Passanten gehen durch die Saarbrücker Innenstadt. | dpa

Kritik an Saarlands Öffnungsplan "Keine Alternative zum Lockdown"

Stand: 26.03.2021 09:31 Uhr

Das Saarland will trotz steigender Zahlen nach Ostern vorsichtig öffnen - und erntet dafür Kritik. Der Marburger Bund warnt vor unabsehbaren Folgen, der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach spricht von "Jugend forscht".

Unmittelbar nach Ostern will das Saarland in einem Modellversuch unter Einbeziehung von Corona-Tests die Restriktionen lockern. Doch der Plan stößt auf Kritik von Ärztevertretern. "Versuche in Modellregionen können in dieser Situation keine Alternative zum Lockdown sein", sagte die Vorsitzende des Ärzteverbands Marburger Bund, Susanne Johna, der "Rheinischen Post". Die dritte Welle sei in vollem Gange. Sie sehe es daher "kritisch, wenn mit dem Saarland ein zwar kleines, aber doch ganzes Bundesland einen Modellversuch durchführen" wolle. Auch wenn die Inzidenz im Saarland noch relativ niedrig sei, bleibe völlig unklar, wie verhindert werden solle, dass viele Menschen aus anderen Bundesländern wegen der Öffnungen einreisen, sagte die Verbandschefin. 

"Wo immer es Modellversuche geben wird, brauchen wir eine enge Überprüfung der Ergebnisse", mahnte Johna. Es müsse "vorher eindeutig geklärt sein, was positiv getestete Menschen tun müssen". Und die Kommunen, die sich als Modellregion beteiligen, müssten "die Einhaltung der Quarantäne von positiv Getesteten auch überprüfen". Johna fügte hinzu, dass nach ihrer Einschätzung in Deutschland schon rund 80 Prozent der Corona-Neuinfektionen auf die ansteckendere Virusvariante B.1.1.7 zurückzuführen seien.

Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnte vor solchen Modellprojekten zum jetzigen Zeitpunkt. "Wir brauchen nicht wie bei 'Jugend forscht' auszuprobieren, was ich mit ein paar Tests hinbekomme und wie weit ich gehen kann, bevor mir das alles kollabiert", sagte der Politiker in der ZDF-Sendung "Maybrit Illner". Es werde nicht funktionieren, mit vielem Testen die dritte Welle zu beherrschen. "Die erste Phase müsste wirklich noch einmal ein Lockdown sein - so unpopulär es auch ist, das zu sagen", so Lauterbach.

Als mutig bezeichnete Virologe Martin Stürmer den geplanten saarländischen Modellversuch gegenüber dem rbb-Inforadio. Auch die Grundidee, sich Alternativen zum Lockdown zu überlegen, sei nicht schlecht. Er rate allerdings davon ab, die Regelung gleich für das ganze Bundesland zu beschließen. "Ich finde, man sollte jetzt erstmal versuchen, das Infektionsgeschehen insgesamt wieder in den Griff zu bekommen. Auch wenn jetzt das Saarland eine niedrige Inzidenz hat, heißt es ja nicht, dass das so bleiben muss. Und deswegen würde ich erstmal herunterfahren und gleichzeitig ebensolche Modelle nicht aus den Augen verlieren - aber ich würde sie kleiner und gezielter halten"

Hans verteidigt Öffnungspläne

Die saarländische Regierung will ab dem 6. April mit einer entsprechenden Rechtsverordnung die Corona-Restriktionen für Gastronomie, Sport und Kultur sowie private Treffen lockern. Mit einem tagesaktuellen negativen Corona-Test soll auch der Besuch von Theatern, Kinos, Konzerthäusern und Fitnessstudios wieder möglich sein. Wenn sich das Vorgehen als erfolgreich erweist, sollen ab dem 18. April weitere Öffnungsschritte folgen. Ministerspräsident Tobias Hans verteidigte die Pläne in den tagesthemen. Er betonte, dass die Lockerungen Anreize für Corona-Tests sein sollen, mit denen Infizierte schnell entdeckt werden könnten.

Unterstützung bekommen die Pläne vom Städte- und Gemeindebund. Zwar sei die Lage angesichts steigender Infektionszahlen besorgniserregend. "Aber das ist auf jeden Fall der richtige Weg", sagt Hauptgeschäftsführer Gerd Landesberg im ZDF. Es könne bei den Menschen das Gefühl erzeugen, dass man wieder etwas mehr Freiheiten haben könne, wenn man sich testen lasse und vernünftig verhalte. Die Möglichkeit, mit einem negativen Test einzukaufen, ins Restaurant oder ins Kino zu gehen sei ein Hoffnungssignal, auf das die Menschen nach rund einem Jahr Pandemie warteten. "Und dann sind sie vielleicht auch eher bereit, die anderen Dinge einzuhalten."

Laufende Modellprojekte

Ähnliches Modellprojekte gibt es bereits in einzelnen Städten. In Tübingen etwa können Menschen an Teststationen kostenlose Corona-Tests machen. Mit einem negativen Ergebnis kommen sie in Läden, zum Friseur oder auch in Theater und Museen. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist im Landkreis Tübingen in den vergangenen Tagen stetig gestiegen - auf zuletzt 71,3. Am vergangenen Dienstag wurden Lockerungen im Bereich Einzelhandel, Kultur, Kunst und Sport im Landkreis wieder zurückgenommen, das Modellprojekt der Stadt blieb davon jedoch unberührt.

In Mecklenburg-Vorpommern konnte Hansa Rostock am vergangenen Samstag vor rund 700 Zuschauern Fußball spielen. An diesem Freitag kann das Volkstheater Rostock seine erste Premiere seit Monaten feiern - mit Negativtest der Zuschauer.

In Nordrhein-Westfalen soll laut einem Zeitungsbericht Köln bei einem Modellversuch des Landes zur sicheren Öffnung von Einzelhandel, Gastronomie und Veranstaltungsstätten eine zentrale Rolle spielen. Am Beispiel der größten Stadt in NRW solle erprobt werden, wie die Maßnahmen in einer Metropole greifen, berichtete der "Kölner Stadt-Anzeiger".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. März 2021 um 12:00 Uhr und 20:00 Uhr.