Menschen auf dem Weihnachtsmarkt in Hamburg | dpa

Unklare Corona-Datenlage "Drei Wochen in der Unwissenheit"

Stand: 24.12.2021 13:21 Uhr

Gesundheitsexperten befürchten wegen der Feiertage einen Blindflug bei den Corona-Zahlen. Mit Blick auf Omikron sei dies eine gefährliche Unwissenheit. Zumal die Gesundheitsämter auch bei der Nachverfolgung kapitulieren.

Gesundheitsexperten haben die lückenhafte Erfassung der Corona-Infektionszahlen am Jahresende kritisiert. "Es ist mir vollkommen unverständlich, warum wir nach wie vor an jedem Wochenende eine unklare Datenlage haben, wie auch an Feiertagen", sagte der Präsident des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, der "Welt". Mit Blick auf Omikron hätte man sich auch hier anders aufstellen müssen.

Falsche Interpretation der Zahlen?

"Wir sind nicht auf der Höhe der Zeit", sagte Montgomery weiter. "Die Daten, die wir in den nächsten Wochen bekommen werden, dürften unterschiedlichsten Interpretationen Tür und Tor öffnen. Darunter sicher viele falsche."

Montgomery dürfte hier vor allem die nächste Bund-Länder-Konferenz im Blick haben, die für den 7. Januar geplant ist und auf der über mögliche weitere Verschärfungen aufgrund der Omikron-Variante gesprochen werden soll. Dazu müssten aber verlässliche Daten vorliegen.

Der Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hatte schon am Mittwoch auf ein zu erwartendes unvollständiges Bild hingewiesen. In einem Hinweis zu den täglichen Fallzahlen heißt es nun beim RKI: 

Während der Feiertage und zum Jahreswechsel ist bei der Interpretation der Fallzahlen zu beachten, dass mit einer geringeren Test- und Meldeaktivität zu rechnen ist.

Eine "trügerische Sicherheit"

Auch der Leiter des Berliner Gesundheitsforschungsinstitut IGES, Bertram Häussler, teilte die Bedenken: Am Tag vor Heiligabend "bekommen wir die letzten validen Daten, bevor das Land für drei Wochen in der Unwissenheit versinkt", sagte er der "Welt". Nach fast zwei Jahren Pandemie herrsche weiterhin eine "ähnlich nebulöse Meldelage", an Wochenenden sei dies regelmäßig der Fall. Nur werde der Blindflug zum Jahresende nicht zwei bis drei Tage anhalten, sondern mehrere Wochen. Aber Omikron mache keine Weihnachtspause.

Von "trügerischer Sicherheit" sprach auch der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Tino Sorge. Die schlechte Datenlage durch Meldeverzüge habe man "leider fast zwei Jahre als unveränderlich hingenommen", stimmte FDP-Politiker Andrew Ullmann zu. Im Gegensatz zu den vergangenen Feiertagen seien dieses Mal aber vielerorts Test- und Impfzentren offen. "Der Meldeverzug wird dadurch etwas abgeschwächt."

Gesundheitsämter über dem Limit

Für die unzureichende Datenlage zwischen den Jahren sind nach Einschätzung der Verbandschefin der Amtsärzte, Ute Teichert, nicht nur die Gesundheitsämter verantwortlich, die mit dem Melden positiver Corona-Nachweise nicht so hinterherkommen dürften wie sonst. Es gingen auch schlicht weniger Menschen zum Testen.

Die Gesundheitsämter kommen aber nicht nur mit dem Melden aktueller Zahlen nicht hinterher. Wegen Überlastung und Personalnot habe ein großer Teil der Ämter die Kontaktverfolgung und Quarantäneansprache bei Corona-Infizierten eingestellt. "Eine flächendeckende Nachverfolgung findet im Moment fast gar nicht mehr statt", sagte Teichert dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Mehrere Länder hätten sogar komplett die Suche nach Kontaktpersonen ausgesetzt, zum Beispiel Baden-Württemberg, Berlin und Hamburg. 

Berlin wies die Darstellung Teicherts im Deutschlandfunk zurück. Eine Sprecherin der Gesundheitsverwaltung sagte, die Berliner Gesundheitsämter leisteten die Kontaktnachverfolgung gemäß den Richtlinien des RKI. In acht Gesundheitsämtern sei zudem die Bundeswehr dafür im Einsatz.

Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen warnte vor der fehlenden Kontaktnachverfolgung besonders bei der Omikron-Variante. "Sie kann sich rasant ausbreiten, ohne dass dies rechtzeitig bemerkt wird", sagte er dem RND. "Wenn wir nicht frühzeitig bemerken, dass die tatsächlichen Fallzahlen steigen, kann die Politik darauf nicht angemessen reagieren."

Sieben-Tage-Inzidenz sinkt

Die Gesundheitsämter melden dem RKI seit Tagen sinkende Fallzahlen und Inzidenzen. Aktuell wurden 35.431Corona-Neuinfektionen registriert. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz sank auf 265,8. Zum Vergleich: Am Vortag hatte der Wert bei 280,3 gelegen. Vor einer Woche lag die bundesweite Inzidenz bei 331,8 (Vormonat: 404,5).

Deutschlandweit wurden binnen 24 Stunden 370 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 437. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 6.959.067 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.

Omikron in allen Bundesländern

Unter den Infektionen sind inzwischen in allen Bundesländern immer mehr mit der Omikron-Variante des Coronavirus. Auch wenn der überwiegende Anteil der Infektionen nach wie vor von der Delta-Variante des Coronavirus verursacht wird, ist die Zahl der nachgewiesenen Omikron-Fälle in den vergangenen Wochen deutlich angestiegen, schreibt das RKI in seinem aktuellen Wochenbericht.

Sachsen will mehr Kompetenzen für Länder

Angesichts der Ausbreitung dieser hochansteckenden Virusvariante forderten Vertreter der Länder ein schnelleres Handeln vom Bund. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sprach sich in der "Rheinischen Post" für ein Vorziehen der bisher für den 7. Januar geplanten nächsten Ministerpräsidentenkonferenz aus. Zudem solle der Bundestag erneut die epidemischen Lage von nationaler Tragweite beschließen. Mehr Handlungsspielraum für die Länder forderte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. "Uns fehlt die Zeit, erst warten zu müssen, bis der Bundestag wieder neu zusammentritt und das Infektionsschutzgesetz ändert", sagt er der Düsseldorfer Zeitung "Rheinischen Post".

Die derzeitige Rechtslage erlaubt den Ländern jederzeit, eine Vielzahl der Corona-Maßnahmen in Eigenregie zu verschärfen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. Dezember 2021 um 13:34 Uhr.