bewusst versuche: zu erklären wie Politik funktioniert, wie Entscheidungen zu Stande kommen beziehungsweise warum sie nicht zu Stande kommen", sagte Habeck im Herbst letzten Jahres. "Weil meine Auffassung ist, dass Politiker im Wesentlichen Übersetzer sind."

Wenn Habeck Politik übersetzt, schlägt er Töne an, die auf der politischen Bühne neu sind. Er pflegt einen ganz eigenen Kommunikationsstil. Anders als der schmallippige und spröde Scholz holt Habeck aus, findet eher zu viele als zu wenig Worte, um seine Botschaften zu platzieren. Dass das meistens schlechte Botschaften sind, ändert nichts daran, dass Habeck in vielen Umfragen der beliebteste Politiker in Deutschland ist.

Grüne Tabus gebrochen

Dabei hat er grüne Tabus gleich reihenweise gebrochen: Dass er wegen der Energiekrise weiter auf Kohle setzt, Terminals für Flüssiggas baut und möglicherweise bald die Laufzeiten von Atomkraftwerken streckt, damit in Deutschland nicht Licht und Heizungen ausgehen, hat einige Klimaschützer entsetzt.

Habeck ist der Minister für Hiobsbotschaften. Auf die Frage, ob er befürchtet, dass Putin den Gashahn ganz zudrehen könnte, antwortet er vor Wochen offen und ehrlich: "Ich würde lügen, wenn ich sage, ich schließe es aus."

"Das ist keine Politik"

Es mag auch das Bemühen um drastische Offenheit sein, das die Leute an Habeck schätzen, anders als die politische Konkurrenz: für Friedrich Merz, einen Anti-Habeck, was Attitüde und Sprache betrifft, ist der Krisenmanager in erster Linie ein Schwarzmaler: "Der Bundeswirtschaftsminister und der Bundesgesundheitsminister überbieten sich täglich mit Nachrichten, wie furchtbar alles werden kann. Das ist keine Politik."

Habeck spricht offen aus, was er befürchtet: Er verspricht auch keine einfachen Lösungen und gibt auch zu, keine Antwort zu haben, wenn es so ist. Habeck ist auf allen Kanälen zu hören und zu sehen: Auch auf Instagram erklärt er seine Politik.

Seine Inszenierungen wirken manchmal selbstverliebt und zuweilen arrogant. Das war vor allem so, als er noch Wahlkampf machte. Als Krisenmanager hat er kaum noch Zeit für Posing und nutzt die Kanäle für Erklärungen.

"Die kriegst du nicht, Alter"

Mal erläutert er fünf Minuten lang, warum er Kernkraftwerke nicht einfach weiterlaufen lassen will, mal ordnet er ein, was eine Gasdrosselung bei der Pipeline Nord Stream 1 bedeutet. Seine Worte sind einfach, verständlich, manchmal aber auch flapsig. So antwortet er etwa im ZDF auf die Frage, ob er über einen Bonus für diejenigen nachdenke, die Energie sparen: "Es ist kein Spaß, den wir hier haben und wenn wir uns nicht gegenseitig helfen, dann kommen wir nicht durch. Und wenn jemand sagt, ich helfe nur, wenn ich nochmal 50 Euro kriege, dann würde ich sagen: Die kriegst du nicht, Alter."

Ein Satz wie damals Joschka Fischers Turnschuhe. 1985 rieben sich die Leute die Augen, als sich Fischer in Sneakern vereidigen ließ, heute trauen manche ihren Ohren nicht, wenn Habeck umgangssprachlich die Welt erklärt. Ist das der Politikstil des 21. Jahrhunderts?

Habeck wollte nie Krawatte tragen, auch dieses persönliche Tabu hat er gebrochen - ganz Quasi-Kanzler. Das Institut Forsa hat ermittelt, dass sich jeder Dritte Habeck als Kanzler wünscht, weit mehr als Scholz oder Merz. Nur sind nicht am nächsten Sonntag Bundestagswahlen, sondern erst in drei Jahren.

Und ob Habeck mit seinen Beliebtheitswerten durch den kalten und für alle sehr teuren Winter kommt? Abwarten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Juli 2022 um 05:22 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".