Untersuchung eines Patienten auf einer Covid-19 Intensivstation. | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Intensivmediziner zu Corona "Lage nicht unter Kontrolle"

Stand: 22.11.2021 17:09 Uhr

Angesichts der steigenden Infektionszahlen in Deutschland warnen die Intensivmediziner, die Lage sei sehr besorgniserregend und nicht unter Kontrolle. Einige Intensivstationen seien überlastet. Kanzlerin Merkel fordert die Länder zu drastischen Schritten auf.

Die Intensivmediziner-Vereinigung DIVI zeigt sich sehr besorgt über die Corona-Lage in Deutschland. Der DIVI-Präsident Gernot Marx sagte, die Pandemie sei "momentan nicht unter Kontrolle". Mehr als 3670 Covid-19-Patienten und -Patientinnen würden nun auf Intensivstationen in Deutschland versorgt, knapp 1200 seien vergangene Woche hinzugekommen.

Verlegung in Kliniken, Operationen verschieben

Wenn die Infektionsdynamik in den nächsten Tagen und Wochen anhalte und es weiter einen ungebremsten Anstieg an schwerkranken Covid-19-Patienten gebe, werde es in den kommenden Wochen vermehrt zu Verlegungen in andere Krankenhäuser kommen, betonte Marx. Der bisherige hohe Standard in der Patientenbehandlung werde dann nicht in allen Kliniken gehalten werden können.

Auch die allgemeine Gesundheitsversorgung stünde in der Folge nicht mehr auf sehr hohem, gewohntem Niveau zur Verfügung. Jeder Notfall und jeder Covid-19-Patient werde jedoch versorgt, betonte Marx.

Sachsen bereitet sich auf "Triage" vor

In Regionen mit überdurchschnittlich hohen Inzidenzen hätten Krankenhäuser mit "akuten Überlastungssituationen" zu kämpfen, sagte Marx. Daher würden dort verschiebbare, aber medizinisch notwendige Operationen zunächst abgesagt. Schon jetzt komme es zu einer Priorisierung der Fälle.

So muss Sachsen sich nach Angaben der Landesärztekammer auf eine Triage vorbereiten. Es stünden im Freistaat nur noch wenige Betten auf den Intensivstationen zur Verfügung, sagte der Präsident der Landesärztekammer, Erik Bodendieck, dem Sender NDR Info. Wenn sich daran nichts ändere, müsse über eine Auswahl nachgedacht werden, wer behandelt werde und wer nicht. "Wir müssen triagieren, und das werde ich diese Woche mit meinen Kolleginnen und Kollegen in den Kliniken noch mal besprechen."

Bodendieck sagte dem Deutschlandfunk, dass die Behandlung aller Patienten zurzeit noch leistbar sei. Bei den Prognosen gehe er aber davon aus, dass Sachsen in den nächsten Tagen so in die Belastung hineingehe, dass zwei Menschen um ein Bett "kämpfen müssen". Die Überlegung sei dann, wer die besseren Aussichten auf einen Erfolg der Behandlung habe.

Krankenhausgesellschaft sieht noch Spielraum

Unmittelbar stelle sich die Frage nach einer Triage in Sachsen noch nicht. Das sieht auch Friedrich R. München, stellvertretender Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen (KHG) so. Noch befinde man sich in der Phase, Patienten zwischen den einzelnen Krankenhaus-Clustern sowie in die Bundesländer Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu verlegen. Danach sei eine Verlegung etwa nach Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein eine Option: "Wenn das nicht mehr geht, haben wir ein Problem."

München zufolge seien derzeit 1345 Intensivbetten in Sachsen mit Corona-Patienten und anderen Kranken belegt. Es gebe noch rund 170 freie Betten und eine Notfallreserve von 627 Betten. Bei dieser Reserve sei aber unklar, ob für alle Betten auch noch Personal zur Verfügung stehe.

Erste Kliniken in Mecklenburg-Vorpommern ausgelastet

Auch in Mecklenburg-Vorpommern melden die ersten Krankenhäuser ausgelastete Intensivstationen. Am Morgen traf dies laut Intensivregister der DIVI auf vier Kliniken zu: das Kreiskrankenhaus Demmin, die KMG Klinik Boizenburg, das Krankenhaus Ludwigslust und das DRK-Krankenhaus Grevesmühlen. Weitere 14 Krankenhäuser meldeten nur noch begrenzte Kapazitäten.

DIVI-Präsident Marx erklärte, die Belastungen seien auch deshalb so groß, weil erschöpfte Pflegekräfte ihre Arbeitszeit reduziert oder sogar ihren Beruf verlassen hätten. "Das bedeutet für Deutschland etwa 4.000 Intensivbetten weniger als vor einem Jahr."

Marx appellierte an die Politik, sich für den Fall einer weiter ungebremsten Corona-Ausbreitung zu wappnen. Falls das vorige Woche beschlossene Paket nicht ausreichend greife, sollten für den 9. Dezember zusätzliche Maßnahmen gegen die vierte Welle vorbereitet werden.

Merkel: "Eine Lage, die alles übertreffen wird"

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich alarmiert über die Corona-Lage in Deutschland geäußert: "Wir haben eine hoch dramatische Situation. Was jetzt gilt, ist nicht ausreichend", sagte die geschäftsführende Kanzlerin nach Informationen aus Teilnehmerkreisen im CDU-Bundesvorstand in Berlin. "Wir haben eine Lage, die alles übertreffen wird, was wir bisher hatten."

Man müsse den exponentiellen Anstieg schnell stoppen, sonst komme man an die Grenze der Handlungsfähigkeit, forderte Merkel. Sie habe den Eindruck, dass vielen Menschen der Ernst der Lage gar nicht mehr bewusst sei, fügte sie mit Hinweis auf die Lage in den Intensivstationen hinzu.

Merkel fordert Maßnahmen von Ländern

Auch das notwendige Impfen allein helfe jetzt nicht, betonte sie. Merkel forderte die Bundesländer auf, bis zum 24. November einschneidende Maßnahmen zu beschließen, die ihnen danach - nach dem Auslaufen der epidemischen Lage von nationaler Tragweite und gemäß dem neuen Infektionsschutzgesetz - verboten würden. Regelungen wie 2G würden einfach nicht mehr ausreichen, um das Infektionsgeschehen einzudämmen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. November 2021 um 16:00 Uhr.

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Moderation 22.11.2021 • 22:11 Uhr

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