Ein Schild auf einem Wochenmarkt in Oberhausen, das auf die Maskenpflicht hinweist ,ist durchgestrichen. | dpa

Corona-Lockerungen Angemessen - zumindest für den Moment

Stand: 23.04.2022 11:25 Uhr

Vor etwa drei Wochen sind die meisten Corona-Regeln weggefallen. Auch die Maskenpflicht gilt vielerorts nicht mehr. Fachleute halten die Lockerungen inzwischen für angemessen - zumindest für den Moment.

Von Simon Sachseder, BR

Drei Wochen nach dem Wegfall der meisten Corona-Regelungen in weiten Teilen Deutschlands blicken Fachleute relativ entspannt auf die kommenden Wochen. Angesichts der sinkenden Corona-Fälle auf Intensivstationen spricht etwa der Leiter des Statistischen Beratungslabors an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, Helmut Küchenhoff, von einer guten Entwicklung.

Dieser Zahlenrückgang bei den Intensiv- aber auch bei den Krankenhausaufnahmen sei konsistent über alle Bundesländer. "Deswegen würde ich davon ausgehen, dass das durchaus ein Effekt ist, der nachhaltig ist." Auch der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, Bernd Salzberger, spricht von einer sich beruhigenden Lage in ganz Deutschland.

Auch die Sieben-Tages-Inzidenz war in den vergangenen Wochen stark gesunken, zuletzt aber wieder leicht gestiegen. Hier dürften Ostern eine wichtige Rolle gespielt haben, weil an Feiertagen weniger Test durchgeführt und weniger Infektionsfälle übermittelt werden und es in den Tagen danach entsprechende Nachmeldungen gibt.

Zahlen wohl höher als in offizieller Statistik

Am Samstag gab das Robert Koch-Institut (RKI) den Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche mit 821,7 an. Allerdings gehen Experten bei dieser Kennziffer seit einiger Zeit von vielen nicht erfassten Fällen aus - wegen überlasteten Gesundheitsämtern und weil zuletzt auch immer weniger PCR-Tests durchgeführt wurden, auf denen die offiziellen Statistiken beruhen. Tatsächlich gebe es derzeit wohl etwa zweimal so viele Fälle, wie offiziell ausgewiesen werden, sagte auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. Das RKI schätzt den Infektionsdruck in der Bevölkerung weiter als hoch ein.

Bund und Länder hatten ihre Corona-Maßnahmen Anfang April deutlich gelockert und zahlreiche Regelungen auslaufen lassen - am strittigsten war das Ende der Maskenpflicht im Einzelhandel. Angesichts der weiterhin hohen Inzidenzen war der Wegfall vielfach kritisiert worden. Lediglich Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern hatten die sogenannte Hotspot-Regelung für schärfere Maßnahmen genutzt. Gesundheitsminister Lauterbach hatte auch die anderen Bundesländer dazu aufgefordert.

Große Bedeutung der Eigenverantwortung

Es spreche vieles dafür, dass es durchaus berechtigt war, die Maßnahmen aufzuheben, meint Statistiker Küchenhoff. Der Wegfall der Regeln habe sich nicht negativ auf das Geschehen ausgewirkt. Infektiologe Salzberger hätte sich die Maskenpflicht hingegen noch etwas länger gewünscht. "Wir haben drei Wochen lang trotzdem noch hohe Inzidenzen gehabt und die Sorge vieler Virologen und Infektiologen war, dass sich jetzt noch vulnerable Menschen anstecken." Es sei noch eine hohe Viruslast verbreitet gewesen. Mittlerweile hält aber auch er es für angemessen, dass zum Beispiel in Supermärkten keine Maskenpflicht mehr gilt.

Dass die Zahlen tendenziell sinken, hängt für Salzberger stark mit der Eigenverantwortung der Menschen zusammen. Auch Immunität und Impfung spielten eine Rolle, und ein Stück weit helfe auch das gute Wetter. In den beiden Vorjahren sanken die Corona-Zahlen ebenfalls Ende April, Anfang Mai. Gesundheitsminister Lauterbach ging zuletzt ebenfalls davon aus, dass die Pandemie saisonal zurückgehen werde. Man werde zwar geringe Fallzahlen haben, aber keine Situation wie im vergangenen Jahr, als der Sommer "fast coronafrei" gewesen sei. Dafür sei die aktuelle Omikron-Virusvariante auch bei gutem Wetter zu ansteckend.

Wie wäre die Lage mit noch geltenden Maßnahmen?

Ob die Zahlen mit länger geltenden strengeren Corona-Regeln schneller gefallen wären, könne man kaum abschätzen, sagt Statistiker Küchenhoff. "Was einzelne Maßnahmen bewirken ist - auch im Nachhinein - sehr schwer zu beurteilen."

Das liegt unter anderem daran, dass meist mehrere Maßnahmen gleichzeitig galten und im Nachhinein nicht festzustellen ist, welche Maßnahme wie viel oder wie wenig bewirkte. Aus der Theorie der ansteckenden Krankheiten wisse man zumindest, dass die Kontaktreduzierung wirke und auch das Tragen der Maske zeige in Studien eine sichtbare Wirkung. "Das Entscheidende ist das Verhalten der Leute und nicht unbedingt die Vorschriften", betont auch Küchenhoff.

Was kommt nach den sorgenfreien Wochen?

Fragt man die Experten nach längerfristigen Prognosen mit Blick auf Herbst und Winter, bleiben sie vage. "Was im Herbst passieren wird, kann im Moment keiner seriös vorhersagen. Es können sich neue Varianten entwickeln. Es kann was ganz Neues passieren. Das wissen wir einfach nicht", so Statistiker Küchenhoff.

Virologe Salzberger ergänzt, dass die Menschen nicht damit rechnen sollten, dass die Pandemie vorbei sei. Deutschland sollte sich so gut es geht auf verschiedene Szenarien vorbereiten.

Über dieses Thema berichtete Bayern 2 am 23. April.2022 um 10:00 Uhr