in Krankenpfleger steht im Covid-Isolierbereich einer Intensivstation von einem Krankenhaus.  | dpa

Corona-Lage in Kliniken Leichter Sommer, harter Herbst?

Stand: 22.04.2022 14:20 Uhr

In den Krankenhäusern entspannt sich die Corona-Lage. Die Zahl der infizierten Patienten sinkt, auch immer weniger Personal erkrankt. Zeit zum Durchatmen bleibt dennoch nicht - und auch der nächste Herbst kommt bestimmt.

Von Robert Holm, rbb

Georg von Boyen hat harte Wochen hinter sich. Er ist ärztlicher Leiter der Kliniken im Landkreis Sigmaringen in Baden-Württemberg, wo die Inzidenz zwischenzeitlich auf über 3600 gestiegen war. Das merkte er auch in seinen Kliniken: Neue Isolierstationen mussten eröffnet werden, dafür wurde extra Personal aus anderen Bereichen abgezogen, parallel meldeten sich mehr und mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter krank, weil sie sich mit Corona infiziert hatten.

Robert Holm

"Seit ungefähr zehn Tagen merken wir aber, dass die Fallzahlen auf unseren Stationen kontinuierlich zurückgehen. Und was entscheidend ist: Immer weniger Mitarbeiter müssen aufgrund einer Covid-Infektion zuhause bleiben", sagt von Boyen erleichtert. Die Krankenhäuser in Baden-Württemberg haben 13 Prozent weniger Patientinnen und Patienten mit Corona als noch vor einer Woche. 

Lange OP-Liste

Langsam kehre wieder ein bisschen Klinik-Alltag ein, erzählt er. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kämen von den Isolierstationen zurück in ihre Stammteams. Doch es gäbe weiterhin viel zu tun. Die Liste der aufgeschobenen Operationen sei lang: Eingriffe in der Urologie, künstliche Gelenke, die eingesetzt werden müssen, kardiologische Operationen, die nicht länger warten können. Zeit zum Durchatmen bleibe kaum, so der Mediziner.

In vielen Krankenhäusern entspannt sich die Lage. Besonders stark sinkt die Zahl der Menschen mit Corona-Infektionen auf den Stationen in Bayern und Nordrhein-Westfalen (jeweils -13 Prozent) und Brandenburg (-14 Prozent). Das Saarland verzeichnet sogar einen Rückgang von 15 Prozent. "Wir setzen sehr darauf, dass dieser Trend nachhaltig ist und sich über den Sommer hinweg verstetigt", sagt Gerald Gaß, der Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft. "Selbstverständlich kann es immer in einzelnen Regionen zu deutlichen Anstiegen kommen."

Das Virus als Teil des Alltags

Das Virus wird bleiben und Teil des Alltags werden. Im Ernst von Bergmann Klinikum Potsdam gibt es zwar noch einen speziellen Bereich für schwere Fälle, wo im Moment 14 Patienten liegen. "Aber wir haben schon vor einigen Wochen begonnen, leichtere Fälle auch dezentral auf Normalstationen zu integrieren. Denn wir müssen uns darauf einstellen, dass Corona weiter existiert und ein Stück weit Normalfall im Krankenhaus wird", sagt Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmidt. Die Stimmung im Team sei gemischt, auch wenn die Zahl der Coronafälle in brandenburgischen Krankenhäusern zuletzt um zehn Prozent innerhalb einer Woche gesunken ist. "Es gibt Bereiche, die haben in den letzten zwei Jahren eine hohe Belastung gehabt und kaum Luft bekommen, vor allem auf den Intensivstationen. Und es bleibt die Sorge, dass Corona uns bald wieder einholt."

Diese Angst hat auch Mediziner von Boyen in Sigmaringen. "Ich schaue viel auf die Südhalbkugel der Welt. Da kann man eventuell ein bisschen vorausblicken, was auch bei uns im Winter sein könnte." Er bedauert, dass der Impffortschritt in Deutschland mittlerweile stagniert. "Ich habe ein Déjà-vu: Es war auch im vergangenen Jahr so, dass in der Politik mit dem Beginn der entspannenden Phase eine gewisse Erleichterung eingesetzt hat." Keiner mache sich mehr die Mühe, darüber nachzudenken, was im Herbst kommen könnte. "Wenn die Politik wieder wach wird im Oktober, haben wir schon wieder steigenden Zahlen im Haus", befürchtet er.

Dass Gesundheitsminister Karl Lauterbach vor einer "Killervariante" im Herbst warnt, helfe nicht. "Das ist einfach mal so ausgesprochen, ohne daraus Konsequenzen abzuleiten." Er hofft, dass die Politik rechtzeitig handelt, bevor es wieder kalt wird. Damit ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen in der Klinik nicht wieder so einer harter Herbst und Winter bevorsteht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. April 2022 um 15:00 Uhr.